Präsentismus in Deutschland: 54,4 Arbeitstage gehen je Beschäftigtem verloren
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Gewerkschaften und arbeitsmedizinische Fachkreise sehen in der gezielten Gestaltung gesunder Arbeitsbedingungen einen zentralen Hebel, um dem anhaltenden Arbeitskräftemangel wirksam zu begegnen. Wie Fachberichte unterstreichen, reichen Personalakquise oder rein monetäre Anreize vielerorts nicht mehr aus.
Vielmehr entscheidet die Qualität des Arbeitsumfelds darüber, ob Betriebe bestehendes Personal binden und neue Beschäftigte gewinnen können. Auch der Österreichische Gewerkschaftsbund betonte, dass gesunde Arbeitsplätze keineswegs ein Luxus seien, sondern eine grundlegende Verpflichtung für Arbeitgeber darstellten.
Arbeitsplatzqualität als Hebel für Schlüsselbranchen
Europäische Arbeitsmarktexperten von Cedefop und der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) verweisen darauf, dass ein verbesserter Arbeits- und Gesundheitsschutz einen unverzichtbaren Beitrag zur Entlastung des Arbeitsmarktes leistet.
Betroffen von personellen Engpässen sind insbesondere Wirtschaftszweige, die für den ökologischen und digitalen Wandel entscheidend sind – darunter das Bauwesen, das verarbeitende Gewerbe, der Transportsektor sowie das Gesundheits- und Sozialwesen. In diesen Bereichen treffen anspruchsvolle Tätigkeiten häufig auf erhebliche Belastungen und Gefährdungen.
Nach Erhebungen der EU-OSHA legen Beschäftigte zunehmend Wert auf psychosoziales Wohlbefinden, eine ausgewogene Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie eine verlässliche Arbeitsplatzkultur. Sichere, gesündere und nachhaltigere Rahmenbedingungen können Arbeitgebern helfen, dem Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken und die Widerstandsfähigkeit des Arbeitsmarktes zu stärken.
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Milliardenschwere Verluste durch Präsentismus und Belastungen
Welche wirtschaftlichen Folgen unzureichende Arbeitsbedingungen haben, verdeutlicht der von Vitality und RAND Europe veröffentlichte Global Health and Productivity Index.
Den Berechnungen zufolge belaufen sich die Produktivitätsverluste für die deutsche Wirtschaft jährlich auf rund 506 Milliarden Euro. Deutschland verzeichnet demnach im Schnitt 69,3 verlorene produktive Arbeitstage je Beschäftigtem im Jahr – mehr als Großbritannien, die USA, Japan oder Singapur.
Davon entfallen allein 54,4 Tage auf Präsentismus, also das Arbeiten trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Neville Koopowitz, Global CEO von Vitality, bezifferte die Kosten des Nichthandelns ebenfalls auf mehr als 500 Milliarden Euro pro Jahr.
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Der Untersuchung zufolge berichten 72 Prozent der Beschäftigten in Deutschland über moderate bis schwere psychische Belastungen, was den Spitzenwert unter den untersuchten Ländern darstellt. Bei den 18- bis 34-Jährigen geben 32 Prozent starke depressive Symptome an.
Gleichzeitig verfügen hierzulande lediglich 16 Prozent der Beschäftigten über einen Zugang zu arbeitgeberfinanzierten Beratungs- oder Mental-Health-Angeboten, während der Länderdurchschnitt bei 21 Prozent liegt.
Zunahme psychischer Ausfälle und betriebliche Handlungsansätze
Diese Entwicklung spiegelt sich in den Daten der Krankenkassen wider. Laut dem am 8. Oktober 2026 in Berlin vorgestellten Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stiegen die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten Beschäftigten binnen zehn Jahren um knapp 42 Prozent: von 284 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025. Burnout-Diagnosen verzeichneten im selben Zeitraum ein Plus von 77 Prozent auf 19,5 Ausfalltage je 100 Mitglieder. Am stärksten betroffen waren 2025 Tätigkeitsbereiche wie das Dialogmarketing sowie die Haus-, Familien- und Altenpflege.
Prof. Steffi Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig und Mitautorin des Reports, betonte, dass gute Arbeit die psychische Gesundheit durch Struktur, Stabilität und soziale Kontakte grundsätzlich stärke.
Hohe Arbeitsanforderungen bei geringem Handlungsspielraum könnten das Erkrankungsrisiko jedoch steigern; entscheidend seien daher gerechte Bedingungen, Handlungsfreiräume und gelebte Wertschätzung.
Zum Auftakt der Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober 2026 unterstrich auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), dass bereits betriebliche Anpassungen wie verlässliche Pausenregelungen, klare Zuständigkeiten und transparente Kommunikationswege spürbar dazu beitragen, Belastungen zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten.
