Kosmetikindustrie, EU-Regulierung

Nivea-Chef Warnery warnt vor Überregulierung der EU für Kosmetikbranche

Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Beiersdorf-Chef Vincent Warnery warnt vor einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kosmetikindustrie durch immer neue EU-Vorgaben. Besonders kritisiert er zusätzliche Belastungen bei Inhaltsstoffen und der geplanten EU-Abwasserrichtlinie.

  • Warnery leitet den Konsumgüterkonzern Beiersdorf seit Mai 2021. - Bild: Michael Kappeler/dpa
    Warnery leitet den Konsumgüterkonzern Beiersdorf seit Mai 2021. - Bild: Michael Kappeler/dpa
  • Beiersdorf-Manager Warnery stammt aus Frankreich. - Bild: Michael Kappeler/dpa
    Beiersdorf-Manager Warnery stammt aus Frankreich. - Bild: Michael Kappeler/dpa
Warnery leitet den Konsumgüterkonzern Beiersdorf seit Mai 2021. - Bild: Michael Kappeler/dpa Beiersdorf-Manager Warnery stammt aus Frankreich. - Bild: Michael Kappeler/dpa

Der Vorstandschef des Nivea-Herstellers Beiersdorf, Vincent Warnery, warnt vor einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kosmetikindustrie durch wachsende EU-Auflagen.

Warnung vor Überregulierung und Verlust der Vorreiterrolle

„Wir wollen nicht die nächste Autoindustrie werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Branche schaffe Arbeitsplätze und Wohlstand, deshalb dürfe sie nicht mit zu vielen regulatorischen Belastungen überfordert werden, appellierte Warnery an die Europäische Union.

Warnery sieht die Gefahr, dass europäische Unternehmen gegenüber Konkurrenten aus Drittländern ins Hintertreffen geraten könnten, weil diese weniger streng reguliert würden. Europa müsse sehr vorsichtig sein, insbesondere im Vergleich zu den USA, China und Korea, wo viele Vorschriften nicht gelten.

Strenge Standards und Streit um Inhaltsstoffe

Der Manager betonte, Hautpflegeprodukte aus Europa unterlägen bereits jetzt den strengsten Qualitätsstandards. Dennoch würden Unternehmen aufgefordert, bestimmte Inhaltsstoffe aus ihren Formulierungen zu entfernen – auch dann, wenn sie nach seiner Darstellung bei normaler Anwendung kein Risiko darstellten. Dies sei für die Hersteller eine große Herausforderung, weil Produktrezepturen angepasst und neu geprüft werden müssten.

Abwasserrichtlinie als weiterer Belastungsfaktor

Als weiteres Ärgernis nannte Warnery die geplante Novelle der EU-Kommunalabwasserrichtlinie. Diese sieht vor, Hersteller von Kosmetika und pharmazeutischen Produkten finanziell stärker in die Verantwortung zu nehmen. Unternehmen wie Beiersdorf müssten nach seinen Worten hohe Zahlungen leisten, obwohl sie nur für einen geringen Teil der Verschmutzung verantwortlich seien.

Beiersdorf-Chef mit Branchenerfahrung und jüngster Geschäftsentwicklung

Warnery leitet den Hamburger Konsumgüterkonzern seit Mai 2021. Der Franzose war zuvor unter anderem für den globalen Branchenprimus L’Oréal tätig. Zu den weiteren großen in Europa im Kosmetikbereich tätigen Unternehmen zählen unter anderem Unilever, LVMH und Henkel.

Nach seinem Amtsantritt verzeichnete Beiersdorf zunächst kräftiges Wachstum. Zuletzt musste der Konzern im ersten Halbjahr jedoch einen Umsatzrückgang hinnehmen, der vor allem mit schwächeren Zahlen der wichtigsten Konzernmarke Nivea zusammenhing.

Europäische Kosmetikbranche unter Regulierungsdruck

Die Aussagen von Vincent Warnery spiegeln eine verbreitete Sorge innerhalb der europäischen Konsumgüter- und Kosmetikindustrie wider. Unternehmen sehen sich seit Jahren mit einem Bündel verschärfter Vorgaben konfrontiert – von chemikalienrechtlichen Regeln über Verpackungs- und Umweltstandards bis hin zu Berichtspflichten zu Nachhaltigkeit und Lieferketten. Warnery stellt die Frage nach der Balance zwischen Gesundheits-, Umwelt- und Verbraucherschutz auf der einen Seite und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auf der anderen.

Wenn er darauf verweist, dass Wettbewerber in den USA, China oder Korea weniger reguliert würden, berührt er einen Kernpunkt der Industriepolitik: Europäische Unternehmen müssen häufig höhere Aufwände bei Produktzulassung, Dokumentation und Reformulierung ihrer Rezepturen leisten. Für global agierende Konzerne wie Beiersdorf bedeutet dies zusätzliche Kosten und Entwicklungszeiten, während Anbieter aus anderen Regionen mit weniger Auflagen ihre Produkte schneller und günstiger auf den Markt bringen können. Die Forderung, Inhaltsstoffe zu entfernen, obwohl sie aus Unternehmenssicht bei üblicher Anwendung als sicher gelten, erhöht den Anpassungsdruck weiter.

Abwasserrichtlinie als Streitpunkt zwischen Umwelt- und Industrieinteressen

Besonders konfliktträchtig ist die geplante Novelle der EU-Kommunalabwasserrichtlinie. Sie setzt stärker auf das Prinzip der erweiterten Herstellerverantwortung: Produzenten bestimmter Stoffgruppen sollen sich künftig stärker an den Kosten für Reinigung und Infrastruktur beteiligen. Aus Sicht von Unternehmen wie Beiersdorf droht damit eine finanzielle Zusatzbelastung, obwohl sie nur einen Teil der im Abwasser nachweisbaren Stoffe verantworten. Umwelt- und Wasserverbände verweisen demgegenüber seit Jahren auf die Notwendigkeit, die Kosten für Schadstoffbeseitigung nicht allein den Kommunen und Bürgern aufzubürden.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher kann die Debatte langfristig Auswirkungen auf Preise, Produktvielfalt und Innovationsgeschwindigkeit haben. Steigende Kosten für Reformulierungen und Abwasserbehandlung können sich auf Endpreise auswirken, zugleich können strengere Umwelt- und Qualitätsregeln zu sichereren und ressourcenschonenderen Produkten führen. Warnerys Hinweis, man wolle „nicht die nächste Autoindustrie werden“, ordnet sich damit in eine größere Diskussion ein, wie Europa seine Rolle als Vorreiter bei Standards erhält, ohne zentrale Branchen durch Überregulierung zu schwächen.

Disclaimer...

de | wirtschaft | 70095124 |