Rekordnahe Spritpreise: Woidke fordert staatlichen Spritpreisdeckel
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 15:20 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie anhaltende Unsicherheit in Nahost hat die Preise für Benzin und Diesel am Wochenende in Deutschland auf neue Höchststände getrieben.
Rekordnahe Preise an den Zapfsäulen
Nach Daten des Spritpreisportals Tankerkönig kostete Super E10 am Samstag im bundesweiten Schnitt 2,27 Euro je Liter, für Diesel wurden knapp 2,40 Euro verlangt. Regional und zu bestimmten Zeiten lagen die Preise nochmals deutlich darüber. Damit bewegt sich Super E10 auf dem Niveau der Rekordmarke aus dem März 2022, während Diesel nur wenig unter dem Rekordhoch vom April dieses Jahres bleibt.
Krisen im Nahen Osten treiben den Ölpreis
Auslöser für einen besonders starken Preissprung am Samstagmittag waren Berichte über neue Beeinträchtigungen der Ölförderung und -transportrouten rund um den Persischen Golf. Nach Angriffen auf die saudische Ost-West-Pipeline in den Regionen Riad und Medina wurde die Leitung vorsorglich stillgelegt, über sie kann Öl vom Golf zum Roten Meer geleitet werden. Bereits zuvor hatten die iranische Blockade der Straße von Hormus und die zunehmende Bedrohung der Meerenge Bab al-Mandab durch die Huthi-Miliz im Jemen den Markt verunsichert.
Diplomatische Gespräche bringen leichte Entspannung
Am Sonntag gaben die Spritpreise etwas nach. Als ein Grund gelten für den Wochenbeginn geplante Gespräche im Oman zur Lage rund um die Straße von Hormus. Daran sollen die Außenminister aus dem Iran, Irak, Oman, Kuwait, Bahrain, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien teilnehmen.
SPD-Politiker fordern Spritpreisdeckel
Angesichts der hohen Belastung für Autofahrer dringt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke auf eine schnelle Begrenzung der Preise. Er fordert einen Spritpreisdeckel und kritisiert, Mineralölkonzerne dürften keine zusätzlichen Gewinne erzielen, während viele Pendler an den Kosten verzweifelten. Gerechtigkeit müsse auch an der Tankstelle gelten, betont der SPD-Politiker.
Verweis auf Modelle in Nachbarstaaten
Woidke verweist auf Erfahrungen in Luxemburg, Polen, Belgien und Tschechien. Dort würden Höchstpreise an den Zapfsäulen regelmäßig flexibel an die Marktlage angepasst. Aus seiner Sicht verspricht ein solches System sinkende Kraftstoffpreise für Verbraucherinnen und Verbraucher und mehr Planungssicherheit.
Globale Faktoren verteuern Energie
Der Iran-Krieg hat die Spritpreise bereits seit Monaten steigen lassen, zuletzt beschleunigt durch den starken Anstieg des Ölpreises. Brent-Rohöl liegt seit Jahresbeginn deutlich im Plus, auch europäisches Erdgas und Frachtraten für Öltanker sind stark gestiegen. Raffinerieprodukte wie Diesel verteuern sich noch stärker, verstärkt durch die Folgen des Krieges zwischen Russland und der Ukraine.
Weitere Kostentreiber in Deutschland
In Deutschland trägt zudem Niedrigwasser am Rhein zu höheren Preisen bei, weil Transporte teurer werden. Bereits von Anfang Mai bis Ende Juni galt ein Tankrabatt von 16,7 Cent je Liter, der Bundeskosten von rund 1,6 Milliarden Euro verursachte. Eine Neuauflage hat die Bundesregierung abgelehnt, auch wegen der angespannten Staatsfinanzen infolge eines schuldenfinanzierten Investitionspakets.
