Social Washing: 80 Bekleidungsmarken unter Verdacht in Niederlanden
28.05.2026 - 11:27:28 | boerse-global.deDie neue EU-Berichtspflicht für Nachhaltigkeit zwingt große Mode- und Luxuskonzerne zum Umdenken – doch viele bleiben hinter den Erwartungen zurück.
Weniger Firmen, strengere Regeln
Mit dem Omnibus-I-Gesetzespaket, das am 18. März 2026 in Kraft trat, hat die EU die Schwellenwerte für die Berichtspflicht deutlich angehoben. Betroffen sind nun nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und Jahresumsätzen über 450 Millionen Euro. Branchenbeobachter schätzen, dass dadurch 80 bis 90 Prozent der ursprünglich erfassten Firmen aus der Pflicht entlassen wurden – darunter auch börsennotierte kleine und mittlere Unternehmen.
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Für die verbliebenen Großkonzerne begann die erste Berichtswelle bereits 2025 für das Geschäftsjahr 2024. Eine zweite Welle folgt 2028. Aktuell bereiten sich große Versicherer und Textilriesen auf die Offenlegung vor. Die größten Hürden: die Auslegung der European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die Beschaffung verlässlicher Daten und die Anwendung der doppelten Wesentlichkeit. Gefordert wird eine detaillierte Erfassung der Treibhausgasemissionen – inklusive finanzierter und versicherungsbezogener Emissionen.
Luxusmarken: Technisch korrekt, praktisch blind
Doch die bloße Einhaltung der Vorschriften garantiert noch keine echte Verbesserung. Eine Studie der Heriot-Watt-Universität, veröffentlicht im Social Responsibility Journal, analysierte sieben Jahre Berichterstattung der großen Luxusgruppen – darunter LVMH, Kering, L'Oréal Luxe, Hermès und Dior.
Das ernüchternde Ergebnis: Die Konzerne erfüllen zwar formal die französische Sorgfaltspflicht (Devoir de Vigilance), doch die tatsächliche Kontrolle über ihre Lieferketten fehlt weitgehend. Die Berichte blieben oft eine reine Übung, statt als Instrument für aktives Risikomanagement zu dienen.
In den Niederlanden hat diese Diskrepanz zwischen öffentlichen Versprechen und Produktionsrealität nun juristische Konsequenzen. Drei Organisationen forderten die niederländische Verbraucher- und Marktbehörde (ACM) zum Eingreifen gegen 80 Bekleidungsmarken auf. Der Vorwurf: „Social Washing“ – die Unternehmen suggerierten positive Menschenrechtsbedingungen, die mit den tatsächlichen Zuständen in den Produktionsstätten nichts zu tun hätten.
Verpackungen und Entwaldung: Neue Regeln ab 2030
Neben der allgemeinen Nachhaltigkeitsberichterstattung kommen auf Modehändler spezifische Anforderungen zu. Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) sieht vor, dass Einzelhändler, die Eigenmarken-Logos nutzen, als Hersteller gelten und damit vollständig in der Verantwortung stehen. Ab 2030 darf der Leerraum in bestimmten Verpackungskategorien maximal 50 Prozent betragen. Branchenexperts empfehlen bereits jetzt neutrale Analysen und neue Logistiklösungen.
Parallel dazu läuft die Kritik an der geplanten EU-Entwaldungsverordnung (EUDR). Anfang Mai 2026 kritisierte der Bundesverband Druck und Medien (BVDM) die Vorschläge der EU-Kommission als unzureichend. Zwar seien Druckerzeugnisse wie Zeitungen und Bücher ausgenommen, doch die Entlastung greife in der Lieferkette zu kurz – insbesondere bei Verpackungen und der damit verbundenen Dokumentationspflicht.
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H&M: Fortschritte bei Emissionen und Kreislaufwirtschaft
Trotz des regulatorischen Drucks zeigen einige Konzerne echte Fortschritte. Der H&M-Konzern meldete in seinem Bericht für 2025 eine Reduzierung der Emissionen im eigenen Betrieb um 41 Prozent. 91 Prozent der verwendeten Materialien sind demnach recycelt oder stammen aus nachhaltigen Quellen. Das Wiederverkaufsgeschäft des schwedischen Modegiganten spülte umgerechnet rund 170 Millionen Euro in die kassen.
Um künftige Materialströme zu sichern, schloss H&M eine Abnahmevereinbarung über 600 Millionen Euro mit dem Recycling-Spezialisten Syre für Textil-zu-Textil-Recycling. Die Zahl der Zuliefererfabriken, die noch Kohle einsetzen, sank von 118 auf 10. Der Anteil erneuerbarer Energien bei den Lieferanten erreichte 48 Prozent.
Diese Umstellungen finden vor einem schwierigen wirtschaftlichen Hintergrund statt. Ende Mai 2026 senkten die deutschen Wirtschaftsweisen die Prognose für das nationale BIP-Wachstum auf 0,5 Prozent. Grund sind geopolitische Risiken und hohe Energiekosten. Die Erdgaspreise stiegen seit Beginn regionaler Konflikte um 45 Prozent, auch die Transportkosten zogen deutlich an. Für Unternehmen bedeutet das: Nachhaltigkeitsauflagen müssen unter massivem Inflationsdruck und bei gestörten Lieferketten bewältigt werden.
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