Steuerkanzleien: 71 Prozent sehen KI-Potenzial, nur 18 nutzen es
Veröffentlicht am: 26.08.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Digitalisierung der deutschen Steuerberatungsbranche erreicht eine neue Stufe, wie aktuelle Erhebungen zeigen. Während eine deutliche Mehrheit der Kanzleien das Potenzial künstlicher Intelligenz erkennt, bleibt die tatsächliche Anwendung in der Praxis hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig verdeutlichen technologische Fortschritte und neue Marktlösungen das erhebliche Effizienzpotenzial für den Berufsstand.
Laut dem aktuellen Zukunftskompass 2026 stufen 71 Prozent der deutschen Steuerkanzleien künstliche Intelligenz (KI) als eine Schlüsseltechnologie ein.
Die Auswertung von awicontax zeigt jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Umsetzung: Bisher nutzen lediglich 18 Prozent der Kanzleien diese Technologien aktiv in ihrem Arbeitsalltag. Dieser zögerliche Einsatz steht im Kontrast zu dem wachsenden wirtschaftlichen Druck.
Den Daten zufolge verlieren Kanzleien etwa 23 Prozent ihrer Mandanten aufgrund mangelnder Erreichbarkeit. Ein solcher Verlust wiege schwer, da ein verlorenes Mandat mit durchschnittlich rund 4.800 Euro pro Jahr kalkuliert werde.
Effizienzsteigerungen in der Dokumentenverarbeitung
Dass KI-Lösungen bereits heute signifikante Ressourcen freisetzen können, belegen Fallbeispiele aus der Branche. Die DFKP GmbH berichtet von einer umfassenden Automatisierung des Dokumenteneingangs.
Seit Anfang 2025 verarbeitet das Unternehmen täglich rund 1.000 Dokumente mittels KI. Dabei wurde der Personalaufwand für die Sortierung von ursprünglich 2,5 bis 3 Vollzeitkräften auf lediglich 0,5 reduziert. Das Dokumentenvolumen habe sich im Zeitraum von August 2024 bis Juli 2026 fast verdreifacht, ohne dass ein personeller Ausbau notwendig gewesen sei.
Wer sich mit der Implementierung moderner Technologien befasst, muss auch die neuen regulatorischen Rahmenbedingungen im Blick behalten. Dieser kostenlose Umsetzungsleitfaden bietet Unternehmen einen kompakten Überblick über alle Anforderungen, Pflichten und Fristen der EU-KI-Verordnung. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
In den wichtigsten Dokumentenklassen würden mittlerweile 90 bis 95 Prozent der Vorgänge ohne menschliche Prüfung abgeschlossen. Die Fehlerquote sank laut Unternehmensangaben von zuvor 25 auf nur noch zwei bis drei Vorfälle pro Woche.
Ergänzende Daten von Buzzard AI unterstreichen die Zuverlässigkeit spezialisierter Systeme. Nach einer Trainingsphase von vier feis sechs Wochen würden 72 Prozent der Buchungen ohne manuelle Änderungen verarbeitet, wobei die Fehlerquote unter drei Prozent liege. Im Bereich des Deadline-Managements erreichten die Systeme eine Pünktlichkeitsquote von 94 Prozent bei den Abgaben.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Compliance
Ein wesentliches Hindernis für die Einführung bleibt die Einhaltung berufsrechtlicher Standards. Die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) reagierte hierauf bereits im Februar 2026 mit der Veröffentlichung spezieller Richtlinien in Form von FAQ zur KI in der Steuerberatung. Der Schutz des Berufsgeheimnisses gemäß § 203 StGB ist dabei zentral, da Verstöße mit bis zu einem Jahr Haft geahndet werden können.
In diesem Kontext entwickelt der Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi) im Rahmen des EU-geförderten Projekts TRUST KI-gestützte Compliance-Assistenten für mittelständische Unternehmen. Ziel sei es, den Zeitaufwand für Compliance-Aufgaben um 50 Prozent zu reduzieren.
Die rechtssichere Nutzung von KI-Systemen stellt viele Verantwortliche vor neue Herausforderungen bei der Risikodokumentation und Qualitätssicherung. Erfahren Sie in diesem praxisnahen Report, welche Systeme als Hochrisiko gelten und wie Sie die gesetzlichen Dokumentationspflichten erfüllen. Kostenlosen KI-Umsetzungsleitfaden herunterladen
Der Fokus liege dabei auf der Vermeidung von KI-Halluzinationen, der Transparenz von Quellen und dem Prinzip der menschlichen Aufsicht. Ein vollständiger Bericht zu diesem Projekt wird für Anfang Oktober 2026 erwartet.
Neue Lösungen für den Rechts- und Beratungsmarkt
Auch große Technologieanbieter passen ihr Portfolio an die strengen Anforderungen des Sektors an. Google stellte jüngst „Gemini Enterprise for Legal“ vor, eine spezialisierte Plattform für Kanzleien. Über ein spezielles Protokoll wird die KI mit gängigen Branchensystemen wie iManage, NetDocuments oder Thomson Reuters HighQ verbunden, wobei bestehende Zugriffsrechte übernommen werden.
Google-Cloud-CEO Thomas Kurian betonte, dass Kundendaten dabei privat bleiben und nicht zum Training der Modelle verwendet würden. Partner wie Deloitte liefern hierfür bereits Agenten zur automatisierten Vertragszusammenfassung.
Parallel dazu gewinnen regionale Anbieter an Bedeutung, die auf Datensicherheit setzen. Das Oldenburger Start-up LegesAI, gegründet von Thede Helmers und Dr. Alexander Wandscher, bietet eine Infrastruktur an, bei der Sprachmodelle direkt auf der Hardware der Kanzlei laufen.
Durch die Anonymisierung von Mandantendaten und das „Human-in-the-Loop“-Prinzip soll die Einhaltung der Verschwiegenheitspflicht garantiert werden. Das Unternehmen kooperiert seit September 2025 mit einer Kanzlei, um die Praxistauglichkeit dieser lokalen Lösungen sicherzustellen.
