Niedrigwasser-Krise: Lkw-Fahrer sollen Schiffe ersetzen – 100.000 fehlen
Veröffentlicht am: 10.08.2026 um 10:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wegen historisch niedriger Pegelstände haben mehrere Bundesländer das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen vorübergehend ausgesetzt. Die Maßnahme soll Lieferketten sichern und Produktionsstopps verhindern. Wirtschaftsverbände begrüßen die Lockerung, Gewerkschaften warnen vor Personalmangel.
Ausnahmen gelten bis Ende August oder September
Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und das Saarland haben das Fahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen an Sonn- und Feiertagen aufgehoben. In Niedersachsen gilt die Regelung seit dem 7. August, in Nordrhein-Westfalen rollten am 9. August die ersten Lastwagen im Rahmen der Ausnahmegenehmigung.
Die Befristungen unterscheiden sich: NRW und Niedersachsen lassen die Ausnahmen bis zum 31. August gelten, Rheinland-Pfalz und das Saarland bis Ende September. Der Handlungsdruck ist enorm. Der Rheinpegel in Köln lag zuletzt bei 62 Zentimetern, der Mittelwert liegt bei 296. In Mannheim wurden 88 Zentimeter gemessen, an der Elbe in Dresden sogar nur 43.
Ein Schiff ersetzt 40 Lastwagen – doch es fehlen Fahrer
Logistikexperten bezweifeln, dass der Straßentransport den Ausfall der Wasserwege vollständig kompensieren kann. Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung rechnet vor: Ein Binnenschiff befördert rund 1.000 Tonnen – dafür bräuchte es etwa 40 Lastwagen.
Doch die Branche hat ein Personalproblem: Mehr als 100.000 Lkw-Fahrer fehlen deutschlandweit. Die zusätzliche Einsatzzeit am Wochenende stoße daher an enge Grenzen, so der Verband. Er fordert einen Kriseninterventionsplan vom Bundesamt für Logistik und Mobilität. Der Handelsverband Deutschland drängt derweil auf die Zulassung von Lang-Lkw, um die Effizienz zu steigern.
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ver.di und BUND: „Falsche Antwort auf die Klimakrise“
Die Aussetzung des Fahrverbots stößt bei Arbeitnehmervertretern auf heftige Kritik. Die Gewerkschaft ver.di wirft der Politik vor, Lkw-Fahrer als „Ausputzer für infrastrukturelle Versäumnisse“ einzusetzen. Auch der BUND-Vorsitzende Bandt spricht von einer falschen Antwort auf die Klimakrise – mehr Lkw belasteten weder Menschen noch Klima. Er fordert stattdessen den Ausbau der Schieneninfrastruktur.
Uneinigkeit herrscht auch in der Politik. Verkehrsminister Bilger verteidigt die Sofortmaßnahme als notwendig zur Sicherung der Warenströme. Bei den Grünen gehen die Meinungen auseinander: Die einen kritisieren die Zusatzbelastung, die anderen halten die Entscheidung angesichts drohender wirtschaftlicher Schäden für nachvollziehbar.
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ADAC warnt vor Staurisiko – Binnenschifffahrt droht Kollaps
Der ADAC weist auf die Folgen für den Reiseverkehr hin: Mehr schwere Lastwagen an Sonntagen erhöhen das Staurisiko erheblich. Die Lage auf den Wasserwegen bleibt unterdessen prekär. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt warnt: Sinkt der Rheinpegel am kritischen Punkt Kaub weiter, droht die Schifffahrt faktisch zweigeteilt zu werden.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie fordert deshalb eine beschleunigte Modernisierung der Wasserstraßen. Die Verkehrsinfrastruktur müsse insgesamt klimaresilienter werden – ein langfristiger Umbau, der über kurzfristige Sonntagsfahrten hinausgeht.
