Spanien lehnt Mietdekrete ab: Proteste in mehr als 50 Städten
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 21:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nachdem das spanische Parlament am Freitag, dem 2. Oktober 2026, zwei Gesetzesdekrete zur Mietenregulierung abgelehnt hat, sind in über 50 spanischen Städten Zehntausende Menschen für bezahlbaren Wohnraum und Mieterrechte auf die Straße gegangen. Die Proteste richteten sich gegen die anhaltende Wohnungsnot sowie das Scheitern der staatlichen Regulierungsversuche.
Hohe Beteiligung und Zwischenfälle in Madrid und Valencia
Den Schwerpunkt der Kundgebungen bildete Madrid, wo vier Demonstrationszüge am Cibeles-Platz zusammentrafen. Über das genaue Ausmaß der Beteiligung gingen die Angaben auseinander: Während die Mieterinnengewerkschaft rund 500.000 Teilnehmende meldete, bezifferte die Regierung die Zahl auf 70.000. Diese offizielle Schätzung lag über den 20.000 Menschen der 15-M-Proteste im Jahr 2011, blieb jedoch unter den 375.000 Teilnehmenden der Demonstration zum 8. März 2019. Auf der Puerta del Sol campierten bereits seit einer Woche Hunderte Demonstrierende.
Am Samstagabend versuchten Dutzende Rechtsextreme, darunter Mitglieder der Gruppe Núcleo Nacional, das Protestcamp zu stürmen; die Polizei hielt sie zurück und nahm drei Personen fest.
Auch in Valencia kam es zu Auseinandersetzungen. Laut örtlichen Medien wurden neun Polizisten leicht verletzt und fünf Personen festgenommen. Berichten des Senders RTVE zufolge setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschosse ein, nachdem rund 30 Demonstranten vorübergehend in den Kulturkomplex der Stadt der Künste und Wissenschaften eingedrungen waren. Eine geplante Kundgebung in Barcelona wurde hingegen wegen einer Unwetterwarnung abgesagt.
Parlamentarisches Votum und angespannte Marktlage
Unmittelbarer Anlass der Mobilisierung war die Abstimmung im spanischen Parlament am 2. Oktober 2026. Die Abgeordneten stimmten mit 178 zu 172 Stimmen gegen das erste Regierungsdekret und mit 184 zu 166 Stimmen gegen das zweite.
Die Ablehnung der beiden Mietdekrete im spanischen Parlament zeigt, wie schnell sich der regulatorische Rahmen für Vermieter ändern kann. Wer in Spanien investiert, sollte die politischen Mehrheiten, die Mietpreisentwicklung und die geplanten Maßnahmen gegen spekulative Fonds kennen. Unser kostenloser Report ordnet die Lage ein und liefert einen strukturierten Länder-Check für Kapitalanleger. Jetzt kostenlosen Spanien-Report anfordern
Neben der Volkspartei PP und Vox votierte auch die katalanische Junts geschlossen gegen die Vorlagen; die Partei hatte der Regierung mit ihren sieben Abgeordneten knapp ein Jahr zuvor die Unterstützung entzogen. Die Dekrete hätten bestimmte Zwangsräumungen bis 2030 ausgesetzt, Mietverträge automatisch verlängert und Beschränkungen für spekulative Fonds vorgesehen.
Eine Räumung hatte die Protestwelle bereits am 23. September 2026 angefacht: Der 87-jährigen Maricarmen Abascal, die seit 70 Jahren für monatlich 500 Euro in ihrer Wohnung lebte, war nach Angaben des Mieterverbands eine Mieterhöhung um 275 Prozent auf 2.650 Euro angekündigt worden – bei einer Rente von 1.350 Euro. Nach vollzogener Räumung wurde eine Rückkehr zu einer niedrigen Miete vereinbart.
Die angespannte Marktsituation belegen Daten des Immobilienportals Idealista: Die landesweiten Durchschnittsmieten stiegen binnen zehn Jahren von 8,20 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2016 auf 15,10 Euro im Jahr 2026. In Madrid verteuerte sich das Wohnen im selben Zeitraum um über 80 Prozent.
Nach Erhebungen der spanischen Zentralbank fehlen landesweit mehr als 700.000 Wohnungen. Einer Analyse der Deutschen Bank zufolge beansprucht eine Einzimmerwohnung im Stadtzentrum durchschnittlich 74 Prozent des Nettoeinkommens in Madrid, verglichen mit 75 Prozent in London, 81 Prozent in New York und 116 Prozent in Lissabon.
Forderung nach Generalstreik und Neuwahldiskussion
Angesichts des parlamentarischen Stillstands forderte Mieterverbands-Sprecherin Valeria Racu einen Generalstreik, worüber Gewerkschaften beraten. Laut einer Umfrage befürworten fast drei Viertel der Bevölkerung infolge der gescheiterten Reformen einen Generalstreik, darunter mehr als die Hälfte der konservativ eingestellten Befragten.
In Madrid beansprucht eine Einzimmerwohnung im Stadtzentrum laut einer Analyse der Deutschen Bank durchschnittlich 74 Prozent des Nettoeinkommens — und die landesweiten Durchschnittsmieten stiegen binnen zehn Jahren von 8,20 auf 15,10 Euro pro Quadratmeter. Solche Zahlen erhöhen den politischen Druck, und mit ihm das Risiko regulatorischer Eingriffe. Unser kostenloser Report zeigt fünf Due-Diligence-Fragen, mit denen Sie Ihr Spanien-Engagement vor dem nächsten Kauf absichern. 5 Due-Diligence-Fragen jetzt sichern
Unterdessen erhöht sich der Druck auf die Regierung: PP und Vox fordern vorgezogene Neuwahlen. Ministerpräsident Sánchez, der Neuwahlen bislang ausgeschlossen hatte, erwägt Medienberichten zufolge diesen Schritt; eine Entscheidung wird bis Montag erwartet. Als möglicher Termin wird der 29. November 2026 diskutiert, während reguläre Wahlen erst im Frühsommer 2027 anstünden.
