Psychische Belastung: Schweizer Arbeitswelt kostet sie 6,5 Milliarden Franken
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 08:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Untersuchungen und Fachberichte rücken Strategien zur Burnout-Prävention durch Verhaltensänderungen sowie die Bedeutung von ausreichendem Schlaf für die Stresshormonregulation und das körperliche Wohlbefinden verstärkt in den Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund steigender mentaler Belastungen in vielen Branchen diskutieren Fachkreise sowohl individuelle Ansätze zur Entlastung als auch die Verantwortung von Organisationen.
Schlafmangel als Treiber von Erschöpfung und Fehlentscheidungen
Schlaf gilt als einer der zentralen Faktoren für die Regeneration des Organismus und die Regulierung von Stresshormonen. Laut einer Umfrage der Schweizer Krankenkasse Helsana unter Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren schlafen 29 Prozent an Werktagen weniger als 6 Stunden, während knapp ein Drittel auf mehr als 7 Stunden kommt.
Rund 36 Prozent der Befragten gaben an, sich mindestens oft müde oder erschöpft zu fühlen, weitere 44 Prozent empfinden dies manchmal. Zudem erklärten 40 Prozent, schlechter Schlaf mindere ihre Belastbarkeit erheblich.
Unter 800 befragten Berufstätigen gaben 36 Prozent an, starken Leistungsdruck trotz Schlafmangels zu verspüren – eine Belastung, die insbesondere Frauen sowie unter 50-Jährige betrifft. Einschlafprobleme treten bei 30 Prozent mehrmals wöchentlich auf, während 29 Prozent nachts aufwachen und schwer wieder in den Schlaf finden.
Die kognitiven Konsequenzen von Schlafdefiziten verdeutlichte auch eine Erhebung des Netzwerks Schlaf unter 16 Schweizer Parlamentsmitgliedern. Während der Sessionen schliefen die Abgeordneten mit rund 6 Stunden und 10 Minuten etwa 50 Minuten weniger als im heimischen Umfeld.
Der Schlafforscher Björn Rasch verwies darauf, dass Schlafmangel die Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen könne. Bei späten Abstimmungen zwischen 20 und 22 Uhr bestehe das Risiko, Entscheidungen eher intuitiv zu treffen.
Kurze Schlafphasen von 10 bis 30 Minuten könnten die Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit steigern, im Parlamentsgebäude fehlen dafür jedoch geeignete Rückzugsorte.
Die volkswirtschaftlichen Dimensionen psychischer Belastungen bezifferte Helsana-Chef Roman Sonderegger an einer Veranstaltung am 15. September 2026: Die jährlichen Kosten durch psychische Probleme in der Schweizer Arbeitswelt belaufen sich auf rund 6,5 Milliarden Franken.
Die Kosten für Psychotherapien kletterten vom Vorjahr auf 2026 um 11 Prozent, wobei psychisch bedingte Abwesenheiten im Schnitt 150 Tage andauern. Zudem hängen einer Schweizer Analyse zufolge mehr als die Hälfte der psychisch bedingten Krankschreibungen mit Konflikten am Arbeitsplatz zusammen.
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Wachsender Druck im betrieblichen Umfeld
Erhöhter Druck zeigt sich branchenübergreifend. Einer Befragung des ifo-Instituts und Randstad zufolge verzeichneten knapp 40 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen 12 Monaten eine gestiegene Arbeitslast, während sie in rund 20 Prozent der Betriebe sank.
In mehr als der Hälfte der Firmen nahm die mentale Belastung zu, lediglich in 3 Prozent ging sie zurück. Ein begleitendes Experiment zeigte zudem strukturelle Verzerrungen: Rund 85 Prozent der befragten Führungskräfte wiesen eine unattraktive Zusatzaufgabe dem motivierteren von zwei Mitarbeitenden zu.
Untersuchungen der Forscherinnen Bae und Woolley belegen, dass eine ungleiche Aufgabenverteilung die Zufriedenheit schwächt und Abwanderungsabsichten fördern oder fordern. Als Gegenmittel wird empfohlen, Zusatzaufgaben transparent im Team zuzuweisen.
Auch im Technologiesektor schlägt sich Überlastung nieder. Laut britischer Arbeitsschutzbehörde HSE gingen dort in den vergangenen drei Jahren rund 550.000 Arbeitstage durch Stress verloren; landesweit waren es im Erfassungszeitraum 2023/24 rund 16,4 Millionen Tage infolge von Stress, Depressionen und Angstzuständen.
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Sarah Bush von der University of Florida forderte in einem Beitrag, die Bewältigung nicht allein den Beschäftigten aufzubürden, sondern Prioritäten klar zu vereinbaren und Autonomie sowie Erholungszeiten zu sichern.
Für IT- und Sicherheitsteams bergen Dauerbetrieb und Alarmmüdigkeit akute Risiken, da Übermüdung dazu führen kann, dass Warnsignale übersehen oder Alarme fehlinterpretiert werden. Zur Entlastung empfehlen Fachleute rotierende Bereitschaften und planbare Erholungsphasen.
Auch in der Medienbranche existiert Handlungsbedarf: Das Netzwerk Recherche veröffentlichte dazu den Leitfaden „Stark unter Druck“, der auf Befragungen von 90 Führungskräften, Betriebsräten und Personalverantwortlichen basiert; für 2027 ist im transcript Verlag das vertiefende Buch „Resilienz in Redaktionen“ angekündigt.
Verhaltensanpassungen und gezielte Erholungsphasen
Neben strukturellen Reformen unterstützen gezielte Verhaltensänderungen die Stressreduktion. Fachbeiträge weisen auf die Wirkung von Atemtechniken wie der Zwerchfellatmung oder der 4-7-8-Methode hin, bei der vier Sekunden lang eingeatmet, sieben Sekunden die Luft angehalten und acht Sekunden lang ausgeatmet wird. Bereits kurze Bewegungspausen von fünf Minuten pro Arbeitsstunde können die Leistungsfähigkeit und Kreativität für den weiteren Verlauf unterstützen.
Langfristig spielen zudem die soziale Einbindung und die mentale Einstellung eine messbare Rolle. Eine Meta-Analyse mit mehr als 300.000 Teilnehmenden brachte eine gute soziale Einbindung mit einer um etwa 50 Prozent höheren Überlebenswahrscheinlichkeit in Verbindung.
Zudem ergab eine US-Langzeitstudie, dass Personen mit einem positiven Altersbild im Durchschnitt gut sieben Jahre länger lebten. Psychologen raten daher, Erholungszeiten und persönliche Beziehungen fest in den Alltag zu integrieren und Warnsignale wie anhaltende Schlafprobleme oder Reizbarkeit frühzeitig zu adressieren.
