Tabaksteuer: Vier Erhöhungen bis 2030 sollen Zigaretten auf 11,92 Euro treiben
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Finanzpolitiker von Union und SPD haben sich auf jährliche Erhöhungen der Tabaksteuer für die Jahre 2027 bis 2030 verständigt. Die Einigung verschärft den bisherigen Regierungsentwurf, nachdem die Finanzpolitiker der Union ihren anfänglichen Widerstand gegen weitergehende Anpassungen aufgegeben haben.
Die Einigung sieht vier Erhöhungsschritte vor, die jeweils zum 1. Januar der Jahre 2027, 2028, 2029 und 2030 für Tabak- und Ersatzprodukte greifen sollen.
Höhere Preise für Verbraucher und veränderte Einnahmeprognosen
Durch die Nachschärfung der Koalitionsfraktionen steigen die erwarteten Abgabepreise für Zigaretten deutlicher als ursprünglich geplant. Laut den Modellrechnungen zur Koalitionsänderung wird für eine durchschnittliche Packung mit 20 Zigaretten ein Preis von 9,20 Euro im Jahr 2027 und 11,92 Euro im Jahr 2030 veranschlagt.
Der Regierungsentwurf sah zuvor einen gewichteten Durchschnittspreis von 8,77 Euro für 2027 vor, gefolgt von 9,56 Euro 2028, 10,42 Euro 2029 und 11,36 Euro 2030. Derzeit liegt der Preis für eine Packung mit 20 Stück bei rund 8 Euro.
Anderen Berechnungen zufolge soll eine 20er-Schachtel 2027 im Schnitt voraussichtlich 9,10 Euro kosten, was 33 Cent über dem bisher erwarteten Wert liegt, und bis 2030 rund 11,78 Euro erreichen.
Mit den höheren Steuersätzen verändern sich auch die finanziellen Erwartungen für den Bundeshaushalt. Die Koalitionsänderung beziffert die Mehreinnahmen auf 1,5 Milliarden Euro für 2027 und 4,4 Milliarden Euro für 2030, was insgesamt rund 11,6 Milliarden Euro entspricht.
Im Regierungsentwurf waren zuvor Mehreinnahmen von 756 Millionen Euro für 2027, 3,6 Milliarden Euro für 2030 sowie insgesamt rund 8,5 Milliarden Euro kalkuliert worden. Das Bundesfinanzministerium erwartet nach Berichten rund 11,6 Milliarden Euro an Mehreinnahmen über vier Jahre sowie Tabaksteuereinnahmen von etwa 21,3 Milliarden Euro im Jahr 2030.
Gleichzeitig verständigten sich Union und SPD bei anderen Segmenten auf abweichende Sätze: Bei der Zigarrensteuer wurden 3,83 Prozent je Stück vereinbart, anstelle der ursprünglich vom Bundesfinanzministerium vorgeschlagenen 21,05 Prozent.
Die Steuer auf Pfeifentabak soll bis 2030 bei 71,50 Euro pro Kilogramm liegen; das Ministerium hatte zuvor 172 Euro pro Kilogramm vorgeschlagen. Über Feinschnitt soll vor der zweiten und dritten Lesung im Bundestag erneut beraten werden, da das Gesetz noch nicht formal beschlossen ist.
Vorgeschichte und parlamentarische Debatte
Der Einigung ging ein längerer Gesetzgebungsprozess voraus. Das Bundeskabinett fasste seinen Beschluss am 6. Juli, gefolgt von der ersten Lesung im Bundestag am 24. September. Am 5. Oktober 2026 fand im Finanzausschuss eine öffentliche Anhörung statt, zu der neun Sachverständige geladen waren. Dabei lud die Union Berichten zufolge ausschließlich Vertreter der Tabakindustrie und einer Gewerkschaft ein, die deren Interessen vertrete.
Die Finanzpolitiker von Union und SPD haben sich auf vier Erhöhungsschritte zum 1. Januar 2027, 2028, 2029 und 2030 verständigt und damit den Regierungsentwurf nachgeschärft. Für die Beratungspraxis heißt das: gestaffelte Sätze, abweichende Modelle für Zigarren und Pfeifentabak und ein Feinschnitt, der erst vor der zweiten und dritten Lesung final beraten wird. Unser kostenloser Leitfaden ordnet die Staffelung, die Modellpreise und die offenen Punkte für Ihre Mandanten ein. Kostenlosen Tabaksteuer-Leitfaden anfordern
In der Anhörung am 5. Oktober 2026 warnte die Zigarrenbranche vor einer erdrosselnden Wirkung auf Hersteller und Fachhandel. Dagegen bewertete der AOK-Bundesverband deutliche Erhöhungen als wirksame Maßnahme zur Senkung des Konsums und zur Verhinderung des Einstiegs junger Menschen.
