Schutzausrüstung: Warum männliche Körpermaße Frauen am Arbeitsplatz gefährden
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 06:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Gestaltung von Schutzausrüstung und Arbeitsmitteln orientiert sich historisch bedingt häufig an männlichen Körpermaßen. Claudia Neumayer-Stickler, Gesundheitsreferatsleiterin beim Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), kritisiert diese Praxis und fordert eine konsequente geschlechtsspezifische Gestaltung.
Die mangelnde Berücksichtigung körperlicher Unterschiede zwischen den Geschlechtern könne die Schutzwirkung von Ausrüstungen erheblich beeinträchtigen und stellt somit ein Sicherheitsrisiko dar.
Auswirkungen auf Krankheitsstand und medizinische Sicherheit
Ein möglicher Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und der Gesundheit wird durch den Fehlzeitenreport 2026 untermauert. Demnach verzeichneten Frauen im Durchschnitt 15,5 Tage im Krankenstand, während der Wert bei Männern bei 14,1 Tagen lag. Die Problematik der Orientierung an männlichen Standards erstreckt sich dabei über den Arbeitsschutz hinaus bis in die medizinische Versorgung.
Tanja Katharina Rudolph vom Herz- und Diabeteszentrum NRW weist darauf hin, dass Herzinfarkt-Symptome bei Frauen oft von der klassischen Norm abweichen. Zusätzliche Anzeichen wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Übelkeit führen häufig zu einer verspäteten Diagnose.
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Obwohl Frauen nur halb so oft betroffen sind wie Männer, liegt die Klinik-Mortalität bei der Koronaren Herzkrankheit (KHK) bei Frauen mit 14,4 % deutlich höher als bei Männern mit 10,1 %.
Rudolph führt dies auch auf das medizinische Instrumentarium zurück: Herzkatheter seien primär für männliche Anatomien konzipiert. Zudem leiden Frauen dreimal häufiger unter Myokardinfarkten ohne verengte Kranzgefäße sowie unter Mikrozirkulationsstörungen.
Biomechanische Unterschiede und technologische Anpassungen
Auch in der Biomechanik und Sportwissenschaft werden die Differenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend untersucht. Eine bereits 2024 in der Fachzeitschrift Bioengineering veröffentlichte Studie der Universität Bayreuth untersuchte mit 19 Probandinnen und 18 Probanden die Unterschiede beim Laufen. Die Forscher stellten fest, dass die Beckenausrichtung über verschiedene Schuhmodelle hinweg konstant geschlechtsspezifische Unterschiede aufwies.
Die Ergebnisse der Untersuchung, an der auch das Fraunhofer IPA beteiligt war, zeigen, dass Frauen in ihren persönlichen Schuhen am effizientesten laufen, jedoch eine geringere Bandbreite an akzeptablen Schuheigenschaften aufweisen als Männer. Während Standardlaufschuhe die geringsten Geschlechterunterschiede zeigten, erwies sich die Fuß- und Sprunggelenksgeschwindigkeit als stark schuhabhängig.
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Zusätzliche gesundheitliche Belastungen durch anatomische Gegebenheiten dokumentiert eine im September 2026 in der Fachzeitschrift „Headache“ veröffentlichte Studie der Wake Forest University School of Medicine.
Forscher um Dr. Kristyn Spera Pocock untersuchten 347 Frauen mit Makromastie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Die Ergebnisse belegen für betroffene Frauen ein um etwa 40 % höheres Risiko für chronische Migräne sowie ein doppelt so hohes Risiko für Nackenschmerzen.
Auch das Risiko für obstruktive Schlafapnoe liegt um zirka 50 % höher. Pocock betonte, dass vergrößertes Brustgewebe oft fälschlicherweise nur als kosmisches Problem wahrgenommen werde, obwohl die gesundheitlichen Beeinträchtigungen signifikant seien.
Spezialisierte Lösungen für sportliche und berufliche Anforderungen
Die Industrie reagiert zunehmend mit spezialisierten Produkten auf die Bedürfnisse von Frauen. Im Bereich des Radsports wurden verschiedene „Pee-Friendly“-Trägerhosen getestet, die den Toilettengang ohne das Ablegen der Träger ermöglichen.
Die Preisspanne für solche Modelle reicht von der Northwave Extreme Bib Shorts für 129,99 Euro bis zur Rapha Brevet Cargo Bib Shorts III für 300 Euro. Weitere getestete Modelle umfassen die POC Cadence Bib Shorts (150 Euro), die Endura Damen AllTrack Ride Bib Shorts (170 Euro) und die Ryzon Thermal Bib Shorts (250 Euro).
Auch im Bereich der Urban- und Bikewear werden spezifische Kollektionen entwickelt. Das Label Chrome präsentierte eine Serie, die unter anderem die wasserdichte Storm Seeker Shell für 260 Euro sowie die speziell für Damen konzipierte Anza Shorts für 120 Euro umfasst.
Bei technischer Ausrüstung, wie der Laufweste Montane Gecko VP 12+ für 170 Euro, wird mit neuen Verstellsystemen versucht, eine bessere Passform für unterschiedliche Körpertypen zu erreichen. Dennoch zeigen Praxistests, dass die Passgenauigkeit bei größeren Konfektionsgrößen weiterhin eine Herausforderung für die Hersteller darstellt.
