Präsentismus: Weiterarbeiten verursacht zwei Drittel der Krankheitsverluste
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Ratgeberbeiträge informieren über den rechtlichen Rahmen bei einer Krankschreibung und beleuchten die Pflichten von Arbeitgebern zum betrieblichen Gesundheitsschutz. Eine ärztlich attestierte Arbeitsunfähigkeit bedeutet keineswegs automatisch strikten Hausarrest. Entscheidend für das Verhalten der Beschäftigten ist vor allem die Art der Erkrankung und die Auswirkung bestimmter Tätigkeiten auf den Heilungsverlauf.
Genesungsförderung bestimmt den Handlungsspielraum
Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bestätigt juristisch lediglich, dass ein Beschäftigter die geschuldete Arbeitsleistung vorübergehend nicht erbringen kann. Erlaubt sind grundsätzlich alle Aktivitäten, die der Genesung dienen oder sie zumindest nicht verzögern.
Dazu zählen Spaziergänge an der frischen Luft, Einkäufe im Supermarkt oder nach Absprache mit dem behandelnden Arzt auch moderates Joggen. Bei leichten Beschwerden oder psychischen Erkrankungen können zudem Treffen mit Freunden den Genesungsprozess unterstützen.
Auch Reisen oder Urlaubsaufenthalte kommen in Betracht, wenn sie medizinisch befürwortet werden, etwa bei Depressionen oder einem Burnout-Syndrom. Ein Skiurlaub bei einer akuten Grippe gilt hingegen als ungeeignet.
Genesungswidriges Verhalten ist arbeitsrechtlich unzulässig. Ausgedehnte Shoppingtouren, Besuche von Bars, Partynächte, Alkoholkonsum oder energieintensiver Sport gefährden die Heilung und können arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Nach Einschätzung von Rechtsexperten drohen bei Verstößen Gehaltskürzungen, Abmahnungen sowie im Wiederholungsfall oder bei schweren Pflichtverletzungen die Kündigung.
Gleichzeitig bedeutet die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein striktes Arbeitsverbot. Fühlt sich eine erkrankte Person wieder arbeitsfähig, ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz vor Ablauf des Attests rechtlich möglich. Allerdings besitzt der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht und kann Beschäftigte nach Hause schicken, wenn er deren Einsatzfähigkeit bezweifelt.
Wer sich mit dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit und der Rückkehr nach längerer Krankheit befasst, findet in diesem Ratgeber wichtige Unterstützung für den rechtssicheren Ablauf. Inklusive Gesprächsleitfaden und Muster-Betriebsvereinbarung hilft dieses kostenlose E-Book, den Arbeitsplatz nachhaltig zu schützen. Vollständige BEM-Anleitung jetzt kostenlos herunterladen
Präsentismus und gesundheitliche Folgeschäden
Das Weiterarbeiten trotz Erkrankung birgt erhebliche wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Booz & Company im Auftrag der Felix Burda Stiftung verursacht dieser sogenannte Präsentismus rund zwei Drittel der gesamten krankheitsbedingten Verluste der deutschen Wirtschaft, während auf tatsächliche Fehltage lediglich etwa ein Drittel entfällt.
Auch medizinisch drohen gravierende Folgen. Wie die Deutsche Herzstiftung hervorhebt, können Erkältungsviren bei unzureichender Schonung eine Herzmuskelentzündung begünstigen.
Zur Vermeidung von Präsentismus raten Fachleute zu klaren betrieblichen Rahmenbedingungen: Führungskräfte sollten eine Vorbildfunktion einnehmen, eindeutige Vertretungsregelungen greifen und im Homeoffice der Grundsatz gelten, dass krankheitsbedingt abgemeldete Mitarbeiter vollständig offline bleiben.
Betriebliche Prävention und psychische Belastungen
Über den Umgang mit akuten Erkrankungen hinaus rückt die psychische Gesundheit verstärkt in den Fokus. Nach Beobachtungen von Prof. Steffi Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig und Mitautorin des Fehlzeiten-Reports, deuten Indikatoren auf eine reale Zunahme psychischer Belastungen und Störungen hin, insbesondere bei jüngeren Menschen und Frauen.
Während gut gestaltete Arbeitsbedingungen durch Struktur und soziale Kontakte die Psyche stärken können, erhöhen hohe Arbeitsanforderungen bei gleichzeitig geringem Gestaltungsspielraum das Risiko für Depressionen.
Ein gesundes Arbeitsklima erfordert ein frühzeitiges Erkennen von Überlastungsgefahren und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Diese praxiserprobten Excel-Vorlagen und Muster unterstützen Verantwortliche dabei, Stressfaktoren rechtssicher zu dokumentieren und die Gesundheit im Team zu fördern. Kostenloses Paket zur Gefährdungsbeurteilung sichern
Obwohl die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen bereits seit 2013 gesetzlich vorgeschrieben ist, sieht Riedel-Heller das vorhandene Potenzial noch nicht ausgeschöpft, insbesondere in kleinen und mittleren Betrieben.
Um Unternehmen bei der Umsetzung zu unterstützen, bietet die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung mit dem Angebot Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung praxiserprobte Beispiele an.
Begleitende Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung bleiben für Arbeitgeber zwar freiwillig, sollten im Sinne eines wirksamen Gesundheitsschutzes jedoch möglichst niedrigschwellig angelegt sein und während der Arbeitszeit stattfinden.
