Straße, Hormus

Straße von Hormus: Schiffsverkehr kollabiert auf 11 pro Tag

27.05.2026 - 23:39:46 | boerse-global.de

Die Blockade der Straße von Hormus legt den Schiffsverkehr lahm und treibt Frachtraten in die Höhe. Iranische Forderungen an US-Tech-Firmen verschärfen die Lage.

Straße von Hormus: Schiffsverkehr kollabiert auf 11 pro Tag - Foto: über boerse-global.de
Straße von Hormus: Schiffsverkehr kollabiert auf 11 pro Tag - Foto: über boerse-global.de

Die strategische Meerenge hat sich von einer kritischen Handelsroute zu einem Zentrum geopolitischer Erpressung entwickelt. Der Schiffsverkehr ist auf ein Minimum zusammengebrochen, während Teheran nun auch digitale Infrastruktur ins Visier nimmt.

Der Kollaps der Durchfahrten

Die Zahlen sprechen eine dramatische Sprache: Vor dem Ausbruch der Kampfhandlungen am 28. Februar 2026 passierten täglich zwischen 125 und 140 Schiffe die Straße von Hormus. Aktuelle Daten zeigen einen Einbruch auf etwa elf Schiffe pro Tag. Am 26. Mai wurden nur noch fünf Durchfahrten registriert. Am Mittwoch, dem 27. Mai, gelang keinem Handelsschiff die vollständige Passage.

Im Mittelpunkt steht der chinesische Tanker „Hua Lin Wan" der Reederei Cosco. Das Schiff stoppte seinen Transit nach der Passage der iranischen Insel Larak – mitten in der Meerenge. Dieser Vorfall reiht sich ein in eine Serie widersprüchlicher Signale aus Teheran.

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Die seit Mitte April verhängte US-Blockade hat mindestens 109 Handelsschiffe zur Umleitung gezwungen. Jene, die die Passage dennoch wagen, navigieren durch den sogenannten „Larak-Korridor" – eine Route unter verschärfter Beobachtung der iranischen Revolutionsgarden (IRGC). Zwar behaupten die Garden, am 26. Mai innerhalb von 24 Stunden 25 Schiffe koordiniert zu haben. Unabhängige Tracking-Daten deuten jedoch darauf hin, dass es sich dabei eher um lokalen Verkehr handelt, nicht um internationale Langstreckentanker.

Die Risiken wurden Anfang der Woche deutlich: Der Tanker „Agios Fanourios I" mit zwei Millionen Barrel irakischem Rohöl an Bord wurde mehrfach gestoppt – sowohl von iranischen Kräften als auch von der US-Blockade. Erst nach diplomatischer Intervention durfte das Schiff weiterfahren. Trotz solcher Einzelfälle meiden die meisten Reedereien die Route und nehmen den langen Umweg um das Kap der Guten Hoffnung in Kauf.

Digitale Erpressung: Der Kampf um die Unterwasser-Infrastruktur

Der Konflikt hat eine neue Dimension erreicht. Seit Anfang Mai 2026 erhebt der Iran Anspruch auf Wartung und Sicherheit der Unterseekabel, die durch seine Hoheitsgewässer in der Straße von Hormus verlaufen. Die Behörden in Teheran fordern von großen US-Tech-Konzernen „Schutzgebühren" – namentlich genannt wurden Amazon, Microsoft, Google und Meta.

Die iranischen Behörden haben eine erweiterte Verwaltungszone bis nach Fujairah im Golf von Oman ausgerufen. Sie beanspruchen das alleinige Recht für Reparatur- und Wartungsarbeiten an diesen lebenswichtigen Datenverbindungen. Von den fünf aktiven Hauptkabeln in der Region verlaufen zwei direkt durch iranische Hoheitsgewässer.

Die Folgen sind massiv: Mindestens drei große Kabelprojekte wurden seit Februar gestoppt. Meta hat als Reaktion den Bau eines 50.000 Kilometer langen Kabels initiiert, das die Region komplett umgehen soll.

Die Forderung nach „Navigationsgebühren" und der Weitergabe sensibler Betriebsdaten für jedes Schiff, das die Meerenge passiert, schafft eine völlig neue Risikolage. Schiffe müssen demnach iranische Lotsen an Bord nehmen – zu Kosten von rund zwei Millionen US-Dollar pro Schiff.

