Öffentlicher Dienst: 634.000 Stellen durch Vollzeitaufstockung möglich
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 02:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer aktuellen Analyse Ende August 2026 aufgezeigt, wie der massive Personalmangel im öffentlichen Sektor bewältigt werden könnte. Demnach ergäbe die Aufstockung aller Teilzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst rechnerisch 634.000 zusätzliche Vollzeitkräfte.
Diese Zahl deckt sich nahezu exakt mit dem aktuellen Fehlbedarf: Laut Angaben des Beamtenbundes fehlen derzeit etwa 631.000 Kräfte in der staatlichen Verwaltung und den angegliederten Institutionen.
Sektorale und regionale Potenziale für Mehrarbeit
Die IW-Studie identifiziert insbesondere das Bildungssystem als den Bereich mit den größten Reserven. Allein an den Schulen entspräche eine Vollzeitaufstockung einem Äquivalent von 153.000 Stellen.
In Kindertagesstätten liegt das Potenzial bei 54.400 Kräften, gefolgt von den Kommunalverwaltungen mit 41.800 und den Hochschulen mit 16.000 Stellen. Auch bei der Polizei könnten durch Arbeitszeitveränderungen rechnerisch 10.800 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen werden.
Regional betrachtet weisen die bevölkerungsreichen Bundesländer das höchste Potenzial auf. In Bayern könnten laut IW-Berechnungen 129.800 Vollzeitäquivalente durch Aufstockungen gewonnen werden. Nordrhein-Westfalen folgt mit 115.100 Stellen, während Baden-Württemberg auf ein Potenzial von 111.300 Kräften kommt.
Diskrepanz zwischen Regierungsplanung und Sparvorgaben
Parallel zur Debatte um die Arbeitszeitgestaltung gerät der Regierungsapparat des Bundes unter Druck. Eine Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zeigt, dass der Haushaltsentwurf 2027 insgesamt 310.487 Stellen vorsieht. Dies entspricht einer Steigerung um 12.347 Stellen beziehungsweise 4,1 Prozent gegenüber dem Jahr 2024. Die Personalausgaben des Bundes sollen dadurch bis 2027 auf 51,62 Milliarden Euro steigen.
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Diese Entwicklung steht im Kontrast zu den Vereinbarungen im Koalitionsvertrag von Union und SPD, der einen Personalabbau von 8 Prozent bis zum Jahr 2029 vorsieht. Die INSM verweist zudem auf Empfehlungen des Bundesrechnungshofes, der einen Stellenabbau von 16,2 Prozent nahelegt.
Seit 2017 ist die Zahl der Stellen im Bund bereits um 48.684 beziehungsweise 18,9 Prozent gewachsen, während die Personalkosten im selben Zeitraum um 50,1 Prozent zunahmen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, fordert die INSM die Einführung eines sogenannten One-in-two-out-Prinzips für den Personalhaushalt.
Herausforderungen in den Ländern am Beispiel NRW und Saarland
In Nordrhein-Westfalen waren mit Stand Juli 2026 fast 21.000 Stellen unbesetzt, davon entfielen 17.000 auf Beamtenpositionen und 8.700 auf den Schulbereich. Finanzminister Optendrenk bewertete diese Vakanzen als Ausdruck einer normalen Fluktuation. Um die Attraktivität des Lehrerberufs zu steigern, gilt im Land seit dem 1. August die Besoldungsgruppe A13 für alle Lehrkräfte, was ein Grundgehalt ab 5.221 Euro bedeutet.
Besonders prekär stellt sich die Lage in der Justiz des Saarlandes dar. Dort liegt die Arbeitsbelastung in allen Laufbahnen über 100 Prozent. Bei der Staatsanwaltschaft erreicht der höhere Dienst eine Belastung von 135 Prozent, während der gehobene Dienst bei 117 Prozent und der mittlere Dienst bei 123 Prozent liegen.
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Das Land reagiert mit der jährlichen Schaffung von fünf neuen Stellen im höheren Dienst und einer Erhöhung der Anwärterbezüge auf bis zu 2.300 Euro. Infolgedessen stiegen die Bewerberzahlen im mittleren Dienst zuletzt um 71 Prozent.
Langfristige Prognosen für den Bildungssektor
Während kurzfristig ein hoher Bedarf besteht, zeichnet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die kommenden Jahrzehnte ein differenziertes Bild. Für das Jahr 2026 wird noch ein Fehlbedarf von 55.000 Lehrkräften prognostiziert, wobei Zusatzbedarfe für Inklusion und Ganztagsbetreuung eingerechnet sind.
Ab 2028 wird jedoch mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet, die von 11,4 Millionen auf etwa 10,2 Millionen im Jahr 2040 fallen könnten. Laut GEW-Studie könnte dies ab Mitte der 2030er Jahre zu einem rechnerischen Überschuss von bis zu 20.000 Lehrkräften führen.
Das gesamtwirtschaftliche Umfeld bleibt unterdessen von einer hohen Teilzeitquote geprägt, die laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im ersten Quartal 2026 bei 40,1 Prozent lag.
Passend zur Diskussion um die Mobilisierung von Arbeitszeitreserven sieht das seit dem 1. Juli 2026 geltende System der Grundsicherung vor, dass Jobcenter Teilzeitbeschäftigte unter bestimmten Voraussetzungen zur Aufnahme einer Vollzeittätigkeit verpflichten können.
