Papierindustrie: Tarifkonflikt spaltet Deutschland und Österreich
05.05.2026 - 22:21:23 | boerse-global.deWährend deutsche Beschäftigte bereits die zweite geplante Lohnerhöhung erhalten, stecken die Verhandlungen in Österreich fest.
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Österreich: Verhandlungen auf der Kippe
In Österreich ist die Tarifrunde 2026 für rund 8.000 Beschäftigte der Papier- und Zellstoffindustrie in eine schwierige Phase geraten. Anfang Mai zeichnet sich noch keine Einigung ab. Das erinnert an das Vorjahr, als sich die Gespräche bis Mitte Mai hinzogen und erst nach vier intensiven Runden abgeschlossen werden konnten.
Der damalige Abschluss brachte eine Erhöhung von 2,65 Prozent für Mindest- und Ist-Gehälter, rückwirkend zum 1. Mai 2025. Allerdings enthielt der Vertrag eine sogenannte Rezessionsklausel: Unternehmen mit negativem EBIT oder einer Marge unter 0,75 Prozent durften lediglich 2,45 Prozent mehr zahlen.
Walter Kogler, Vorsitzender der Papiersparte in der Gewerkschaft GPA, betonte damals, dass eine „Nullrunde“ unbedingt verhindert werden musste. Für 2026 fordern die Gewerkschaften nun nachhaltige Lohnsteigerungen. Die Arbeitgeberseite, vertreten durch Austropapier, verweist dagegen auf den anhaltenden Kostendruck – die internationale Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Standorte stehe auf dem Spiel.
Deutschland: Zweite Stufe greift
Anders die Lage in Deutschland: Hier läuft ein 27-Monats-Vertrag, den die IGBCE und der Arbeitgeberverband „Die Papierindustrie“ Ende November 2024 abschlossen. Nach einer ersten Erhöhung um 2,5 Prozent Anfang 2025 trat zum 1. Januar 2026 ein weiteres Plus von 2,0 Prozent in Kraft. Insgesamt summiert sich das Volumen auf 5,9 Prozent – eine bewusste Strategie für Planungssicherheit. Der letzte Schritt mit 1,4 Prozent folgt am 1. Oktober 2026.
Ulrich Wienbeuker, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, bezeichnete den Abschluss damals als „papierspezifisch“. Ziel sei es, die grüne Transformation der Branche zu ermöglichen und gleichzeitig die heimische Produktion zu sichern. Der Vertrag enthielt zudem eine Einmalzahlung von 100 Euro für die letzten Monate 2024 und legte den Grundstein für einen speziellen Gewerkschaftsmitglieder-Bonus.
Neue Mechanismen: Rezessionsklauseln und Boni
Ein Trend zeichnet sich ab: Die Tarifverträge werden komplexer. Die Rezessionsklausel im österreichischen Abschluss von 2025 zeigt, dass die Differenzierung nach der wirtschaftlichen Lage einzelner Werke zunimmt. Das soll Arbeitsplätze in Krisenbetrieben schützen, während die breite Branche Inflationsausgleich erhält.
In Deutschland rücken neben Prozentsteigerungen auch qualitative Leistungen in den Fokus. Seit 2025 diskutieren die Sozialpartner über IGBCE-Mitgliederboni. Die Idee: Gewerkschaftsmitglieder erhalten spezifische Vergünstigungen. Die Gewerkschaft argumentiert, dies stärke die Sozialpartnerschaft in einer Branche, die von langfristigen Investitionen und Familienunternehmen geprägt ist.
Auch Rahmenbedingungen wurden angepasst. In der österreichischen Runde stieg die Kilometerpauschale für Dienstreisen auf 50 Cent – eine Reaktion auf gestiegene Mobilitätskosten.
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Branche im Wandel
Der Tarifkonflikt spiegelt die grundlegende Transformation der europäischen Papierindustrie wider. Während die Nachfrage nach grafischen Papieren strukturell sinkt, boomen Verpackungs- und Spezialpapiere – allerdings mit starken Schwankungen. Hohe Rohstoffkosten und der Druck zur CO?-Neutralität machen Planungssicherheit zur zentralen Forderung der Arbeitgeber.
Die Gewerkschaften kontern: Die Fachkräfte seien das wertvollste Kapital der Branche. Attraktive Löhne müssten verhindern, dass Beschäftigte in andere Industriezweige abwandern – besonders, weil Schichtarbeit in der Papierproduktion Standard ist. Die rollierende Inflationsrate, die in der österreichischen Runde 2025 bei 2,65 Prozent lag, bleibt der Maßstab für Forderungen. Die aktuelle Blockade deutet jedoch auf eine erhebliche Kluft zwischen diesen Werten und den Arbeitgeberangeboten hin.
Ausblick: Heiße zweite Jahreshälfte
Die kommenden Monate werden über die Tarifstabilität in der Region entscheiden. In Österreich wächst ohne Einigung die Gefahr von Arbeitskämpfen. Beobachter erwarten, dass ein möglicher Abschluss dem Muster der Vorjahre folgen wird – mit abgestuften Lohnschritten oder verbesserten Rahmenbedingungen wie Urlaubsregelungen oder Schichtzulagen.
In Deutschland richtet sich der Blick bereits auf das Jahresende. Der aktuell Vertrag läuft am 31. Dezember 2026 aus. Die Vorbereitungen für die Runde 2027 dürften im Herbst beginnen. Im Zentrum stehen dann die Evaluation der Mitgliederbonus-Programme und die grundsätzliche Frage: Wie lassen sich reale Lohnsteigerungen in einem wirtschaftlich stagnierenden, aber nicht mehr inflationären Umfeld sichern?
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