Restrukturierungsstudie: 83 Prozent der Experten sehen mehr Sanierungsfälle
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die wirtschaftliche Lage im deutschsprachigen Raum hat sich in den vergangenen zwölf Monaten spürbar verschlechtert, was zu einem signifikanten Zuwachs bei Sanierungs- und Restrukturierungsfällen führt. Laut der Roland Berger Restrukturierungsstudie 2026, für die 130 Experten befragt wurden, beobachten insgesamt 83 Prozent der Fachleute steigende Fallzahlen.
Während 62 Prozent von einem moderaten Anstieg berichten, sehen 21 Prozent der Experten eine starke Zunahme der Sanierungsfälle – ein Wert, der sich gegenüber dem Vorjahr (10 Prozent) mehr als verdoppelt hat.
Wirtschaftliche Stagnation und sektorale Belastungsschwerpunkte
Die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate bleiben gedämpft. Laut der Studie rechnen 65 Prozent der Befragten mit einer stagnierenden Wirtschaftsleistung, während 29 Prozent einen Rückgang befürchten. Lediglich 6 Prozent der Experten gehen von einem Wachstum aus.
Als größte Risikofaktoren für die Unternehmen identifiziert die Erhebung die Bürokratie und Regulierung (65 Prozent), gefolgt von den Energiepreisen und der Versorgungssicherheit (53 Prozent). Zudem belasten geopolitische Spannungen sowie der technologische Wandel mit jeweils 51 Prozent die wirtschaftliche Stabilität.
Besonders unter Druck steht die Automobilindustrie, in der 87 Prozent der Experten einen hohen Restrukturierungsbedarf sehen. Auch der Maschinen- und Anlagenbau (54 Prozent), die chemische Industrie (31 Prozent) sowie der Bereich Pharma, Gesundheit und das Krankenhauswesen (26 Prozent) sind stark betroffen.
Über die Hälfte der Befragten stuft deutsche Unternehmen als schlecht auf einen konjunkturellen Rückschlag vorbereitet ein; nur 8 Prozent halten sie für gut gerüstet.
Zunehmende Komplexität und operative Hürden
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Die Prozesse der Unternehmenssanierung gestalten sich zunehmend schwierig. Demnach berichten 61 Prozent der Experten von längeren Restrukturierungszeiträumen. 56 Prozent verweisen auf komplexere Finanzierungsstrukturen und 42 Prozent auf erschwerte Konstellationen zwischen den beteiligten Stakeholdern.
Als wichtigste Erfolgsfaktoren für eine gelingende Sanierung werden belastbare Geschäfts- und Liquiditätsplanungen (61 Prozent) sowie ein realistisches Maßnahmenprogramm und eine klare Stakeholder-Kommunikation genannt.
Im Bereich der transaktionalen Sanierungen (M&A) erwarten 72 Prozent der Befragten eine moderate oder starke Zunahme von Verkäufen und strukturellen Lösungen. Allerdings weisen die Experten darauf hin, dass unter Distressed-Bedingungen derzeit erhebliche Wertabschläge zu verzeichnen sind.
Insolvenztrends und prominente Einzelfälle
Die Ergebnisse der Studie decken sich mit aktuellen Daten des IWH-Insolvenztrends. Im August 2026 wurden 1.525 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert. Das entspricht zwar einem Rückgang von 10 Prozent gegenüber dem Vormonat Juli, bedeutet jedoch ein Plus von 9 Prozent im Vergleich zum August 2025. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte die Zahl der Insolvenzen mit 12.900 Fällen den höchsten Stand seit 2013.
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Konkrete Beispiele verdeutlichen die Krise im Mittelstand. So meldete der Fenster- und Türenhersteller Höhbauer GmbH aus der Oberpfalz Insolvenz an, wovon rund 325 Mitarbeitende betroffen sind. Als Gründe nannte das Unternehmen gestiegene Kosten für Personal, Energie und Material bei gleichzeitig gesunkener Nachfrage im Bausektor.
Auch die Genuss-Bäckerei Tillmann aus dem Sauerland stellte einen Insolvenzantrag für acht Standorte und 105 Mitarbeiter, wobei der Inhaber neben der schwachen Konjunktur auch bürokratische Belastungen anführte.
Strukturwandel in Großkonzernen und KI-Potenziale
Der Anpassungsdruck erfasst auch die Großindustrie. Volkswagen kündigte Anfang September 2026 an, bis zum Ende des Jahrzehnts konzernweit mehr als 5.500 Führungsstellen abzubauen, um Hierarchien zu verschlanken.
Auch andere Konzerne wie die Deutsche Bahn, BMW und Bayer streichen laut Berichten Tausende Management-Stellen. Das EY-Parthenon Employment Barometer 2026 zeigt für DAX-Konzerne einen Beschäftigungsrückgang von 1,2 Prozent auf weltweit 4,06 Millionen Stellen.
Hoffnung setzen viele Unternehmen auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). In der Roland Berger Studie sehen 89 Prozent der Experten das größte Potenzial in der Datenanalyse. Der Freshworks Cost of Complexity Report ergänzt, dass 83 Prozent der IT-Verantwortlichen im deutschen Mittelstand ihre KI-Investitionen in den nächsten ein bis zwei Jahren erhöhen wollen.
Bisher befindet sich die Technologie jedoch oft noch in der Pilotphase; laut Roland Berger sieht kein Befragter KI bereits flächendeckend in den Unternehmen verankert. Zudem führen Integrationsprobleme und Komplexität dazu, dass in Deutschland rund 27 Prozent der für KI aufgewendeten Arbeitszeit für Fehlerbehebung verloren gehen.