Die Vorstandsvorsitzende des Verbands forderte in ihrer Stellungnahme jedoch Nachbesserungen, darunter einen stärkeren Preissprung im ersten Jahr, höhere Steuern auf E-Zigaretten und Liquids sowie die Verwendung der Einnahmen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Zur gesundheitspolitischen Einordnung verwies der AOK-Bundesverband auf Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums. Demnach sind in Deutschland jährlich etwa 131.000 Todesfälle beziehungsweise rund 350 Todesfälle täglich auf das Rauchen zurückzuführen.
Den Tabaksteuereinnahmen von zuletzt circa 16 Milliarden Euro stünden geschätzte jährliche volkswirtschaftliche Kosten von 97 Milliarden Euro gegenüber, aufgeteilt in 30 Milliarden Euro direkte Gesundheitskosten und 67 Milliarden Euro indirekte Kosten. Im Tabak-Handlungsfeld des entsprechenden europäischen Vergleichsindex belege Deutschland Platz 17 von 18 Ländern.
Zudem zeigten internationale Studien, dass ein Preisanstieg um 10 Prozent den Konsum in Ländern mit hohem Einkommen um etwa 5 Prozent und bei Jugendlichen um etwa 15 Prozent senke, während die im Entwurf vorgesehenen Erhöhungen bei E-Zigaretten lediglich wenige Cent betragen.
Kritik an Prognosen und Warnungen der Zollgewerkschaft
Politiker bezweifeln unterdessen die Einnahmenprognosen und verweisen auf denkbare Ausweichkäufe und das Erstarken des Schwarzmarkts. Auch der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) kritisierte die Haltung des Finanzministeriums.
Der Verband verwies auf Erfahrungen aus den Niederlanden, wo nach der Steuererhöhung 2024 mehr als 60 Prozent des konsumierten Tabaks im Ausland erworben wurden, verglichen mit rund 38 Prozent im Jahr 2023. Die niederländischen Tabaksteuereinnahmen sanken 2025 um 15 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro.
In Frankreich gingen die Verbrauchsteuereinnahmen von 13,25 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 12,69 Milliarden Euro 2025 zurück; für 2026 werden dort 11,66 Milliarden Euro erwartet, während die legal verkaufte Tabakmenge 2024 um 11,5 Prozent und 2025 um weitere 8,2 Prozent sank. Der BVTE hält die deutschen Mehreinnahmeprognosen von rund 1,52 Milliarden Euro für 2027 und 11,7 Milliarden Euro bis 2030 für unrealistisch.
Zusätzliche Bedenken kommen von der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft (BDZ). Die Gewerkschaft erklärte, aufgrund der Steuererhöhung seien bis zu 3.000 zusätzliche Zollkräfte erforderlich, was jährliche Kosten von 250 bis 300 Millionen Euro verursache. Sie warnte vor einem Ausweichen auf den Schwarzmarkt, insbesondere bei Shisha-Tabak, E-Zigaretten und Liquids.
Politiker bezweifeln die Einnahmenprognosen, weil Ausweichkäufe und Schwarzmarkt die kalkulierten 11,6 Milliarden Euro über vier Jahre mindern könnten; auch der Umsetzungsstart zum 1. Januar 2027 wird angezweifelt. Wer Mandanten mit Tabakwaren oder Ersatzprodukten berät, braucht deshalb ein Szenario-Raster statt einer einzelnen Prognose. Unser kostenloser Leitfaden stellt Regierungsentwurf und Koalitionsänderung gegenüber und zeigt, welche Annahmen Sie prüfen sollten. Szenario-Raster jetzt anfordern
Das Bundesfinanzministerium wies diese Berechnungen zurück, bezeichnete sie als unseriös und rechnet stattdessen lediglich mit einem geringfügigen einmaligen Personalaufwand, dessen genaue Höhe erst nach der endgültigen Gesetzesfassung feststehe.
Zudem hält die Gewerkschaft den geplanten Starttermin am 1. Januar 2027 für organisatorisch nicht umsetzbar und forderte eine Verschiebung auf den 1. April 2027. Während der Gesetzentwurf sechs Wochen Vorlauf für Steuerzeichen vorsieht, nennt das Ministerium hierfür einen Zeitraum von drei bis vier Monaten. Der Finanzausschuss berät den Entwurf weiter.