Debatte über gesetzliche Eingriffe
Trotz der sogenannten 12-Uhr-Regel für Preiserhöhungen an Tankstellen steigen die Spritpreise weiter. In der SPD mehren sich die Stimmen, die eine Begrenzung der Preissprünge verlangen. Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach hat vorgeschlagen, den gesetzlich zulässigen Sprung am Mittag auf höchstens fünf Prozent zu begrenzen, während Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche eine Deckelung der Spritpreise bislang ablehnt.
Ökonomische Skepsis gegenüber neuen Hilfen
Die militärische Offensive der mit dem Iran verbündeten Huthi-Miliz im Jemen dürfte nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer die Verbraucherpreise in Deutschland zusätzlich erhöhen. Sie erwartet, dass sich dies auch an den Tankstellen bemerkbar macht und die Bevölkerung belastet. Zugleich warnt Schnitzer davor, mit neuen staatlichen Entlastungen auf die verschärfte Lage am Golf zu reagieren.
Ökonomin setzt auf Unabhängigkeit von fossilen Energien
Als bessere Antwort sieht die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung eine stärkere Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Dazu könne jeder beim nächsten Auto- oder Heizungskauf beitragen. Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki wiederum kritisiert zusätzliche staatliche Eingriffe in die Preise und fordert niedrigere Steuern sowie den Ausbau der heimischen Energieförderung. Weitere Eingriffe in die Preisbildung durch die Regierung lehnt er ab und verweist auf negative Folgen der 12-Uhr-Regel.
Hohe Spritpreise als politische Belastungsprobe
Die aktuellen Rekordstände an den deutschen Tankstellen treffen Millionen Berufspendler und ländliche Regionen besonders hart, in denen Alternativen zum Auto fehlen. Steigende Kosten für Benzin und Diesel wirken wie eine zusätzliche Abgabe auf Arbeit, weil sie direkt den Weg zur Arbeitsstätte verteuern. Zugleich erhöhen sich Transport- und Logistikkosten, was mittelfristig Preise für viele Waren und Dienstleistungen nach oben treiben kann. Die Debatte um einen staatlichen Eingriff in die Preisbildung gewinnt damit nicht nur sozialpolitische, sondern auch wirtschaftliche Bedeutung.
Streit um staatlichen Eingriff in den Markt
Die Forderung nach einem Spritpreisdeckel knüpft an frühere Entlastungsinstrumente an, etwa den Tankrabatt, der befristet gewährt wurde und den Bund deutlich belastete. Ein Deckel würde direkt in die Preissetzung der Mineralölkonzerne eingreifen und könnte, je nach Ausgestaltung, auch steuerliche Komponenten betreffen. Befürworter verweisen auf Modelle in Nachbarländern, in denen Höchstpreise flexibel an die Marktlage angepasst werden und Verbraucher vor extremen Ausschlägen schützen sollen. Kritiker warnen vor Marktverzerrungen, Fehlanreizen und hohen fiskalischen Kosten sowie davor, dass Unternehmen bei gedeckelten Endpreisen an anderer Stelle kompensieren könnten.
Energiepolitik zwischen Entlastung und Transformation
Parallel zur kurzfristigen Frage nach Entlastung steht die langfristige energiepolitische Strategie im Fokus. Steigende Öl- und Gaspreise infolge geopolitischer Krisen zeigen, wie abhängig Deutschland weiterhin von fossilen Energieträgern und internationalen Lieferketten ist. Stimmen aus der ökonomischen Beratung geben zu bedenken, dass wiederkehrende staatliche Hilfen die notwendige Umstellung auf effizientere Fahrzeuge, alternative Antriebe und eine andere Verkehrsorganisation verzögern können. Die Auseinandersetzung um den Spritpreisdeckel spiegelt damit einen grundsätzlichen Konflikt: Wie stark soll der Staat akute Belastungen abfedern, ohne gleichzeitig die Anpassung an eine weniger fossil geprägte Wirtschaft auszubremsen?
