Psychische Belastung: AOK-Fehlzeiten steigen in zehn Jahren um 42 Prozent
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Analysen und Berichte machen auf eine stetig steigende psychische Belastung von Arbeitnehmern aufmerksam. Während die fortschreitende Digitalisierung sowie der Einsatz künstlicher Intelligenz neue Anforderungen an Beschäftigte stellen, gilt die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz in vielen Betrieben weiterhin als tabuisiertes Risiko. Wirtschaftliche Unsicherheiten treiben die Belastungswerte zusätzlich an, was Arbeitsmarkt und Sozialkassen vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Drastischer Anstieg der Fehlzeiten durch Überlastung
Dass psychische Beschwerden immer häufiger zu Ausfällen führen, belegt der AOK-Fehlzeiten-Report. Bei den AOK-Versicherten kletterten die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren um 42 Prozent, während die erfassten Burnout-Diagnosen seit dem Jahr 2016 um 77 Prozent zulegten.
Ein ähnliches Bild zeichnet auch der DAK-Report. Der Fehlzeiten-Report 2026 rückt psychische Probleme am Arbeitsplatz in den Mittelpunkt; zu den Autoren gehört der Bielefelder Soziologe Bernhard Badura, der Ursachen und Lösungsansätze skizziert.
Stressforscher Mazda Adli bestätigt eine generelle Zunahme der Anspannung durch gesellschaftliche und ökonomische Krisen. Besonders stark von der Belastung betroffen sind demnach Beschäftigte in der Pflege sowie Frauen in Teilzeit. Wie akut die Auswirkungen sein können, verdeutlichen Fälle aus der Praxis, in denen Sachbearbeiter nach akuten Belastungsreaktionen für drei Monate krankgeschrieben werden müssen.
Digitaler Wandel und neue Risiken durch KI
Entgegen der Annahme, technischer Fortschritt sorge automatisch für Entlastung, verstärkt die digitale Transformation vielerorts den Arbeitsdruck. Laut einer Verdi-Studie aus dem Jahr 2022 gibt fast die Hälfte der digital arbeitenden Beschäftigten an, dass ihre Arbeitslast gewachsen sei.
Eine Untersuchung der Harvard Business Review deutet zudem darauf hin, dass KI-Systeme die Verdichtung von Arbeit vorantreiben können; in Führungsetagen hat sich hierfür bereits der Begriff des KI-Burnouts etabliert.
Wer sich mit den Folgen von Arbeitsverdichtung und Stress befasst, benötigt praxistaugliche Strategien für den Alltag. Dieser kostenlose Ratgeber bietet 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit und zeigt, wie beruflicher Erfolg und persönliches Glück im Einklang bleiben. Work-Life-Balance E-Book kostenlos herunterladen
Der Psychologiedoktor Niklas Nordling warnt in einem gemeinsam mit Tapio Nissilä verfassten Buch davor, dass KI-Agenten, die ununterbrochen Entscheidungsvorschläge generieren, den Menschen zum überlasteten Flaschenhals machen. Dies erhöhe das Risiko von Fehlentscheidungen, Dauerstress und Krankheiten.
Laut Nordling nutzen weltweit bereits fast neun von zehn Beschäftigten entsprechende Technologien, doch lediglich 5 bis 10 Prozent der Unternehmen vermelden einen Nutzen in großem Maßstab.
Hohe volkswirtschaftliche Folgekosten in Europa
Das Phänomen betrifft den gesamten Kontinent. Nach Erhebungen der EU-OSHA sind 45 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union Risiken für das psychische Wohlbefinden ausgesetzt.
Rund 29 Prozent berichteten im Rahmen der Befragung OSH Pulse 2025 von arbeitsbedingtem Stress, Angstzuständen oder Depressionen. Mehr als 40 Prozent klagen über starken Zeitdruck und fast 30 Prozent über Mängel bei Kommunikation oder Zusammenarbeit.
Europaweit geben rund 44 Prozent ein zu hohes Arbeitsvolumen an. Das Europäische Gewerkschaftsinstitut ETUI beziffert die jährlichen Schäden durch arbeitsbedingte Depressionen auf mehr als 100 Milliarden Euro infolge von Absenzen, Produktivitätsverlusten und medizinischen Ausgaben.
Angesichts steigender Fehlzeiten und psychischer Belastungen rückt die Prävention in den Fokus von Betrieben. Erfahren Sie in diesem Gratis-E-Book, wie Sie durch psychologische Sicherheit und gezielten Vertrauensaufbau die Motivation in Ihrem Team nachhaltig stärken. Leitfaden für psychologische Führung jetzt gratis sichern
Um dem entgegenzuwirken, startete die EU-OSHA am 13. Oktober 2026 in Brüssel die Kampagne „Gesunde und sichere Arbeitsumgebungen 2026–2028“. Sie fokussiert fünf Kernbereiche, darunter Risikobewertung, den Umgang mit Belästigung und Gewalt sowie die Wiedereingliederung.
EU-OSHA-Direktor William Cockburn bezeichnete die Scheu vor einer offenen Diskussion als größtes Hindernis, während EU-Kommissions-Vizepräsidentin Roxana Mînzatu auf das enorme Potenzial verwies, Fehlzeiten durch Prävention zu vermeiden. Die begleitende Europäische Woche für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ist für den Zeitraum vom 19. bis 24. Oktober 2026 angesetzt.
Politische Debatten und der Wert psychologischer Sicherheit
In Großbritannien unterstreicht die Arbeitsaufsichtsbehörde HSE die Dimension: Laut Labour Force Survey für 2024/25 litten rund 964.000 Beschäftigte in England, Schottland und Wales unter arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder Ängsten. Dies entsprach 52 Prozent aller berufsbedingten Krankheitsfälle und verursachte mit 22,1 Millionen Ausfalltagen 62 Prozent aller Fehltage. In Dänemark stieg der Stressanteil an der Erwerbsbevölkerung von 13,4 Prozent im Jahr 2013 auf bis zu 33 Prozent im Jahr 2025.
In Deutschland geraten die Ausfallzeiten derweil in die politische Diskussion. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die Gesamtzahl der Krankheitstage als zu hoch und kündigte an, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung überprüfen zu lassen.
Gleichzeitig zielt der Koalitionsvertrag von Union und SPD auf eine flexiblere Höchstarbeitszeit ab, was rechnerisch bis zu 70 Wochenstunden ermöglichen könnte – ein Vorhaben, das von Fachleuten wegen möglicher Mehrbelastungen kritisiert wird.
Untersuchungen betonen dagegen die Bedeutung psychologischer Sicherheit: Unternehmenskulturen, in denen Fehler offen angesprochen werden dürfen, schützen Teams nachweislich vor Erschöpfung.
