Ostdeutschland, IW-Einheitsindex

Ostdeutschland: Wirtschaftlicher Aufholprozess stagniert bei 79 Prozent

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 16:50 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die fünf ostdeutschen Flächenländer erreichen beim wirtschaftlichen Aufholprozess 2025 knapp 79 Prozent des Westniveaus. Vor allem Forschung in Unternehmen, Investitionen und die demografische Entwicklung bremsen die Annäherung an den Westen.

  • Probleme gibt es unter anderem in der Chemiebranche. (Archivbild) - Bild: Jan Woitas/dpa
    Probleme gibt es unter anderem in der Chemiebranche. (Archivbild) - Bild: Jan Woitas/dpa
  • An den Universitäten wird geforscht, in den Unternehmen aber zu wenig. (Archivbild) - Bild: Robert Michael/dpa
    An den Universitäten wird geforscht, in den Unternehmen aber zu wenig. (Archivbild) - Bild: Robert Michael/dpa
Probleme gibt es unter anderem in der Chemiebranche. (Archivbild) - Bild: Jan Woitas/dpa An den Universitäten wird geforscht, in den Unternehmen aber zu wenig. (Archivbild) - Bild: Robert Michael/dpa

Die fünf ostdeutschen Flächenländer haben beim wirtschaftlichen Aufholprozess 2025 knapp 79 Prozent des Westniveaus erreicht, doch die Angleichung kommt seit fünf Jahren kaum noch voran.

Aufholprozess stagniert

Das geht aus Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. 2024 hatte der Wert gut 78 Prozent betragen. Seit 2020 pendelt der vom IW ermittelte Einheitsindex zwischen 78 und 79 Prozent; die Marke von 80 Prozent wurde bislang nicht erreicht.

1991 lag Ostdeutschland nach den IW-Berechnungen noch bei 51 Prozent der westdeutschen Wirtschaftskraft. Der Index berücksichtigt neben der Wirtschaftsleistung je Einwohner auch Produktivität, Kapitalstock, den Anteil Hochqualifizierter in Forschung und Entwicklung sowie Erwerbsbeteiligung, Arbeitslosen- und Selbstständigenquote.

Forschung in Unternehmen fehlt

Besonders groß ist der Abstand beim Personal in Forschung und Entwicklung. Dort erreicht der Osten gut 46 Prozent des Westniveaus. Während Universitäten und öffentliche Institute vergleichsweise gut aufgestellt sind, fehlen Forscher in Unternehmen, weil es nur wenige Großunternehmen gibt.

Auch bei der Erwerbsbeteiligung und den Investitionen zeigen sich Rückstände. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung lag die Erwerbsbeteiligung 2010 bei knapp 89 Prozent des Westniveaus, 2025 aber nur noch bei gut 85 Prozent. Beim Kapitalstock – dem Wert von Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäuden je Einwohner – stieg der Anteil von knapp 77 Prozent im Jahr 2010 auf gut 79 Prozent 2025; seit rund 15 Jahren kommt der Osten hier kaum voran.

Alterung erhöht Fachkräftebedarf

Nach einer IW-Prognose könnte die Bevölkerung im Osten bis 2045 in einem Szenario ohne Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Die ostdeutschen Länder sind dadurch besonders auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen.

Das IW bewertet die Debatte über eine Beibehaltung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren kritisch. Wegen seiner Bevölkerungsstruktur sei der Osten besonders darauf angewiesen, erfahrene Beschäftigte länger im Arbeitsleben zu halten.

Struktureller Abstand bleibt bestehen

Der IW-Index beschreibt nicht nur die Wirtschaftsleistung je Einwohner, sondern auch Produktivität, Kapitalausstattung, Forschung, Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosen- und Selbstständigenquoten. Dass der Gesamtwert seit 2020 zwischen 78 und 79 Prozent des Westniveaus liegt, deutet deshalb auf ein breites strukturelles Problem und nicht auf eine einzelne konjunkturelle Schwäche hin.

Besonders relevant ist die Unternehmensforschung. Universitäten und öffentliche Institute sind im Osten vergleichsweise gut vertreten, doch es fehlen große Unternehmen mit eigenen Entwicklungsabteilungen. Damit fehlen zugleich gut bezahlte Arbeitsplätze, private Investitionen und die Möglichkeit, Forschungsergebnisse in regionalen Wertschöpfungsketten zu nutzen. Einzelne Ansiedlungen, etwa in der Chipindustrie oder bei erneuerbaren Energien, ändern an diesem Muster bislang wenig.

Demografie verschärft den Handlungsdruck

Der Bevölkerungsrückgang verstärkt die wirtschaftlichen Herausforderungen. Weniger Erwerbstätige erschweren die Besetzung offener Stellen und belasten die Finanzierung öffentlicher Infrastruktur. Zuwanderung kann diese Lücke teilweise schließen, setzt aber attraktive Arbeitsplätze, funktionierende Verwaltung, Wohnraum und gesellschaftliche Offenheit voraus.

Für Beschäftigte und Unternehmen bedeutet die Entwicklung, dass der Osten nicht automatisch durch Zeit und allgemeines Wirtschaftswachstum zum Westen aufschließt. Entscheidend bleiben Investitionen in produktive Betriebe, Forschung und Fachkräfte. Gleichzeitig zeigen regionale Unterschiede, dass wirtschaftliche Chancen nicht allein an der früheren innerdeutschen Grenze verlaufen: Wachstumszentren können sich deutlich besser entwickeln als strukturschwache ländliche Räume.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

n-tv: „IW-Studie zeigt Rückstand: Ostdeutsche Wirtschaft kommt nicht voran“ (03.10.2026)

Der Bericht bestätige den seit fünf Jahren stagnierenden Aufholprozess und hebe zusätzlich hervor, dass Investitionen und Erwerbsbeteiligung zurückgingen. Als ergänzende Perspektive nenne er wirtschaftliche Erfolge wie das Tesla-Werk in Grünheide und das Chip-Cluster in Dresden, stelle ihnen aber die demografische Entwicklung und die Abhängigkeit von Zuwanderung gegenüber.

MDR: „Lohn, Arbeit, Vermögen: Deutschland wächst nur langsam zusammen“ (03.10.2026)

Der Beitrag ordne die IW-Zahlen in ein breiteres Bild von Einkommen, Vermögen, Arbeitslosigkeit und Wohnkosten ein. Er zeige zugleich, dass der Osten bei den Gehältern in vielen Regionen aufhole und die Mietbelastung teilweise niedriger sei, während Vermögensunterschiede und regionale Unterschiede fortbestünden.

Beide Berichte stimmten darin überein, dass die wirtschaftliche Angleichung unvollendet sei. Der erste Beitrag setze den Schwerpunkt auf Investitionen und Demografie, der zweite auf die unterschiedliche Lebensrealität und regionale Entwicklungen.

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