Tarifverhandlung Metall: 39 Monate Krise und 2700 Arbeitsplätze monatlich weg
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 10:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die anstehende Tarifrunde in der deutschen Metall- und Elektroindustrie zeichnet sich durch eine spürbar angespannte Ausgangslage aus. Während Arbeitgeber und Gewerkschaften über die wirtschaftliche Lage und Belastungen der Betriebe debattieren, stehen Fragen zu Löhnen, Standortsicherung und Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt. Die Tarifverhandlungen betreffen bundesweit Millionen Beschäftigte in einer Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft.
Wirtschaftlicher Druck und Konjunkturdaten
Die Rahmenbedingungen für die Tarifgespräche gelten als anspruchsvoll. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die Metall- und Elektroindustrie verharrt seit 39 Monaten ununterbrochen im negativen Bereich. Zudem geben knapp 40 Prozent der Betriebe an, dass Auftragsmangel ihre Produktion behindert.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind die Kosten: Die Arbeitskosten in der deutschen Industrie dieses Sektors beliefen sich im Jahr 2025 auf 53,76 Euro pro Stunde und lagen damit deutlich über den Vergleichswerten in den USA, Großbritannien, Osteuropa sowie Asien. Gesamtmetall-Präsident Wolf stufte die Gesamtlage als ausgesprochen kritisch ein.
Auch auf regionaler Ebene spiegeln sich diese Belastungen wider. NRW-Arbeitgeberpräsident Kirchhoff verwies darauf, dass die Produktionsanlagen nur zu knapp 80 Prozent ausgelastet seien und pro Monat 2700 Arbeitsplätze in der nordrhein-westfälischen Metall- und Elektrobranche verloren gingen.
Zudem liege das dortige Produktionsniveau 27 Prozent unter dem Niveau von 2018, während es weltweit um 13 Prozent zulegte. Die Arbeitskosten bezifferte er auf 65.000 Euro pro Beschäftigten, während monatlich 2500 Industriearbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen abgebaut würden.
Einen reinen Inflationsausgleich wies Kirchhoff zurück, da nicht die Inflation der maßgebliche Maßstab sei, sondern die Produktivität. In der Metallindustrie Nordrhein-Westfalens arbeiten derzeit noch rund 643.000 Menschen, was einem historischen Tiefstand entspricht.
Stimmungsbild und Positionen der Arbeitnehmerseite
Aufseiten der IG Metall zeigen sich derweil differenzierte Rückmeldungen aus den Unternehmen. Eine Befragung der Gewerkschaft unter rund 267.000 Teilnehmenden aus 2.285 Betrieben ergab, dass knapp die Hälfte der Beschäftigten eine moderate Erhöhung befürwortet.
Rund 35 Prozent sprachen sich für eine kräftige Anhebung aus, während 4,1 Prozent keine Erhöhung nannten. Aus den Regionen wurden unterschiedliche Vorstellungen laut: In Baden-Württemberg lagen die Erwartungen bei rund 5 Prozent, bei Mercedes in Untertürkheim bei über 6 Prozent und in Bayern zwischen 5 und 6 Prozent.
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Eine weitere Umfrage der IG Metall aus den Monaten Juli und August 2026 unter 2.457 Betrieben mit insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten ergab, dass 63 Prozent der Betriebsräte die Auslastung als gut oder sehr gut bewerten – ein Anstieg um 6 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.
Über 60 Prozent der Betriebsräte stuften die Auslastung positiv ein, und 58 Prozent äußerten gute oder sehr gute Erwartungen. Gleichzeitig zeigte sich jedoch ein gegenläufiger Trend: Jedes sechste Unternehmen mit guten Aussichten baute Stammbelegschaft ab (15 Prozent im Vergleich zu 5 Prozent vor drei Jahren).
Überdies hat die Gewerkschaft seit 2020 über 10 Prozent ihrer Mitglieder verloren und droht unter die Marke von zwei Millionen zu fallen, während in der Metallbranche, im Autobau und im Elektrosektor seit 2020 fast 300.000 Stellen wegfielen.
Debatten um Arbeitszeitmodelle in den Betrieben
Neben Entgelten rücken betriebliche Regelungen zur Arbeitszeit zunehmend in den Fokus der Auseinandersetzungen. Bei Mercedes verhandelt das Management mit den Betriebsräten und fordert eine 38-Stunden-Woche in Deutschland anstelle der bisherigen 35 Stunden, was drei Stunden unbezahlter Mehrarbeit pro Woche entspräche.
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Das Management ließ offen, ob dieser Schritt befristet oder dauerhaft erfolgen soll, und drohte mit weiteren Verlagerungen ins Ausland, sollten die Arbeitskosten im Inland nicht sinken. Zudem strebt Mercedes eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche an und brachte Werksschließungen ins Spiel.
Der Betriebsratsvorsitzende Häberle, der am Standort Stuttgart-Untertürkheim rund 19.000 Beschäftigte vertritt, lehnte eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich ab und forderte stattdessen eine discussion über eine 30-Stunden-Woche.
Bei Aumovio einigten sich die Tarifparteien an den Standorten Villingen-Schwenningen und Ingolstadt bereits auf eine Arbeitszeiterhöhung. Vorstandschef von Hirschheydt erklärte dazu, dass die Anhebung von 35 auf 40 Stunden einen signifikanten Produktivitätsschub bringe.
