Rhein-Niedrigwasser: Pegel in Kaub erstmals im Minus – Schifffahrt vor Engpass
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAm Rhein haben die Pegelstände nach den Rekordwerten im August weiter nachgegeben: In Kaub sank der Wert erstmals leicht in den negativen Bereich, während in Köln am Montag ein neuer Tiefstand gemessen wurde.
Kaub bleibt wichtigste Engstelle
Der stellvertretende Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein in Bingen, Florian Krekel, sagte, der bislang historische Tiefstand von 25 Zentimetern in Kaub aus dem Jahr 2018 sei bereits am 5. August unterboten worden. Für die kommenden Tage werden dort zwar steigende, aber nur einstellige Zentimeterwerte erwartet.
Der Pegelstand beschreibt die Höhe an einem festgelegten Messpunkt und nicht die tatsächliche Tiefe der Fahrrinne. Diese liegt tiefer. In Düsseldorf könnte der Pegel bis zum Ende der Woche dennoch auf minus 11 Zentimeter sinken. In Köln werde laut den zuständigen Behörden zunächst nur wenig Bewegung erwartet.
Wenig Regen in Sicht
Für eine deutliche Erholung wären nach Einschätzung von Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt, zwei Wochen kontinuierlicher Landregen nötig, vor allem im Südwesten Deutschlands. Der Rhein speise sich derzeit im Wesentlichen aus Abwasser, Gletschereis und Grundwasserzuflüssen.
Die Schifffahrt leidet besonders am Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz. Dort seien nur noch vereinzelt Güterschiffe unterwegs, erklärte der stellvertretende BDB-Geschäftsführer Fabian Spieß. Die Schiffe könnten weiter fahren, müssten ihre Ladung aber deutlich reduzieren. Nach Angaben von Florian Krekel könnten viele Schiffe bei einer Wassertiefe von 1,50 oder 1,20 Metern in der Fahrrinne den Abschnitt zwischen St. Goar und Rüdesheim nicht mehr befahren.
Rhein erneut faktisch geteilt
Der Verkehrsexperte Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft bezeichnete den Rhein aus verkehrlicher Sicht erneut als faktisch zweigeteilt. Mittel- und Oberrhein seien für die wichtigen Häfen in Duisburg und Rotterdam weitgehend abgeschnitten. Besonders betroffen seien Massengüter für Raffinerien, die Chemieindustrie und Stahlwerke.
Als Beispiel gilt das BASF-Werk in Ludwigshafen, das etwa die Hälfte seiner Vorprodukte per Binnenschiff bezieht. Ein Teil der Transporte kann auf Bahn und Straße ausweichen, doch bei festen und flüssigen Massengütern sind diese Alternativen begrenzt. Spürbare Folgen für Verbraucher werden nach Einschätzung von Puls eher verzögert erwartet; die Auswirkungen auf die Produktion des laufenden Jahres seien noch nicht bezifferbar.
Forderungen nach Anpassung
Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt fordert eine Vertiefung der Fahrrinne um 20 Zentimeter zwischen St. Goar und Mainz. Zudem verlangt der Verband Maßnahmen, um dauerhaft mehr Wasser im Flusssystem zu halten, sowie eine stärkere Förderung niedrigwasseroptimierter Schiffe.
Der WWF verweist auf die Bedeutung von Wäldern, Mooren, Feuchtgrünland und Flussauen als natürliche Wasserspeicher. Sie könnten dazu beitragen, dass Flüsse in Trockenzeiten mehr Wasser führen.
Ein seltenes Zusammenspiel
Der aktuelle Tiefstand trifft den Rhein in einer jahreszeitlich besonders empfindlichen Phase. September und Oktober gelten traditionell als Niedrigwassermonate, weil die Schneeschmelze aus den Alpen weitgehend nachlässt und Regen in den Einzugsgebieten ausbleibt. Ein schneearmer Winter hat die sommerlichen Zuflüsse zusätzlich begrenzt.
Die Folgen zeigen sich zuerst an den Engstellen. Der Pegelstand ist dabei ein Referenzwert und nicht gleichbedeutend mit der tatsächlichen Tiefe der Fahrrinne. Sinkt das Wasser jedoch weiter, müssen Frachtschiffe ihre Ladung deutlich reduzieren oder einzelne Abschnitte meiden. Dadurch werden Transporte langsamer und teurer; besonders empfindlich reagieren Raffinerien, Chemieunternehmen, Stahlwerke und andere Betriebe mit hohem Bedarf an Massengütern.
Auswirkungen auf Verkehr und Versorgung
Für Verbraucher entstehen die Folgen meist verzögert. Unternehmen können Lieferungen teilweise über Lagerbestände, Bahn und Lastwagen absichern, doch diese Alternativen verfügen nur über begrenzte Kapazitäten und sind häufig teurer. Ein Binnenschiff ersetzt bei voller Beladung eine große Zahl von Lastwagen, weshalb die Verlagerung auf die Straße zusätzliche Belastungen für Autobahnen und Logistikzentren bedeutet.
Langfristige Bedeutung
Die wiederholten Rekordstände verschärfen die Debatte über eine widerstandsfähigere Infrastruktur. Dazu gehören der Ausbau besonders flacher Fahrrinnen, mehr niedrigwassergeeignete Schiffe und zusätzliche Ausweichmöglichkeiten auf Schiene und Straße. Ebenso wichtig ist ein Landschaftswassermanagement, das Wälder, Moore, Feuchtgebiete und Auen als natürliche Speicher stärkt. Kurzfristig bleibt die Entwicklung vom Regen abhängig; langfristig entscheidet sich an solchen Ereignissen, wie gut Wirtschaft und Flussökosysteme mit häufigeren Trockenphasen umgehen können.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Schifffahrt Rhein-Niedrigwasser: Pegelstand in Köln erreicht neuen Rekordtiefstand“ (29.09.2026)
Der Bericht bestätige den historischen Tiefststand in Köln mit 40 Zentimetern und ordne ein, dass auch Düsseldorf, Duisburg-Ruhrort und Kaub Rekordwerte erreicht hätten. Er hebe vor allem die eingeschränkte Beladung der Frachtschiffe und die bereits entstandenen Probleme für Transport- und Lieferketten hervor.
WDR: „Wegen niedrigem Rheinpegel: Frachtschiff hängt weiter in Düsseldorf fest“ (29.09.2026)
Der WDR berichte, ein Frachtschiff sitze nach dem Auflaufen im Düsseldorfer Hafen weiterhin fest; mehrere Befreiungsversuche seien gescheitert. Anders als die überregionale Einordnung des Deutschlandfunks konzentriere sich der Bericht auf konkrete Betriebs- und Sicherheitsprobleme vor Ort, während der Schiffsverkehr auf dem Rhein selbst nicht betroffen sei.
Beide Berichte bestätigten die außergewöhnliche Niedrigwassersituation und die Belastung der Schifffahrt. Der Deutschlandfunk stelle die überregionalen Lieferketten heraus, der WDR konkrete lokale Zwischenfälle; offen bleibe vor allem, wann ergiebiger Regen eine nachhaltige Entlastung bringen könne.
