Metall-Tarifrunde: Südwestmetall stellt 35-Stunden-Woche infrage
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 09:54 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSVor der großen Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie fordern die Arbeitgeber die IG Metall auf, Gesprächen über längere Arbeitszeiten nicht auszuweichen. Zugleich warnen sie vor hohen Kosten, die den Produktionsstandort Deutschland belasten.
Arbeitgeber mahnen Kostensenkungen an
Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, Peter Sebastian Krause, erklärte, man brauche Kostensenkungen, um den Produktionsstandort zu stabilisieren. Längere Arbeitszeiten dürften dabei keine Tabuzone sein. Krause ist Verhandlungsführer der Arbeitgeber im Schlüsselbezirk Baden-Württemberg und prägt damit maßgeblich die Linie der Arbeitgeberseite für die Tarifrunde.
Eine pauschale Abkehr von der 35-Stunden-Woche fordert Krause nicht. Er dringt jedoch darauf, in den Tarifverträgen Lösungsräume zu schaffen, die es Unternehmen erlauben, Kosten zu senken, wo dies nötig ist – insbesondere, wenn sonst Investitionen in die Fertigung in Deutschland nicht möglich wären. Nach seinen Worten kann es Situationen geben, in denen längere Arbeitszeiten ohne Lohneinbußen auch aus Sicht der Beschäftigten als weniger schmerzhafte Option erscheinen.
Mercedes setzt längere Arbeitszeiten auf die Agenda
Zusätzliche Brisanz erhält die Tarifrunde durch Vorgaben des Autoherstellers Mercedes. Das Unternehmen fordert von seinen Beschäftigten längere Arbeitszeiten und erwägt, bei ausbleibender Zustimmung Produktion in größerem Umfang nach Ungarn zu verlagern. Bisher war unklar, welche Auswirkungen dieser Vorstoß für die bevorstehende Tarifrunde und die Strategie der Arbeitgeber in den Verhandlungen über den Flächentarifvertrag hat.
Die Metall- und Elektroindustrie umfasst neben der kriselnden Autoindustrie weitere Branchen wie den Maschinenbau und beschäftigt bundesweit rund 3,7 Millionen Menschen. Vor diesem Hintergrund sehen die Arbeitgeber einen engen Zusammenhang zwischen Arbeitszeitregelungen, Investitionsentscheidungen und der Sicherung von Arbeitsplätzen.
IG Metall verteidigt die 35-Stunden-Woche
Die IG Metall will am Mittwoch ihre Tarifforderung beschließen. Die Gewerkschaft lehnt ein Aufweichen der 35-Stunden-Woche ab und sieht darin eine zentrale Errungenschaft der Beschäftigten. Für Lohnerhöhungen sieht Krause hingegen wenig Spielraum. Er spricht von einem Zielkonflikt, bei dem sich bereits ein Inflationsausgleich nicht ohne Weiteres mit einer Stabilisierung von Arbeitsplätzen und Produktionsstrukturen vereinbaren lasse.
In der anstehenden Tarifrunde prallen damit unterschiedliche Prioritäten aufeinander: Während die Gewerkschaft höhere Einkommen und stabile Arbeitszeiten betont, stellen die Arbeitgeber Kostensenkung und Investitionsfähigkeit in den Mittelpunkt. Die Verhandlungen dürften entscheidend dafür sein, wie die Branche künftig Arbeit, Einkommen und Wettbewerbsfähigkeit austariert.
Die Debatte um längere Arbeitszeiten in der Metall- und Elektroindustrie fügt sich in eine seit Jahren laufende Auseinandersetzung über die Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts Deutschland. Die von Südwestmetall-Chef Peter Sebastian Krause angesprochenen Kostensenkungen spiegeln die Sorgen vieler Unternehmen wider, die unter hohem internationalen Konkurrenzdruck, steigenden Energiepreisen und umfangreichen Investitionsbedarfen etwa in Elektromobilität und Digitalisierung stehen.
Der Hinweis auf Mercedes und mögliche Produktionsverlagerungen nach Ungarn macht deutlich, dass die Arbeitszeitfrage eng mit Standortentscheidungen verknüpft ist. Unternehmen können innerhalb Europas vergleichsweise kurzfristig Kapazitäten in Länder mit niedrigeren Lohnkosten und längeren Arbeitszeiten verschieben. Für Beschäftigte in Deutschland steht damit nicht nur die Wochenarbeitszeit, sondern perspektivisch auch die Sicherung von Arbeitsplätzen auf dem Spiel.
Konfliktlinie Arbeitszeit und Tarifautonomie
Die IG Metall verteidigt die 35-Stunden-Woche seit Jahrzehnten als sozialpolitische Errungenschaft und Instrument zur Beschäftigungssicherung. Ihr Widerstand gegen ein „Aufweichen" dieser Grenze zeigt, dass die kommende Tarifrunde nicht nur eine Auseinandersetzung über Prozente, sondern über das Grundmodell der Arbeitsorganisation wird. Krauses Forderung nach „Lösungsräumen" weist darauf hin, dass Arbeitgeber eher flexible, betriebsnahe Modelle anstreben, etwa differenzierte Arbeitszeitkorridore oder Öffnungsklauseln im Flächentarif.
Folgen für Beschäftigte und Standort
Für die 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie geht es um die Balance zwischen Einkommenssicherung, Arbeitsbelastung und Arbeitsplatzrisiken. Längere Arbeitszeiten ohne Lohneinbußen können für einige Belegschaften akzeptabel erscheinen, wenn sie konkret mit Standortzusagen oder Investitionen verknüpft werden. Gleichzeitig könnte ein breiter Trend zu längeren Wochenarbeitszeiten die bisherige tarifliche Struktur der Branche grundlegend verändern. Die jetzt beginnende Tarifrunde wird damit zu einem Test, ob Gewerkschaften und Arbeitgeber einen Kompromiss finden, der die internationale Konkurrenzfähigkeit stärkt, ohne zentrale soziale Standards in Frage zu stellen.
