NRW-Kommunen: 389 von 396 Städten können Kosten nicht decken
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 21:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Düsseldorf vorgestellte Ergebnisse der Haushaltsumfrage 2026 belegen eine drastische Zuspitzung der kommunalen Finanzlage in Nordrhein-Westfalen. Von allen 396 Städten und Gemeinden des Bundeslandes können lediglich sieben ihre laufenden Kosten durch eigene Einnahmen decken.
Mehr als 98 Prozent der Kommunen gelingt der strukturelle Haushaltsausgleich damit nicht mehr. Laut Berichten vom 22. September 2026 bewerten mehr als zwei Drittel der nordrhein-westfälischen Kommunen ihre aktuelle Finanzsituation als mangelhaft. Für die kommenden fünf Jahre erwarten 85 Prozent eine mangelhafte Finanzlage.
Drohende Aufsicht und gravierende Einschnitte
Die finanzielle Schieflage führt dazu, dass sich gegenwärtig 89 Gemeinden in der Haushaltssicherungspflicht befinden – ein Zuwachs von 68 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis 2029 wird der Übergang von 219 Kommunen in die Haushaltssicherung prognostiziert. Damit droht künftig jeder zweiten Stadt in Nordrhein-Westfalen die behördliche Haushaltsaufsicht.
Rund 300 Städte und Gemeinden müssen Verlustvorträge ausweisen oder ihr Eigenkapital durch den Abbau von Rücklagen angreifen, während der Verbundsatz bei 23,5 Prozent liegt.
Die Konsequenzen treffen die öffentliche Infrastruktur und das gesellschaftliche Leben: Gekürzt wird unter anderem bei Zuschüssen für Sport- und Kulturvereine sowie für Schwimmbäder. Zudem staut sich der Sanierungsbedarf; so müssen allein in Essen 100 Brücken instand gesetzt werden.
Belastung durch Sozialausgaben und politische Forderungen
Wesentlicher Treiber der Defizite sind die Soziallasten, die sich nahezu verdoppelt haben. Nach Angaben des Städtetags NRW machen Sozialausgaben und Verwaltungskosten inzwischen rund 60 Prozent der gesamten kommunalen Etats aus.
Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln bezifferte die Ausgaben Nordrhein-Westfalens für Sozialhilfe im Jahr 2025 auf rund 5 Milliarden Euro, während die gesamtdeutschen Steuereinnahmen mit rund 1 Billion Euro parallel auf Rekordniveau liegen.
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Stockhoff vom Städte- und Gemeindebund NRW stufte die Situation als das größte kommunale Haushaltsdefizit der Nachkriegszeit ein. Vor diesem Hintergrund wird die Schaffung eines rechtlich verankerten Zukunftspakts von Bund, Ländern und Kommunen gefordert. Zur Entlastung trägt in Essen die Altschuldenregelung des Landes mit jährlich 11 Millionen Euro bei, wie Oberbürgermeister Kufen mitteilte.
Der Bund der Steuerzahler NRW sieht Bund, Land und Kommunen gleichermaßen in der Pflicht. Der Verband fordert die Einhaltung des Konnexitätsprinzips, eine Überprüfung geltender Standards, die Reduzierung von Förderprogrammen, eine grundlegende Erneuerung des kommunalen Finanzausgleichs sowie eine konsequente Haushaltskonsolidierung als Daueraufgabe.
Reagieren mit Haushaltssperren
Die akute Notlage zwingt immer mehr Verwaltungen zu Notmaßnahmen. In Dortmund verkündete Kämmerer Thorsten Bunte die zweite Haushaltssperre innerhalb des Jahres 2026. Dort kletterte das prognostizierte Defizit für 2026 von ursprünglich veranschlagten 54 Millionen Euro auf 229 Millionen Euro und hat sich damit innerhalb eines halben Jahres mehr als vervierfacht.
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Bis zum Jahresende sollen mindestens 30 Millionen Euro eingespart werden. Einschnitte betreffen die IT-Abteilung, das Jugendamt sowie das Stadtplanungs- und Bauordnungsamt.
Als Ursachen für die Dortmunder Etatlücke gelten Mindereinnahmen bei der Gewerbesteuer, gestiegene Personalkosten infolge von Tarifabschlüssen sowie Belastungen im Rettungsdienst, da Krankenkassen Leerfahrten nur anteilig erstatten. Zudem wuchs der Personalbestand der Stadt: Die Zahl der Vollzeitstellen stieg von 8.200 im Jahr 2015 auf 11.100 im Jahr 2025, was einem Zuwachs von 35 Prozent in zehn Jahren entspricht.
Kämmerer Bunte stellt die Details der Haushaltssperre am 24. September 2026 dem Ausschuss für Finanzen, Beteiligungen und Liegenschaften vor. Die Sperre tritt am 1. Oktober 2026 für das vierte Quartal in Kraft, um ein Haushaltssicherungskonzept abzuwenden und den Rückgriff auf Rücklagen zu minimieren; die Erfüllung der Pflichtaufgaben bleibt gesichert. Neben Dortmund haben unter anderem auch Lünen, Schwerte, Münster, Siegen und Mönchengladbach Haushaltssperren verhängt.
