Österreichs Aufsichtsräte werden weiblicher – Vorstände bleiben Männerdomäne
01.05.2026 - 11:51:57 | boerse-global.de
Die Hauptversammlungssaison in Österreich bringt Bewegung in die Chefetagen – doch der Fortschritt ist ungleich verteilt. Während die Politik die Frauenquote für Aufsichtsräte auf 40 Prozent anhebt, zeigt sich in den Vorstandsetagen ein ganz anderes Bild.
Während Unternehmen ihre Gremien neu besetzen, gewinnt die Qualität interner Führungsprozesse an Bedeutung. Erfahren Sie in diesem kostenlosen E-Book, wie strukturierte Gespräche die Entwicklung und Fairness in Ihrem Team fördern. 9 kostenlose Vorlagen für bessere Mitarbeitergespräche sichern
Neue Quote: 40 Prozent ab 2027
Der Bundesrat hat am 10. April 2026 das „Gesellschaftsrechtliche Leitungspositionengesetz“ (GesLeiPoG) verabschiedet. Es hebt die Pflichtquote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen von 30 auf 40 Prozent an. Die neuen Regeln gelten für alle Wahlen und Bestellungen nach dem 31. Dezember 2026 – die Unternehmen haben also eine klare Übergangsfrist.
Flankierend dazu müssen börsennotierte Firmen künftig in ihren Corporate-Governance-Berichten detailliert darlegen, wie sie eine ausgewogene Geschlechterverteilung erreichen wollen. Diese Berichtspflicht gilt für Geschäftsjahre, die nach dem 29. Juni 2026 beginnen. Justizministerin Sporrer betonte, Österreich setze mit diesem Schritt die 2018 eingeführte 30-Prozent-Quote konsequent fort.
Hauptversammlungen: Erste Erfolge, aber noch Luft nach oben
Die laufende Hauptversammlungssaison liefert erste Einblicke, wie große österreichische Konzerne ihre Kontrollgremien umbauen. Am 30. April 2026 stockte die ATX-notierte SBO AG ihren Aufsichtsrat von fünf auf sechs Mitglieder auf. Franz Viehböck, CEO der Berndorf AG, wurde neu gewählt, Wolfram Littich im Amt bestätigt.
Die Erste Group Bank zog am 29. April 2026 nach. Mit nahezu einstimmiger Zustimmung wählten die Aktionäre drei neue Aufsichtsräte: Dorota Snarska-Kuman, Expertin für internationale Rechnungslegung, Roeland Louwhoff und Jernej Omahen. Dank der Wiederwahl von Christine Catasta und Christiane Tusek sitzen nun neun Frauen und elf Männer im Kontrollgremium – inklusive Arbeitnehmervertreter.
Historischer Wechsel bei der OMV
In der Vorstandsetage sorgte die OMV am 29. April 2026 für eine Sensation. Der Nominierungsausschuss schlug Emma Delaney, langjährige Managerin bei BP, als Nachfolgerin von Alfred Stern vor. Sie soll am 1. September 2026 den Chefposten übernehmen. Damit wäre Delaney die einzige weibliche CEO unter den großen ATX-Unternehmen – und beendet eine Phase, in der kein einziger Konzern der ersten Liga von einer Frau geführt wurde.
Der große Graben: Aufsichtsrat vs. Vorstand
Doch die Einzelfälle täuschen über die Gesamtlage hinweg. Der „Frauen.Management.Report 2026“ der Arbeiterkammer (AK) zeigt ein gemischtes Bild. Demnach saßen Anfang 2026 in den Top-200-Unternehmen 28,6 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten. Der Einfluss gesetzlicher Vorgaben ist deutlich sichtbar: Firmen mit der alten 30-Prozent-Quote erreichten 35,5 Prozent, solche ohne Quote nur 23,6 Prozent.
In den Vorständen sieht es dagegen düster aus. Gerade einmal 14,5 Prozent der Führungspositionen waren Anfang 2026 mit Frauen besetzt. Das „Mixed Leadership Barometer“ von EY bestätigt diesen Trend für die Wiener Börse: Nur 13,8 Prozent der Vorstandssitze waren weiblich. Bis zur OMV-Ankündigung gab es unter den 54 untersuchten Unternehmen keine einzige weibliche CEO.
Staatsbetriebe als Vorreiter
Ganz anders die öffentliche Hand. Der „Fortschrittsbericht 2026“ für Unternehmen mit mindestens 50 Prozent Bundesbeteiligung meldet einen Frauenanteil von 55,3 Prozent in den Aufsichtsräten. Grundlage ist ein Kabinettsbeschluss vom April 2025, der den Zielwert für Staatsbetriebe auf 50 Prozent anhob.
Mehr Schein als Sein? Die Qualität der Diversität
Doch die bloßen Zahlen sagen wenig über die gelebte Praxis. Eine Umfrage des Zukunft.Frauen Alumnae Clubs (ZFAC) vom Februar 2026 ergab: Nur drei Prozent der Aufsichtsräte behandeln Diversität als strategischen Steuerungsfaktor. 19 Prozent der Gremien waren sogar noch komplett männlich.
Karen Fanto, Vorsitzende des ZFAC, kritisiert, dass viele Unternehmen Gleichstellung immer noch als Randthema betrachten – statt als Treiber für langfristigen Wert. Fast die Hälfte der Firmen (46 Prozent) hat keine einzige Frau im Vorstand. Das „Ähnlichkeitsprinzip“ bei der Personalauswahl – Führungskräfte suchen Nachfolger, die ihnen selbst gleichen – sei eine strukturelle Hürde, die die „gläserne Decke“ in Österreichs Wirtschaft zementiere.
Das kritisierte „Ähnlichkeitsprinzip“ wurzelt oft in unbewussten psychologischen Mustern bei der Personalauswahl. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt, wie Führungskräfte diese Hürden überwinden und echte psychologische Sicherheit im Team aufbauen können. Gratis-E-Book: Psychologische Grundlagen für wirksame Führung
Ausblick: Der Juni 2026 als Stichtag
Der Druck auf die Unternehmen wird weiter steigen. Die EU-weite „Women on Boards“-Richtlinie setzt eine kritische Deadline: Bis zum 30. Juni 2026 müssen börsennotierte Firmen 40 Prozent Frauen in nicht geschäftsführenden Positionen oder 33 Prozent in allen Vorstandsposten anstreben.
Die Kombination aus dem neuen GesLeiPoG und der EU-Frist macht den aktuellen Hauptversammlungszyklus zum letzten Fenster für freiwillige Anpassungen. Mit Emma Delaneys Amtsantritt bei der OMV im September und den verschärften Berichtspflichten wird die zweite Jahreshälfte 2026 zum Lackmustest: Schaffen es Österreichs Unternehmen von der Pflichterfüllung zur echten Führungskultur?
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
Für. Immer. Kostenlos.
