Unternehmenskrise 2026: Ausfallrate überschreitet Zwei-Prozent-Marke
03.06.2026 - 03:01:34 | boerse-global.deDoch der Schein trügt: Der deutsche Mittelstand steckt in der Krise, und die Lieferketten bleiben fragil.
Laut dem aktuellen FalkenSteg/FINANCE-Insolvenzreport meldeten im ersten Quartal 94 Firmen mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz Insolvenz an. Das ist ein Rückgang um 35 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und 27 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Klingt nach Entwarnung? Ist es nicht. Denn der Wert liegt immer noch deutlich über dem Fünfjahresschnitt von 67 Fällen.
Stagnation seit 2019 – Industrie bremst Investitionen
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Die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) sehen ein grundlegenderes Problem. „Eine Stagnationskette zieht sich seit 2019 durch die Wirtschaft", so die Analyse. Nur 14 Prozent der Industrieunternehmen berichten von einer verbesserten Geschäftslage. Besonders alarmierend: 42 Prozent der Industriebetriebe planen für 2026 sinkende Investitionen. Das dürfte die Konjunktur weiter belasten.
Während die Großkonzerne also vergleichsweise stabil dastehen, sieht es im Mittelstand ganz anders aus. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet für 2026 mit rund 22.000 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland – ein Anstieg um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Erstmals seit der Finanzkrise 2008/2009 wird die Ausfallrate für den deutschen Unternehmenssektor die Zwei-Prozent-Marke überschreiten: Prognostiziert sind 2,08 Prozent. Besonders verwundbar sind junge Firmen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren – hier liegt die Ausfallrate bei erschreckenden 3,66 Prozent. Besonders unter Druck stehen das Baugewerbe, die Gastronomie und der Einzelhandel. Auch die Logistikbranche kämpft mit einer erwarteten Ausfallrate von 3,58 Prozent.
Autoindustrie: Die Krise wandert die Lieferkette hinunter
In der Automobilbranche zeigt sich ein besorgniserregendes Bild. Eine aktuelle Analyse von Prewave offenbart: Von 44 untersuchten europäischen Tier-1-Zulieferern stehen 22 unter hohem oder kritischem finanziellen Druck. Seit 2021 sind die Stressindikatoren bei Tier-2-Zulieferern massiv gestiegen. Die Zahl der Insolvenzen deutscher Autozulieferer hat sich im Vergleich zu 2024 um 65 Prozent erhöht.
Noch beunruhigender: 64 Prozent der Fahrzeughersteller (OEMs) sind indirekt mit angeschlagenen Firmen bis hinunter zur Tier-5-Ebene verbunden. Das Risiko von Kettenreaktionen in der Lieferkette ist damit enorm.
Technologiebranche: GoPro kämpft ums Überleben
Im Technologiesektor schlägt GoPro Alarm. Der Actionkamera-Hersteller warnte vor einer möglichen Einstellung des Geschäftsbetriebs. Grund sind explodierende Speicherchip-Preise: Die Kosten für DRAM-Bausteine sind um 115 Prozent gestiegen – angetrieben durch die enorme Nachfrage nach KI-Infrastruktur.
GoPro verbuchte 2025 einen Nettoverlust von 83,3 Millionen US-Dollar (rund 77 Millionen Euro) und hat seit April 2026 bereits 23 Prozent seiner Belegschaft entlassen. Das Management prüft nun mehrere Optionen: eine Fusion, einen Verkauf oder eine strategische Neuausrichtung in Richtung Luftfahrt und Rüstung.
Große Umstrukturierungen: Siemens, Thyssenkrupp und Co.
Mehrere deutsche Industrie-Schwergewichte befinden sich im Umbau:
Siemens treibt seinen Plan „One Tech Company" voran. Mindestens 20.000 Arbeitsplätze in Deutschland sind betroffen, doch der Konzernchef verspricht: betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben. Die Sparte Digital Industries wird von vier auf zwei Einheiten verschlankt – mit Fokus auf Automatisierung und Software.
REVO Hospitality Group hat nach dem Insolvenzverfahren Anfang 2026 insgesamt 120 Hotels an fünf internationale Käufergruppen verkauft. Am Berliner Hauptsitz fielen 450 Stellen weg, die rund 5.450 Arbeitsplätze in den Hotels sollen aber erhalten bleiben.
Betz International – der Logistikdienstleister mit einst 8.000 Beschäftigten – hat am 1. Juni 2026 das reguläre Insolvenzverfahren eröffnet. Hohe Treibstoffkosten und schwache Margen werden als Hauptgründe genannt.
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Atlas-Gruppe steht vor der Übernahme durch die kanadische ASKO Group (Buhler Versatile). Der operative Geschäftsbetrieb des insolventen Maschinenbauers soll übernommen werden, die notarielle Beurkundung ist für den 8. Juni 2026 geplant.
Thyssenkrupp: Zukunft der Stahlsparte weiter ungewiss
Bei Thyssenkrupp bleibt die Lage angespannt. Nach dem Scheitern der Gespräche mit einem potenziellen Partner für die Stahlsparte fordern Arbeitnehmervertreter nun die vollständige Abspaltung von Thyssenkrupp Steel Europe. Die Finanzierung der milliardenschweren Transformation zur grünen Stahlproduktion ist weiterhin ungeklärt – ein gewaltiger Brocken für den Konzern.
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