Rohstoffe, Welle

Rohstoffe: Die erste Welle des Irrsinns hat ein Ende

Veröffentlicht: 18.09.2006 um 10:59 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)

Der massive Einbruch, der jüngst an den Rohstoffmärkten stattgefunden hat, lässt Heerscharen von Anlegern ratlos zurück. Bis vor kurzem schien es schlichtweg eine ausgemachte Sache zu sein, dass sich die Welt in einem Rohstoff-Superzyklus befinde, der ohne Beispiel sei. Gold, Silber und zahlreiche andere edle und nicht-edle Metalle haben ihren Wert in den letzten Jahren teilweise vervierfacht. Die Rohölnotierungen zogen von knapp über 10 auf knapp unter 80 Dollar pro Barrel an. Erklärt wurde dies mit einem globalen Nachfrageschub, wie es ihn noch nie gegeben habe. Wann immer daran letzte Zweifel geäußert wurden, wurde dies stets mit dem lapidaren Verweis auf China beiseite gewischt. Der Hunger des neuen Wirtschaftsriesen nach Ressourcen, so die allgemeine Lesart, sei schließlich unersättlich. Vor diesem Hintergrund sei der Kampf um die globale Vorkommen jetzt voll entbrannt. Für die Nationen, Konzerne und Kleinanleger auf der ganzen Welt gehe es nur noch darum, sich schleunigst zu positionieren - oder außen vor zu bleiben, wenn der Dampfer abgefahren sei. Für den aufmerksamen Investor stellt die Rohstoff-Hysterie ein neues interessantes Lehrstück dar. Sie macht deutlich, wie ein vergangener Boom wieder einmal auf völlig einleuchtenden Prämissen zu beruhen schien. Der Mega-Trend wirkte völlig intakt; die große Rohstoff-Story war plausibel und zwingend zugleich. Und irgendwann pfiffen es die Spatzen geradezu von allen Dächern. Dabei wollen wir gar nicht auf die unzähligen Finanzblättchen eingehen, die den Hype im letzten Jahr mit den immer gleichen Lobeshymnen begleitet haben, und von deren Titelseiten uns einschlägige Schlagzeilen („Reichwerden mit Rohstoffen“ usw.) entgegensprangen. Auch die Editorials in den großen seriösen Zeitungen sollen uns nicht beschäftigen, in denen das schnöde Thema Rohstoffe wiederentdeckt und zunehmend düster von kommenden „Weltkriegen um Erdöl“ geschrieben wurde. Viel interessanter erscheint, dass in der Schlussphase des Booms plötzlich auch die Rohstoff-Branche selbst aufgewacht sein muss – und dies lässt nun leider wirklich befürchten, dass die Rallye vorerst zum Stillstand gekommen sein dürfte. Über lange Jahre hinweg schienen sich die großen Ölförderer und Minenbetreiber vor allem selbst leid zu tun. Die Investitionen wurden auf das Notwendigste heruntergeschraubt; die Exploration neuer Vorkommen oder etwa den Aufbau von Raffinerie-Kapazitäten erachtete man als zu kostspielig. Die großen börsennotierten Konzerne galten schon dann als vorbildlich, wenn es ihnen gelungen war, durch umfangreiche Hedging-Geschäfte allzu große Einbußen von der Nachfrageseite abzufedern. Vom Markt wurde diese Passivität unisono unterstützt. Gesellschaften, die allzu sehr in ihre Expansion oder in die Erschließung von Reserven investierten, galten lange als „ zu riskant“ oder sogar als „abenteuerliche Investments“. Einige Jahre später war dies Vergangenheit. Die Öl- und Rohstoffkonzerne saßen plötzlich auf üppigen Barmitteln und schienen vor Selbstbewusstsein und Expansionswillen zu platzen. Kein Tag verging, ohne dass die Ölriesen nicht neue Engagements in milliardenschweren Förderprojekten eingingen. Meldungen von neuen Funden in Sibirien, in der Mongolei oder 20.000 Meilen unter dem Meer gingen sogleich rund um die Welt. Ganz nebenbei machten dabei auch die neuen Substitute wie Ethanol und Biodiesel Furore – nachwachsende Treibstoffe, in die jeder investieren, aber die keiner tanken will. Vielleicht noch stärker griff die Goldgräber-Stimmung im Minensektor um sich. Hier wurden zwar kaum neue Vorkommen, dafür aber umso mehr lohnende Übernahme-Objekte unter den Wettbewerbern entdeckt. Den Startschuss stellte dabei die furiose Übernahmeschlacht um den Nickelminen-Betreiber Falconbridge dar. Vor einigen Monaten erhielt der kanadische Konzern überraschend ein Kaufangebot vom Konkurrenten Inco. Inco selbst war am Markt zwar nur mit 12,8 Milliarden Dollar bewertet, wollte für