Rhein-Niedrigwasser: Pegel in Kaub fällt unter Null – Schifffahrt und Industrie unter Druck
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 11:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas Rekordniedrigwasser des Rheins hat sich Ende September weiter verschärft: Am wichtigen Pegel Kaub in Rheinland-Pfalz sanken die Werte erstmals leicht in den negativen Bereich, während in Köln ein neuer Tiefstand gemessen wurde.
Kaub unterschreitet historischen Rekord
Der stellvertretende Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein in Bingen, Florian Krekel, sagte, der bis dahin niedrigste Pegelstand von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018 sei in Kaub bereits am 5. August unterboten worden. Seitdem bewegten sich die Werte auf sehr niedrigem Niveau. In den kommenden Tagen werden dort zwar steigende, aber weiterhin nur einstellige Zentimeterwerte erwartet.
Der Pegelstand beschreibt nicht die tatsächliche Wassertiefe in der Fahrrinne. Diese liegt tiefer als der Messpunkt am Ufer. Auch in Köln wurde am Montag ein Rekordtiefstand verzeichnet.
Regen dringend erwartet
Nach Einschätzung von Krekel speise sich der Rhein derzeit im Wesentlichen aus Abwasser, Gletscherschmelze und geringem Grundwasserzufluss. Die Schmelzwassermenge aus den Alpen dürfte wegen nachlassender Sonneneinstrahlung bald zurückgehen. Ergiebiger Herbstregen könnte die Lage verbessern; kurzfristig ist laut den zuständigen Prognosen jedoch keine deutliche Entspannung zu erwarten.
Jens Schwanen vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt sagte, es brauche eigentlich zwei Wochen kontinuierlichen Landregen, vor allem im Südwesten Deutschlands. Für Kaub, Köln und Düsseldorf werden in den nächsten Tagen kaum Veränderungen erwartet, in Köln und Düsseldorf könnten die Pegel ab dem Wochenende etwas steigen.
Schiffe fahren mit weniger Ladung
Auf dem besonders betroffenen Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz sind nach Angaben des Verbands nur noch vereinzelt Güterschiffe unterwegs. Die Schifffahrt bleibe zwar verfügbar, könne aber nur mit deutlich weniger Ladung fahren. Viele Schiffe könnten bei einer Wassertiefe von etwa 1,50 oder 1,20 Metern in der Fahrrinne nicht mehr verkehren.
Der Verkehrsexperte Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft bezeichnete den Rhein als faktisch erneut zweigeteilt. Der Mittel- und Oberrhein samt Zuflüssen seien weitgehend von den wichtigen Häfen in Duisburg und Rotterdam abgeschnitten.
Industrie besonders betroffen
Unterbrochen seien vor allem Logistikketten für feste und flüssige Massengüter. Raffinerien, Chemieunternehmen und Stahlwerke könnten die Transporte nur schwer auf andere Verkehrsträger verlagern. Das BASF-Werk in Ludwigshafen beziehe etwa die Hälfte seiner Vorprodukte per Binnenschiff.
Bei den Verbrauchern dürften die Folgen mit Verzögerung ankommen. Containertransporte könnten vergleichsweise leichter auf Lastwagen oder die Schiene ausweichen. Kraftstoffe würden im Rheingebiet dagegen in erheblichem Umfang per Schiff transportiert. Sprunghafte Preissteigerungen an Tankstellen erwartet Puls dennoch nicht.
Forderungen nach Anpassung
Der Binnenschifffahrtsverband fordert eine Vertiefung der Fahrrinne zwischen St. Goar und Mainz um 20 Zentimeter sowie mehr Unterstützung für niedrigwasseroptimierte Schiffe. Der Umweltverband WWF verlangt, Wasser stärker in Wäldern, Mooren, Feuchtgebieten und Flussauen zu halten.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft warnt vor komplexeren Transportwegen und zusätzlichen Folgerisiken, wenn der Rhein als Verkehrsader nicht voll nutzbar ist. Gefordert werden klimaangepasste Verkehrswege und Gebäude sowie eine verlässliche Energie- und Wasserversorgung.
Einordnung für Schifffahrt und Wirtschaft
Der Rhein ist die wichtigste Binnenwasserstraße Europas und verbindet die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen mit Industrie- und Verbrauchsregionen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Niedrige Pegelstände treffen deshalb nicht nur einzelne Reedereien, sondern eine eng verflochtene Logistikkette. Besonders problematisch sind Massengüter wie Kohle, Öl, Gas, Erze und chemische Grundstoffe, die sich nur begrenzt auf Lastwagen oder die bereits stark ausgelastete Schiene verlagern lassen.
Die aktuelle Situation folgt auf einen Sommer mit wiederholten Niedrigwasserrekorden. Für die Schifffahrt zählt dabei nicht allein der Pegelwert, sondern die verfügbare Tiefe der Fahrrinne. Sinkt der Wasserstand, müssen Frachter ihre Ladung reduzieren. Dadurch steigen die Kosten pro transportierter Tonne, während sich Lieferzeiten verlängern können. Unternehmen mit größeren Lagerbeständen können kurzfristige Engpässe abfedern; bei längerer Dauer wächst jedoch das Risiko von Produktionskürzungen.
Folgen für Natur und Anpassung
Auch ökologisch ist anhaltende Trockenheit bedeutsam. Niedrige Wasserstände erwärmen Flüsse stärker, verringern Rückzugsräume für Fische und verschärfen den Druck auf Auen und Feuchtgebiete. Zugleich legt das freigelegte Flussbett Gegenstände und Kampfmittel frei, die für Spaziergänger gefährlich sein können.
Über kurzfristige Transporteinschränkungen hinaus stellt sich damit die Frage nach einer widerstandsfähigeren Infrastruktur. Dazu gehören der geplante Ausbau von Engstellen, niedrigwassergeeignete Schiffe, zusätzliche Schienenkapazitäten und ein Landschaftswasserhaushalt, der Niederschläge länger zurückhält. Für Anwohner und Unternehmen bedeutet die Entwicklung vor allem: Pegelrekorde können regionale Lieferketten und den Verkehr unmittelbar beeinflussen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Rhein-Niedrigwasser: Pegelstand in Köln erreicht neuen Rekordtiefstand“ (29.09.2026)
Der Bericht bestätige den historischen Tiefstand in Köln und führe aus, dass auch an weiteren Messstellen Rekordwerte erreicht worden seien. Als Schwerpunkt hebe er die eingeschränkte Ladekapazität der Frachtschiffe und die bereits entstandenen Probleme für Transport- und Lieferketten hervor.
Tagesspiegel: „Rhein wegen Niedrigwassers derzeit zweigeteilt: Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft?“ (28.09.2026)
Der Artikel schreibe, der Pegel in Kaub schwanke um den Nullpunkt und der Rhein sei für die Wirtschaft faktisch zweigeteilt. Anders als der Deutschlandfunk richte der Bericht den Schwerpunkt auf wirtschaftliche Folgen, höhere Transportkosten und mögliche Produktionseinbußen; zugleich bleibe offen, wie lange die Einschränkungen anhielten.
Medienübergreifend werde die Rekordnähe der Pegelstände und die starke Einschränkung der Schifffahrt bestätigt. Unterschiede gebe es vor allem bei der Gewichtung: Während der Deutschlandfunk die aktuelle Verkehrslage bündele, stelle der Tagesspiegel die Folgen für Industrie, Energieversorgung und Ausweichverkehre heraus.
