Rente mit 63: IW und IAB warnen vor fünfjähriger Übergangsfrist
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 16:15 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDas arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) lehnt eine von der SPD vorgeschlagene Übergangsfrist von fünf Jahren für die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren entschieden ab. Nach Berechnungen des IW würden dadurch rund zwei Millionen Arbeits- und Fachkräfte frühzeitig in den Ruhestand gehen.
IW sieht starke Jahrgänge besonders betroffen
Stefanie Seele, Arbeitsmarktexpertin am IW, verweist darauf, dass in den Jahren 2027 bis 2031 fünf besonders geburtenstarke Jahrgänge die Altersgrenze für besonders langjährig Versicherte erreichen. Schätzungsweise 1,8 Millionen Personen aus diesen Jahrgängen wären von einer fünfjährigen Übergangsregelung begünstigt und könnten abschlagsfrei früher in Rente gehen.
Nach Angaben des IW gingen bereits im Jahr 2025 rund 27 Prozent des Jahrgangs 1958 abschlagsfrei früher in den Ruhestand. Seele warnt, dass damit viele gut qualifizierte Arbeitskräfte den Arbeitsmarkt verlassen und auch das Wirtschaftswachstum gebremst würde.
IAB-Chef kritisiert Übergangsfrist ebenfalls
Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Bernd Fitzenberger, äußert sich mit Blick auf die Übergangsfrist ähnlich kritisch. Eine fünfjährige Übergangsregel sei politisch nachvollziehbar, angesichts der starken Altersjahrgänge, die den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren verlassen, aber sehr problematisch.
Fitzenberger befürchtet, dass dadurch schätzungsweise 1,5 bis 2,5 Millionen Beschäftigte dem Arbeitsmarkt vorzeitig verloren gingen. Diese Menschen würden laut seiner Einschätzung zwischen zwei und drei Jahren früher in Rente gehen und nach Renteneintritt nur selten weiterarbeiten.
Vorschlag für strengere Bedingungen der Frührente
Als Konsequenz plädiert der IAB-Direktor für eine Rentenreform ohne jede Übergangsfrist bei der „Rente mit 63“. Zugleich schlägt er vor, die abschlagsfreie Frührente für jene beizubehalten, die mindestens 42 Jahre sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben.
Eine solche Neuregelung würde die Zahl der Anspruchsberechtigten deutlich reduzieren. Sowohl IW als auch IAB sehen darin einen möglichen Weg, den Arbeitsmarkt zu entlasten und die wirtschaftlichen Folgen der Frühverrentung abzumildern.
Die Kritik des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) trifft eine Debatte, die seit Jahren an Brisanz gewinnt: Wie lässt sich das deutsche Rentensystem stabil halten, ohne den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt weiter zu schwächen? Im Zentrum steht die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren – umgangssprachlich „Rente mit 63“ –, die besonders für geburtenstarke Jahrgänge attraktiv ist.
Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels betonen Ökonomen regelmäßig, dass jeder zusätzliche Verbleib älterer Beschäftigter im Erwerbsleben die Unternehmen entlastet und die öffentlichen Haushalte stabilisiert. Frühverrentung gut qualifizierter Beschäftigter gilt dagegen als Belastungsfaktor: Sie erhöht die Ausgaben der Rentenversicherung und verschärft Engpässe in Branchen, in denen Erfahrung und Spezialisierung kaum kurzfristig zu ersetzen sind. Wenn Jahrgänge mit besonders hoher Erwerbsbeteiligung – wie aktuell die späten 1950er und frühen 1960er Jahrgänge – früher ausscheiden, wirken die Effekte gebündelt.
Arbeitsmarktfolgen und sozialpolitischer Zielkonflikt
Die vom IW und vom IAB genannten Größenordnungen von 1,5 bis 2,5 Millionen vorzeitig ausscheidenden Beschäftigten über eine fünfjährige Übergangsfrist verdeutlichen, dass es nicht um Detailkorrekturen, sondern um strukturelle Weichenstellungen geht. Ein Übergangszeitraum könnte einerseits sozialpolitische Härten abfedern, andererseits aber die Phase verlängern, in der die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt spürbar ausdünnen. Das verstärkt den Druck auf Unternehmen, etwa durch mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Integration Älterer oder Fachkräftezuwanderung gegenzusteuern.
Reformoptionen und politische Dimension
Der Vorschlag, eine abschlagsfreie Frührente nur noch für Versicherte mit mindestens 42 sozialversicherungspflichtigen Beitragsjahren zu erhalten, zielt auf eine stärkere Fokussierung auf langjährig durchgehend Beschäftigte. Politisch ist das ein heikler Ausgleich zwischen sozialer Anerkennung harter Erwerbsbiografien und der Notwendigkeit, die Rentenfinanzen zu stabilisieren. Die aktuelle Debatte dürfte daher nicht nur die Ausgestaltung der „Rente mit 63“ betreffen, sondern grundsätzlich die Frage, wie lange und unter welchen Bedingungen Menschen künftig arbeiten sollen.
