Stromnetz-Schutz: Zwölf Sprengvorrichtungen zeigen Schwachstellen der Infrastruktur
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 15:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Sicherheitsvorkehrungen an der deutschen Energieinfrastruktur weisen nach Ansicht von Branchenvertretern erhebliche Schwachstellen auf. Torben Kleinfeldt, Chef des Infrastruktur-Dienstleisters Friedrich Vorwerk, kritisierte das Vorgehen beim Schutz der Anlagen als sehr nachlässig.
Im internationalen Vergleich gebe es deutliche Unterschiede: Während etwa in England dreireihige Stacheldrahtzäune und massives Wachpersonal mit Hunden eingesetzt würden, könne man hierzulande an einer Trafostation im Norden von Hamburg schlicht hinübergehen und den Schalter umlegen.
Hohe Verwundbarkeit von Trassen und Großprojekten
Nach Angaben des Unternehmens Friedrich Vorwerk sind die Stromtrassen bis zu 500 Kilometer lang. Auch Erdkabel wie die 525-kV-Leitung seien potenziell angreifbar. Vorwerk beschäftigt rund 2000 Mitarbeiter auf Baustellen und erzielt fast 50 Prozent seines Umsatzes im Bereich Stromnetz.
Die Dimension des Netzausbaus ist beträchtlich: Die Stromnetz-Investitionen belaufen sich bis zum Jahr 2045 auf 320 Milliarden Euro und bilden damit den größten Posten beim Netzausbau.
Derzeit befinden sich drei zentrale Nord-Süd-Verbindungen im Bau, namentlich A-Nord, Suedlink und SuedOstLink. Das Projekt A-Nord in Niedersachsen soll nach Unternehmensangaben Ende 2027 den Betrieb aufnehmen. Der Netzausbau erfolgt vor dem Hintergrund der veränderten Energieversorgung, nachdem das letzte Atomkraftwerk bereits im Jahr 2023 abgeschaltet worden war.
Serie von Sabotageakten und Störungen registriert
Die Warnungen vor Angriffen auf die Infrastruktur fallen mit einer Reihe polizeilicher Ermittlungen zusammen. Am 5. September 2026 wurden an Hochspannungstrassen in Sachsen zwölf selbst hergestellte Sprengvorrichtungen sichergestellt: acht südlich des Umspannwerks Bärwalde nahe Lippen im Landkreis Bautzen sowie vier östlich des Umspannwerks Graustein bei Schleife im Landkreis Görlitz. LKA-Spezialkräfte entschärften die Vorrichtungen, nachdem Leitungen kurzzeitig stromfrei geschaltet worden waren; ein Schaden entstand dabei nicht.
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Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden, das Landeskriminalamt Sachsen und die Polizeidirektion Görlitz ermitteln wegen des Verdachts der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, versuchter Störung öffentlicher Betriebe sowie versuchter verfassungsfeindlicher Sabotage gegen einen 48-jährigen deutschen Staatsangehörigen mit Wohnsitz im nordrhein-westfälischen Grevelsberg.
Anlass war ein Bekennerschreiben gegen fossile Stromerzeugung. Geprüft wird zudem eine Verbindung zu weiteren Verfahren in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.
Auch an anderen Orten kam es zu Zwischenfällen. In Nordrhein-Westfalen ermitteln die Behörden nach einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim nahe Köln wegen verfassungsfeindlicher Sabotage. Unbekannte hatten dort am 2. September 2026 Kabel über die Oberleitung geworfen und damit einen Kurzschluss erzeugt.
NRW-Innenminister Herbert Reul betonte hierzu, wer solche Einrichtungen angreife, attackiere das ganze Land. Zudem sprengten Unbekannte in der Heliosstraße in Köln-Ehrenfeld einen Verteilerkasten; die Ermittlungen führt der polizeiliche Staatsschutz Köln.
Im saale-orla-schen Remptendorf drangen Täter zwischen dem 24. August und dem 24. September 2026 durch einen zerschnittenen Zaun in ein Umspannwerk ein und entwendeten rund fünf Kilogramm Kupfer von gelagerten Kabeln.
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Betreiber reagieren mit neuen Schutzmaßnahmen
Die Betreiber kritischer Infrastrukturen suchen unterdessen nach Abwehrmöglichkeiten. Beim Umspannwerk Leipzig-Schönefeld setzt die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft auf eine nächtliche grüne Ausleuchtung als Schutzmaßnahme gegen Sabotage.
Carsten Feddern, Geschäftsführer beim Verband für Sicherheitstechnik, erklärte hierzu, dass eine Beleuchtung um den Zaun als Perimetersystem abschrecken und optimale Kamerabilder liefern solle. Seit März 2026 gelten für Betreiber gesetzlich verschärfte Sicherheitskonzepte. Feddern verwies zudem auf den Berliner Stromausfall zu Jahresbeginn, der die akute Gefahrenlage belege.
