Öffentlicher Dienst: 634.000 Vollzeitstellen durch Teilzeit-Aufstockung möglich
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 12:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der öffentliche Dienst in Deutschland könnte theoretisch einen Großteil seines Personalmangels durch die Aufstockung von Teilzeitstellen ausgleichen. Wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, entsprächen die Arbeitszeitreserven bei Bund, Ländern und Kommunen rechnerisch etwa 634.000 zusätzlichen Vollzeitkräften. Diese Zahl markiert die theoretische Obergrenze, falls alle Teilzeitbeschäftigten des Sektors auf eine volle Stelle aufstocken würden.
Realistische Szenarien und aktueller Personalbedarf
Die Ergebnisse der IW-Studie stehen vor dem Hintergrund eines massiven Personalengpasses. Nach Angaben des Beamtenbundes fehlen dem öffentlichen Dienst derzeit rund 631.000 Arbeitskräfte. Die theoretische Reserve der Teilzeitbeschäftigten deckt sich somit fast deckungsgleich mit dem gemeldeten Bedarf.
In einem praxisnäheren Szenario untersuchten die Studienautoren zudem die Auswirkungen einer Angleichung an das Bundesland Sachsen-Anhalt. Würden alle Bundesländer deren Quote erreichen, entspräche dies einem Gewinn von 294.000 zusätzlichen Vollzeitstellen.
Als wesentlichen Hebel zur Bewältigung des Personalmangels identifiziert das IW neben der Arbeitszeitgestaltung vor allem den Abbau von Bürokratie. Dies gelte laut den Experten als zentraler Weg, um die vorhandenen Kapazitäten effizienter zu nutzen.
Regionale und fachspezifische Schwerpunkte der Reserven
Die Analyse des IW zeigt deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Aufgabenbereichen und Bundesländern. Das größte Potenzial zur Stellenbesetzung durch Stundenaufstockung findet sich demnach im Bildungswesen.
Allein an den Schulen könnten rechnerisch 153.000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen, im Bereich der Kindertagesstätten wären es 54.400. Weitere Reserven werden für die Kommunalverwaltungen (41.800), Hochschulen (16.000) sowie für die Polizei (10.800) beziffert.
Auf Länderebene weisen die bevölkerungsreichen Bundesländer die höchsten absoluten Reserven auf. In Bayern liegt das Potenzial bei 129.800 Vollzeitkräften, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 115.100 und Baden-Württemberg mit 111.300 Stellen.
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Neue Dienstzeitmodelle im Praxistest
Parallel zur Debatte in Deutschland startete am heutigen 1. September 2026 in Österreich eine Testphase für ein neues Dienstzeitmodell bei der Polizei. Das Projekt umfasst fünf Bezirke, darunter Wien-Brigittenau/Leopoldstadt, Linz, Bregenz, Leibnitz und Gänserndorf. Ziel ist es, die Dienstplanung flexibler zu gestalten und die Attraktivität des Berufs zu steigern. In den Testbezirken erhalten Beamte eine zusätzliche Vergütung von 600 Euro.
Ab dem Frühjahr 2027 ist zudem eine Verdopplung der Zulagen für Wochenend- und Nachtdienste auf 4 Euro pro Stunde vorgesehen, wobei das Modell ab April 2027 landesweit ausgerollt werden soll. Der österreichische Innenminister betonte zudem, dass für die Jahre 2027 und 2028 keine Kürzungen bei den Überstunden geplant seien.
Ein neues Recruiting-Modell namens „Bist du bereit? Wien auf Zeit“ soll zudem Personalengpässe in der Hauptstadt abfedern, indem Polizeischüler aus anderen Bundesländern für fünf Jahre in Wien Dienst leisten, bevor sie eine garantierte Rückkehroption in ihre Heimat erhalten.
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Kritik durch Arbeitnehmervertreter
Trotz der angestrebten Flexibilisierung gibt es Widerstand von Gewerkschaftsseite. Kritiker befürchten durch die verkürzten Dienstzeiten – die Plandienststunden werden von 48 auf 40 reduziert – finanzielle Einbußen für die Beamten. Es werde mit fünf bis sechs zusätzlichen Dienstantritten pro Monat gerechnet, da mehr Wochenenddienste ohne die bisherigen Überstundenzuschläge geleistet werden müssten. Die geplante Zulage erhöhe das monatliche Bruttoeinkommen laut Gewerkschaftsangaben lediglich um maximal 50 Euro.
Wiens Polizeipräsident wies hingegen darauf hin, dass durch das neue Modell zu Stoßzeiten, wie etwa an Freitag- und Samstagabenden, doppelt so viele Streifen eingesetzt werden könnten. Die Dienststellenleitung betonte zudem, dass trotz der Umstellungen die Sicherheitsstandards gewahrt blieben und keine Einsparungen das Ziel der Maßnahme seien.
