Sanifair-Skandal: Reinigungskräfte verdienen 5 Euro statt 15 Euro
Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 13:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein aktueller Bericht des ARD-Magazins Report Mainz hat Mitte August 2026 schwerwiegende Missstände bei den Arbeitsbedingungen von Reinigungskräften an Sanifair-Toilettenanlagen öffentlich gemacht.
Den Recherchen zufolge werden Beschäftigte unter Bedingungen eingesetzt, die weit unter den gesetzlichen Standards in Deutschland liegen. Betroffene Reinigungskräfte arbeiten demnach teilweise zwölf Stunden täglich an sieben Tagen pro Woche. Die Entlohnung soll dabei lediglich rund 5 Euro pro Stunde betragen.
Systematische Umgehung des Mindestlohns durch Subunternehmer
Die im Bericht dargelegten Zahlen stehen in deutlichem Kontrast zu den geltenden gesetzlichen Bestimmungen. In der Gebäudereiniger-Branche liegt der tarifliche Mindestlohn aktuell bei 15 Euro pro Stunde. Um diese Vorgaben zu umgehen, greifen die Verantwortlichen offenbar auf ein spezielles Beschäftigungsmodell zurück. Die Reinigungskräfte werden über einen Subunternehmer aus Bulgarien vermittelt und formal als freiberufliche Mitarbeiter geführt.
Ein befragter Arbeitsrechtler bewertete diese Praxis als eindeutige Form der abhängigen Beschäftigung. Da die Arbeitsabläufe und Einsatzzeiten fest vorgegeben seien, handele es sich rechtlich nicht um eine selbstständige Tätigkeit. Der Jurist stufte das Vorgehen zudem als strafbaren Betrug ein, da Sozialversicherungsbeiträge und Steuern auf Basis des Mindestlohns vorenthalten würden.
Gerichtsurteil wegen Menschenhandels und Steuerhinterziehung
Die Problematik im Bereich der Toilettenbewirtschaftung beschäftigt auch die deutsche Justiz. In Koblenz wurde ein Betreiber namens Svetoslav P. zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Dem Mann wurden Steuerhinterziehung und Menschenhandel zur Last gelegt. Er betrieb insgesamt 238 Toilettenanlagen, in denen das Personal Arbeitstage von 16 Stunden leisten musste.
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Die gezahlten Löhne in diesem Fall bewegten sich zwischen 3 und 5 Euro pro Stunde. Der durch die illegalen Beschäftigungsverhältnisse entstandene Gesamtschaden wurde vom Gericht auf mehr als 10 Millionen Euro beziffert. Dieser Fall verdeutlicht das Ausmaß der organisierten Ausbeutung in einem Dienstleistungssektor, der für die Infrastruktur an Autobahnen und Bahnhöfen zentral ist.
Sanifair verweist auf Eigenverantwortung der Franchisepartner
Das Unternehmen Sanifair, das in Europa rund 550 Anlagen betreibt, reagierte auf die Vorwürfe mit einem Verweis auf seine Unternehmensstruktur. Die Verantwortung for die Einhaltung von Arbeitsrechten und Lohnstandards liege demnach primär bei den jeweiligen Franchisepartnern vor Ort. Diese seien rechtlich eigenständige Unternehmer, die für die Personalführung und die Auswahl der Dienstleister zuständig seien.
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Angesichts der wiederkehrenden Berichte über prekäre Arbeitsverhältnisse wächst der politische Druck auf die Branche. Ein Fachpolitiker der SPD forderte in diesem Zusammenhang die Einführung einer umfassenden Nachunternehmerhaftung. Damit würde das Hauptunternehmen stärker in die Pflicht genommen, für Verstöße seiner Subunternehmer gegen das Arbeits- und Sozialrecht einzustehen.
Ziel sei es, die Kette der Verantwortungslosigkeit zu durchbrechen und sicherzustellen, dass gesetzliche Mindeststandards auch bei ausgegliederten Dienstleistungen konsequent eingehalten werden.