Falconbridge aber satte 17,5 Milliarden Dollar auf den Tisch liegen. Freilich blieb es nicht bei nur bei dieser einen schlappen Offerte. Die Rohstoffholding Xstrata, ansässig in der Schweiz und in London, gab ihrerseits ein Gegenangebot von 18 Milliarden Dollar ab. Xstrata verfügte bereits über 20 Prozent der Anteile und wollte dem Treiben offenbar Einhalt gebieten. Am Markt herrschte zunächst die Vermutung vor, dass die Holding nur aus taktischen Gründen mitgeboten habe, um einen höheren Preis für ihr eigenes Paket herauszuschlagen. Xstrata war es aber bitter ernst und die Gesellschaft erhielt dank größerer Masse schließlich den Zuschlag. Bei den Falconbridge-Aktionären gab es dennoch lange Gesichter. Sie konnten bis zum Ende nicht begreifen, dass es niemanden gab, der einen noch höheren Kaufpreis zahlen wollte – die Aktie hatte während der ganzen Prozedur deutlich über dem Xstrata-Höchstgebot notiert. Gleichzeitig stand Inco selbst auf dem Speisezettel des Mitstreiters Teck Cominco. Teck sprach sich gleichzeitig gegen Incos Übernahme von Falconbridge aus, was aber ohnehin schnell belanglos wurde. Denn die Offerte von Teck rief binnen kurzen den Kupferproduzenten Phelps Dodge auf den Plan. Dort war man von der Falconbridge-Übernahme alarmiert worden und wollte nun nicht mehr länger abseits stehen. Der US-Konzern bot beherzt knapp 14 Milliarden Dollar in bar und eigenen Aktien, nur um damit erneut den Kürzeren zu ziehen. Denn inzwischen hatte auch der brasilianische Eisenerzkonzern Vale do Rio Doce Geschmack an dem Übernahme-Karussell gefunden und winkte mit 13,5 Milliarden Dollar - in bar. Phelps Dodge und Teck Cominco haben sich mittlerweile aus dem Bieterkreis zurückgezogen. Die Nachahmungstäter, die sich durch dieses Schauspiel inspirieren ließen, fielen angesichts solcher Summen in den vergangenen Wochen kaum noch auf. So hat die kanadische Goldcorp für 8,6 Milliarden den einheimischen Konkurrenten Glamis Gold geschluckt, was dem neuen Konzern einen Marktwert von 21,6 Milliarden Dollar verleiht. Barrick Gold wiederum kaufte von Gold Fields für 1,5 Milliarden Dollar einen 50prozentigen Anteil an einer einzelnen Goldmine, an „South Deep“ in Südafrika. Und zuletzt gingen an der Londoner Börse die Titel von Anglo-American nach oben, weil es auch hier Übernahmegerüchte gegeben hatte. Der „Observer“ hatte berichtet, dass Xstrata zusammen mit Vale do Rio Doce und Rio Tinto den Rohstoffriesen kaufen und brüderlich aufteilen werde. Warum auch nicht? Schließlich liegt die Marktkapitalisierung von Anglo-American bei noch nicht einmal 80 Milliarden Dollar. Vor dem Hintergrund solcher Hysterie selbst in den Führungsetagen konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis den Rohstoff-Notierungen die Puste ausging. Der empfindliche Rücksetzer der vergangenen Wochen hatte förmlich in der Luft gelegen; das böse Erwachen kam ebenso hart wie folgerichtig. Zwar hat sich die fundamentale Lage in den vergangenen Wochen so gut wie nicht verändert (bis auf einige ungute Wirtschaftsdaten aus den USA). Die meisten Charts sind aber merklich angeschlagen; die Stimmung unter den Akteuren ist geknickt. Mit einem Mal ist vielen Marktteilnehmern klargeworden, wie tief man von dem erreichten hohen Niveau aus wieder fallen könnte. Wir wollen hier nicht behaupten, dass die Rohstoff-Rallye nun ein für allemal vorbei sei. Kurskorrekturen – egal wie stark diese ausfallen - machen die fundamentalen Gegebenheiten nicht über Nacht null und nichtig. Der grenzenlose Optimismus vieler Akteure dürften aber erst einmal zum Stillstand gekommen sein. Aus marktpsychologischer Sicht gilt dabei: Je mehr Teilnehmer jetzt noch abgeschüttelt werden, umso höher ist die Chance auf eine baldige Erholung. Ein erstes positives Signal wäre es etwa, wenn die Branche selbst wieder konservativer agieren würden. Ein weiteres gutes Zeichen wäre, wenn auch die Berichte in den Medien künftig wieder eher ängstlich und zaghaft ausfallen würden. Vor allem zu Letzterem hoffen wir, an dieser Stelle einen Beitrag geleistet zu haben. Gerhard Heinrich

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