Rentenversicherung, Selbstständige

Rentenversicherung für Selbstständige: Kabinett plant Pflicht ab 2027

Veröffentlicht am: 31.07.2026 um 20:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die Bundesregierung plant eine Rentenversicherungspflicht für Selbstständige. Der Gesetzentwurf sieht Beiträge von 18,6 Prozent vor und stößt auf politischen Widerstand.

Rentenreform 2027: Pflichtversicherung für Selbstständige geplant
Ein moderner Schreibtisch mit Laptop und Taschenrechner, der das Thema Altersvorsorge für Selbstständige symbolisiert. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Bundesregierung bereitet eine weitreichende Reform der Altersvorsorge vor, die insbesondere die rund 3,6 Millionen Selbstständigen in Deutschland betrifft. Auf Basis eines Abschlussberichts der Alterssicherungskommission vom 23. Juni 2026, der insgesamt 33 Empfehlungen umfasst, plant das Kabinett unter Bundeskanzler Merz die Einführung einer Rentenversicherungspflicht für diese Berufsgruppe. Die parlamentarischen Beratungen im Bundestag sollen gegen Ende des Jahres 2026 beginnen, damit die neuen Regelungen bereits im Laufe des Jahres 2027 in Kraft treten können.

Finanzielle Belastungen und Wahlmöglichkeiten für Gründer

Das Vorhaben sieht vor, Selbstständige künftig konsequent in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Derzeit verfügen laut Regierungsangaben aus dem Jahr 2024 etwa 2,6 Millionen der insgesamt 3,6 Millionen Selbstständigen über keine Pflichtversicherung. Von den Betroffenen sind schätzungsweise 1,6 Millionen als Solo-Selbstständige tätig. Der geplante Beitragssatz beläuft sich auf 18,6 Prozent des Gewinns, wobei die Versicherten die Beiträge nach aktuellem Stand allein tragen sollen.

Für Neugründer sind gestaffelte Einstiegssätze vorgesehen. In der Anfangsphase sollen die monatlichen Beiträge 367 Euro betragen. Nach einem Zeitraum von drei Jahren erhöht sich dieser Betrag auf 735 Euro pro Monat. Alternativ besteht die Möglichkeit, sich für einen einkommensabhängigen Beitrag zu entscheiden.

Kritik an dieser Struktur äußerte die Gründungsberaterin Isabella Wichmann. Sie wies darauf hin, dass insbesondere in den ersten Jahren der Selbstständigkeit die Bereitschaft, solch hohe finanzielle Risiken einzugehen, gering sei. Bei einem monatlichen Umsatz von beispielsweise 4.000 Euro blieben nach Abzug aller Kosten und der neuen Beiträge oft nur wenige Hundert Euro als Reingewinn übrig. Auch der CDU-Politiker Christian Rotkowsky warnte vor einer zu hohen Belastung für Unternehmer.

Prävention von Altersarmut als Kernziel

Hintergrund der Reformpläne sind statistische Erhebungen zur sozialen Lage ehemaliger Selbstständiger. Demnach ist fast jeder fünfte Betroffene im Alter von Armut bedroht; rund 4,4 Prozent beziehen derzeit Grundsicherung. Die Bundesregierung verfolgt mit der Versicherungspflicht das Ziel, diese Lücken in den Erwerbsbiografien zu schließen.

Anzeige

Wer sich mit den Auswirkungen der Rentenreform befasst, sollte auch die aktuellen Grenzen für Sozialabgaben genau kennen. Diese kostenlose Übersicht zeigt Ihnen Schritt für Schritt, ab welchem Einkommen keine weiteren Beiträge anfallen. Die aktuellen Beitragsbemessungsgrenzen hier kostenlos herunterladen

Zusätzlich zu der Rentenversicherungspflicht sieht das Paket weitere Maßnahmen vor. So begrüßte Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) zwar die geplante Einbeziehung in ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot ab 2027, äußerte sich jedoch kritisch zur Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenkasse.

Die Gewerkschaft ver.di fordert unterdessen eine Beteiligung der Auftraggeber an den Beiträgen, orientiert am Modell der Künstlersozialkasse. Veronika Mirschel von ver.di warnte vor gebrochenen Versicherungsbiografien und empfahl den Betroffenen bereits jetzt eine freiwillige Pflichtversicherung. Unterstützung für eine Auftraggeberbeteiligung kam auch vom Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Anzeige

Für Selbstständige und Führungskräfte ist eine sichere Kalkulation der Sozialabgaben essenziell, um die Rentabilität des eigenen Unternehmens zu wahren. Dieser bewährte Gratis-Report liefert Ihnen alle wichtigen Grenzwerte und Rechenbeispiele auf einen Blick. Gratis-Übersicht der Beitragsbemessungsgrenzen sichern

Politische Widerstände und drohende Blockade im Bundesrat

Trotz der Entschlossenheit von Kanzler Merz und Ministerin Bas, das Gesamtpaket wie geplant umzusetzen, zeichnet sich politischer Widerstand ab. Der Koalitionsausschuss hatte sich am 1. und 2. Juli 2026 auf die Umsetzung der Kommissionsvorschläge geeinigt, wozu auch die Einführung einer Kapitalrente nach schwedischem Vorbild gehört.

Allerdings droht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer mit einer Blockade im Bundesrat. Gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus Sachsen-Anhalt und Thüringen, Schulze und Voigt, lehnt er insbesondere die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente ab 63 Jahren ab. Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer fordern den Erhalt der Rente nach 45 Beitragsjahren.

Da die ostdeutschen Länder im Bundesrat über insgesamt 19 Stimmen verfügen, könnten sie die für eine Mehrheit notwendigen 35 Stimmen maßgeblich beeinflussen. Kretschmer betonte, dass ohne substantielle Veränderungen an den Plänen zur Renten- und Pflegereform eine Zustimmung in der Länderkammer nicht möglich sei. Ein entsprechender Beschluss der Ost-Ministerpräsidenten wurde für diesen Donnerstag in Sachsen-Anhalt erwartet.

Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.

de | wirtschaft | 69906251 |