Raffinerien: Reiche startet Strategie für elf Standorte
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 12:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRaffinerien liefern mehr als Kraftstoffe
- Reiche verwies in Berlin auf rund 100 Raffinerien in Europa im Jahr 2009 und deren heutigen Rückgang.
- Nach Ministeriumsangaben gibt es in Deutschland elf Raffineriestandorte mit gut 92 Millionen Tonnen Kapazität jährlich.
- Die Arbeitsgruppen sollen ihre Ergebnisse im ersten Quartal 2027 vorlegen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die Raffineriestandorte in Deutschland langfristig sichern und hat dafür in Berlin einen Dialog mit der Energiebranche gestartet. Die Arbeitsgruppen sollen im ersten Quartal 2027 Ergebnisse für eine Raffineriestrategie vorlegen.
Raffinerien als strategische Infrastruktur
Reiche sagte, Deutschland müsse wettbewerbsfähige Raffineriekapazitäten erhalten, um auch künftig selbst über seine Versorgung entscheiden zu können. Sie warnte davor, Wertschöpfung und Sicherheit an andere Orte der Welt zu verlagern.
Die Ministerin verwies auf den Rückgang der Raffinerien in Europa: Von etwa 100 Anlagen im Jahr 2009 seien 30 geschlossen oder umgewandelt worden. Während des Iran-Konflikts habe Europa im Frühjahr ein Viertel seiner Versorgung mit Diesel und Kerosin verloren, sagte Reiche.
Mehr Importabhängigkeit bei Diesel
Fast die Hälfte der deutschen Dieselimporte stamme inzwischen aus den USA, sagte die Ministerin. Zwar seien die USA etablierte Partner, doch Deutschland bezahle dadurch höhere Preise und müsse Risikoaufschläge für die Versorgungssicherheit einkalkulieren.
Deutschland verfügt nach Angaben des Wirtschaftsministeriums über elf Raffineriestandorte. Zusammen können sie jährlich gut 92 Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten und damit einen wesentlichen Teil des Bedarfs für den Straßen-, Luft- und Schiffsverkehr decken.
Milliarden für klimafreundlichen Umbau
Raffinerien liefern neben Benzin, Diesel und Heizöl auch wichtige Ausgangsstoffe für zahlreiche Industriezweige. Nach Darstellung des Ministeriums müssen die Anlagen schrittweise umgebaut werden, damit sie ihren Bedarf zunehmend aus nachhaltigen statt aus fossilen Quellen decken können.
Für diesen Umbau sind Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich. Zugleich stehen die Unternehmen wegen des internationalen Wettbewerbs und zusätzlicher Belastungen aus dem EU-Emissionshandel unter Druck.
Streit über EU-Methanregeln
IGBCE-Chef Michael Vassiliadis forderte eine Reform des Emissionshandels, um die wirtschaftlichen Belastungen handhabbar zu machen. Andernfalls drohe die Abwanderung von Unternehmen, sagte er.
Reiche kritisierte außerdem Pläne der EU-Kommission zur Durchsetzung von Klimaschutzvorschriften in der Öl- und Gasindustrie. Sie warnte vor negativen Folgen der Methanverordnung für Raffinerien und betonte, Versorgungssicherheit müsse auch unter hoher Belastung gewährleistet bleiben.
Die Raffineriestrategie soll zwei Ziele miteinander verbinden: Deutschland will bestehende Verarbeitungskapazitäten sichern und zugleich den schrittweisen Wechsel von fossilen zu nachhaltigeren Rohstoffen ermöglichen. Dieser Spagat prägt die energie- und industriepolitische Debatte, weil Raffinerien nicht nur Kraftstoffe herstellen, sondern auch Vorprodukte für zahlreiche weitere Branchen liefern.
Mit elf Standorten und einer jährlichen Verarbeitungskapazität von gut 92 Millionen Tonnen Rohöl verfügen die Anlagen über eine zentrale Rolle für den deutschen Verkehrs- und Industriesektor. Ein Rückgang der heimischen Kapazitäten würde die Abhängigkeit von Importen erhöhen. Das kann Versorgungskosten und Verwundbarkeit gegenüber internationalen Krisen steigern, während Raffinerien zugleich im europäischen Wettbewerb unter Druck stehen.
Umbau kostet Milliarden
Die wirtschaftliche Herausforderung liegt darin, Investitionen in klimafreundlichere Verfahren unter Bedingungen zu finanzieren, die von hohen Energie-, Regulierungs- und Emissionskosten geprägt sind. Der von Reiche gestartete Branchendialog soll deshalb Interessen von Wirtschaft, Gewerkschaften, Ländern und betroffenen Industrien zusammenführen.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher geht es langfristig um die Stabilität der Versorgung mit Kraftstoffen und Wärme sowie um die Preise importierter Produkte. Für Unternehmen entscheidet sich, ob Raffineriestandorte zu Knotenpunkten einer stärker auf nachhaltige Rohstoffe ausgerichteten Industrie werden oder ob Verarbeitung und Wertschöpfung teilweise ins Ausland abwandern.
Nächster Schritt 2027
Die Arbeitsgruppen sollen im ersten Quartal 2027 Ergebnisse vorlegen. Danach muss die Bundesregierung klären, welche Rahmenbedingungen Investitionen ermöglichen, ohne Klimaziele und Versorgungssicherheit gegeneinander auszuspielen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Sicherung der Raffinerien - Bundesregierung startet Strategie“ (23.10.2026)
Der Beitrag hebt den Start des Dialogs mit der Mineralölwirtschaft hervor und berichtet, dass Länder, Gewerkschaften und betroffene Industriezweige einbezogen werden sollen. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stärker auf den geplanten Strategieprozess und die spätere Vorlage an das Kabinett.
ntv: „Bundesregierung sorgt für Sicherung und Klimafreundlichen Ausbau von Raffinerien“ (23.10.2026)
Der Artikel nennt ebenfalls elf Raffineriestandorte und gut 92 Millionen Tonnen Verarbeitungskapazität. Zusätzlich ordnet er die aktuelle Produktionsentwicklung bei Benzin und Diesel ein und stellt die Milliardeninvestitionen für den Umbau sowie den strukturellen Druck auf die europäische Raffinerieindustrie heraus.
Beide Beiträge bestätigen den Beginn des Branchendialogs und die strategische Bedeutung der Standorte. Unterschiede liegen vor allem im Schwerpunkt: Während der Deutschlandfunk den politischen Prozess betont, stellt ntv stärker Kapazität, Produktionszahlen und Investitionsbedarf heraus.