Wirtschaftliche Folgen: Explodierende Frachtraten

Die Blockade erschüttert die Weltwirtschaft. Besonders betroffen sind die Frachtraten. Am 26. Mai stieg der Containerpreis für die Strecke Shanghai-Rotterdam um 15 Prozent auf 2.773 US-Dollar. Die Route Shanghai-Genua erreichte 4.082 US-Dollar pro Container. Der weltweite Containerindex von Drewry legte um sechs Prozent auf 2.712 US-Dollar pro 40-Fuß-Container zu.

Die Preisexplosion hat mehrere Ursachen: Neben der Hormus-Krise treibt das bevorstehende Ende der De-Minimis-Regel in der EU am 1. Juli 2026 die Kosten. Diese Regel betraf 2024 rund 4,6 Milliarden Kleinsendungen.

Während die meisten Unternehmen unter den steigenden Kosten leiden, profitieren einige wenige Risikohändler. Die Genfer Firma Lytton SA erzielte angeblich einen Bruttogewinn von rund 60 Millionen US-Dollar mit einer einzigen Ladung irakischen Öls. Sie kaufte das Rohöl mit einem Abschlag von 18 US-Dollar pro Barrel und erzielte Margen von 20 bis 30 US-Dollar pro Barrel – ein gewaltiger Sprung gegenüber den Vorkriegsmargen von wenigen Cent.

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Die menschlichen Kosten sind enorm: Rund 20.000 Seeleute sitzen auf Schiffen in der Region fest. TUI Cruises bestätigte, dass zwei seiner Schiffe mit 5.000 Passagieren 50 Tage im Persischen Golf festsaßen, bevor sie evakuiert werden konnten. Große Reedereien wie MSC und ONE haben Notfall- und Hochsaison-Zuschläge eingeführt – teilweise bis zu 2.000 US-Dollar pro 40-Fuß-Container.

Sabotage und geopolitische Eskalation

Der maritime Konflikt hat sich über den Nahen Osten hinaus ausgeweitet. Am 25. Mai meldete der russische Inlandsgeheimdienst FSB die Vereitelung eines Anschlags auf den Gastanker „Arrhenius" im Hafen von Ust-Luga. Am Rumpf wurden zwei Haftminen mit rund sieben Kilogramm Plastiksprengstoff entdeckt. Die Ermittler erklärten, die Minen seien von der NATO und das Schiff sei kürzlich aus Antwerpen eingetroffen.

Im Schwarzen Meer brodelt der Konflikt weiter. Am 27. Mai wurde ein ukrainischer Angriff vom 22. Mai auf das russische Patrouillenschiff „Pytliwyj" und ein Raketenboot im Marinestützpunkt Noworossijsk bekannt. Auch der Tanker „Chrysalis" der sogenannten Schattenflotte wurde beschädigt.

Das US-Zentralkommando dementierte Berichte, wonach es unter der Bezeichnung „Project Freedom" wieder groß angelegte Marine-Geleitzüge aufnehmen wolle. Die Handelsschifffahrt bleibt damit in der Schwebe – zwischen US-Sanktionen und iranischen Durchfahrtsforderungen.

Ausblick: Monate bis zur Normalisierung

Selbst ein sofortiges Friedensabkommen würde die Lage nicht schnell entspannen. Die Chefs von Hapag-Lloyd und Wallenius Wilhelmsen schätzen, dass es 30 bis 45 Tage dauern würde, bis der Verkehr wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt, dass Minenräumoperationen durch US-, britische, französische und deutsche Streitkräfte mehrere Wochen in Anspruch nehmen würden.

Schätzungen zufolge warten rund 1.500 Schiffe auf die Durchfahrt in den oder aus dem Persischen Golf. Marktanalysten von Kpler erwarten, dass der Verkehr im ersten Monat nach der Wiedereröffnung nur 40 bis 50 Prozent der normalen Kapazität erreicht.

Der Ölpreis der Sorte Brent liegt bei rund 92 US-Dollar pro Barrel, die Frachtraten steigen weiter. Die Weltwirtschaft bereitet sich auf eine längere Phase hoher Kosten und gestörter Lieferketten vor. Die Straße von Hormus hat sich von einer gemeinsamen internationalen Wasserstraße zu einer umkämpften, gebührenpflichtigen Passage gewandelt – ein fundamentaler Wandel im Risikoprofil des globalen Handels.

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