Peter Bofinger fordert Ende der teuren „Rente mit 63“
Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 13:21 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer Ökonom und ehemalige Wirtschaftsweise Peter Bofinger dringt auf ein Ende der sogenannten „Rente mit 63“ und warnt die SPD davor, an der Regelung festzuhalten. Ökonomisch lasse sich ein Fortbestand aus seiner Sicht nicht rechtfertigen, zudem sei die Sonderrente sehr kostspielig.
Bofinger kritisiert Bonus für langjährig Versicherte
Bofinger betont, die Abschaffung der „Rente mit 63“ bestrafe nicht die Fleißigen, sondern nehme einen Bonus weg, der durch die geleisteten Einzahlungen nicht gedeckt sei. Die Regelung ermöglicht Versicherten mit besonders langen Beitragszeiten einen abschlagsfreien Renteneintritt vor der regulären Altersgrenze.
Nach seinen Berechnungen honoriert das deutsche Rentensystem Leistung bereits dadurch, dass längere Beitragszeiten direkt zu höheren Renten führen. Wer statt 40 Jahren insgesamt 45 Jahre arbeitet und einzahlt, hat demnach am Ende rund 12,5 Prozent mehr Rente zur Verfügung als jemand mit kürzerer Versicherungsdauer.
Hohe Kosten für Beitragszahler und Rentenkasse
Ein Fortbestand der „Rente mit 63“ hätte nach Bofingers Einschätzung deutliche finanzielle Folgen für andere Gruppen. Die Kosten tragen demnach alle Beitragszahler, also Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sowie alle übrigen Rentenbezieher, weil für sie weniger Geld im gemeinsamen Rententopf bleibt.
Die daraus entstehenden Mehrausgaben beziffert der Ökonom mit fünf bis zehn Milliarden Euro. Zehn Milliarden Euro entsprächen nach seinen Angaben etwa einem halben Beitragspunkt in der gesetzlichen Rentenversicherung, die ansonsten zur Finanzierung anderer Leistungen oder zur Stabilisierung der Beiträge eingesetzt werden könnten.
Ökonom mit langjähriger Rentenexpertise
Bofinger ist Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und war auf Vorschlag der SPD Mitglied der Rentenkommission der Bundesregierung. Von 2004 bis 2019 gehörte er dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an und prägte als sogenannter Wirtschaftsweiser die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland über viele Jahre mit.
Die Kritik von Peter Bofinger an der sogenannten „Rente mit 63“ fällt in eine Phase, in der die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung erneut stark diskutiert wird. Hintergrund ist der demografische Wandel: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen schrittweise in den Ruhestand, während die Zahl der Erwerbstätigen im Verhältnis zur Zahl der Rentner sinkt. Parallel dazu steigen die Ausgaben der Rentenversicherung, etwa durch bereits beschlossene Leistungsverbesserungen.
Die „Rente mit 63“ ist eine im Jahr 2014 eingeführte Sonderregelung, die Versicherten mit besonders langen Beitragszeiten einen abschlagsfreien vorzeitigen Renteneintritt ermöglicht. Ursprünglich war sie vor allem als Anerkennung der Lebensleistung von Beschäftigten mit langen Erwerbsbiografien gedacht und wurde maßgeblich von der SPD und der damaligen Großen Koalition vorangetrieben. Seither ist die Regelung immer wieder Gegenstand von Kritik, insbesondere aus der ökonomischen Fachwelt, weil sie zusätzliche Kosten verursacht und aus ihrer Sicht Fehlanreize setzt.
Debatte in der SPD und finanzpolitische Dimension
Innerhalb der SPD ist die „Rente mit 63“ politisch sensibel, weil sie als sozialpolitische Errungenschaft gilt, die vielen Stammwählern zugutekommt. Forderungen nach ihrer Abschaffung treffen deshalb auf Vorbehalte in Teilen der Partei und der Gewerkschaften. Zugleich steht die SPD als Regierungspartei unter Druck, die langfristige Stabilität des Rentensystems zu sichern, ohne Beiträge oder Steuern stark zu erhöhen oder das Rentenniveau deutlich zu senken.
Wenn Bofinger die Kosten der Regelung mit einem Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro jährlich beziffert, stellt er die Frage nach Prioritäten in der Sozialpolitik. Solche Beträge konkurrieren mit anderen Ausgaben, etwa für Bildungs-, Familien- oder Investitionsprogramme. In der laufenden Diskussion um eine gerechte Verteilung der Lasten zwischen Beitragszahlern und Rentnern stärkt seine Intervention diejenigen, die für eine Konzentration der Mittel auf das Kernprinzip des Systems plädieren: höhere Renten durch längeres Arbeiten und höhere Einzahlungen, statt zusätzlicher Boni für bestimmte Gruppen.
Ausblick auf mögliche Reformpfade
Wie die Debatte weitergeht, hängt maßgeblich von den laufenden rentenpolitischen Verhandlungen innerhalb der Regierungskoalition und der SPD ab. Eine Abschaffung oder Einschränkung der „Rente mit 63“ wäre ein deutliches Signal, dass finanzielle Tragfähigkeit stärker gewichtet wird als der Erhalt populärer Einzelleistungen. Umgekehrt würde ein Festhalten an der Regelung die Suche nach anderen Mitteln zur Stabilisierung des Rentensystems verstärken, etwa durch höhere Bundeszuschüsse oder eine weitere Erhöhung des Beitragssatzes.
