Mercedes-Benz: Brudermüller stellt 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt zur Debatte
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 23:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz, Martin Brudermüller, hat eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt ins Gespräch gebracht. Wie aus einem Interview mit dem Handelsblatt hervorgeht, steht damit eine zentrale Errungenschaft der Tarifgeschichte zur Diskussion: Die 35-Stunden-Woche gilt seit 1995 als Standard bei tarifgebundenen deutschen Automobilherstellern.
Bereits Ende Juni 2026 hatte sich die Unternehmensführung an die Beschäftigten in Deutschland gewandt und erklärt, der direkteste sowie fairste Weg bestehe darin, überall für das gleiche Geld mehr zu arbeiten.
Kostendruck und internationale Wettbewerbsfähigkeit
Der Stuttgarter Konzern steht unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. In den vergangenen Jahren verzeichnete Mercedes-Benz Gewinn- und Absatzrückgänge und leitete ein Sparprogramm ein. Deutschland gilt innerhalb des Konzerns als teuerster Produktionsstandort, dessen Fertigungskosten im internationalen Vergleich als sehr hoch eingestuft werden.
Während der Absatz stagniert und die Margen sinken, verdeutlichen Lohnunterschiede das Gefälle: Im ungarischen Werk Kecskemét liegt der Stundenlohn bei rund 15,60 Euro beziehungsweise 17,80 US-Dollar, während in Deutschland 49,50 Euro gezahlt werden.
Zudem sank der China-Absatz des Herstellers in den vergangenen drei Jahren um 27 Prozent und der Gewinn um 50 Prozent, während chinesische Anbieter ihren Marktanteil binnen fünf Jahren auf 70 Prozent ausbauten. Unternehmenssprecher Oliver Fenzl hielt fest, Autos in Deutschland zu produzieren sei mit Blick auf Arbeitsplätze nicht mehr sinnvoll.
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer bezeichnete die 35-Stunden-Woche als überholt und mahnte, diese Zeiten seien vorbei. Deutschland verliere bei der Wettbewerbsfähigkeit den Anschluss, was die Gefahr von Industrie- und Jobverlusten berge. Laut Dudenhöffer würden die Personalkosten bei einer Anhebung von 35 auf 40 Wochenstunden um rund 13 Prozent sinken.
Drohende Werksschließungen und Widerstand der Arbeitnehmer
Die Debatte über die Arbeitszeit wird durch Diskussionen über die Zukunft deutscher Produktionsstätten verschärft. Produktionsvorstand Michael Schiebe kündigte bei einer Betriebsversammlung in der Sindelfinger Factory 56 an, dass zwei Werke in Deutschland geschlossen werden könnten, sollten die Kosten nicht auf ein wettbewerbsfähiges Niveau sinken.
Welche Standorte betroffen sein könnten, blieb offen; das erklärte Ziel bleibe der Erhalt aller Standorte. Dudenhöffer kommentierte hierzu, dass Schließungen nicht über Nacht vollzogen würden, sondern Werke schrittweise verkleinert und letztlich aufgegeben werden könnten.
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In Baden-Württemberg unterhält Mercedes-Benz Fahrzeugwerke in Sindelfingen und Rastatt sowie Fertigungsstätten für Komponenten in Stuttgart-Untertürkheim und Gaggenau.
Allein am Standort Sindelfingen arbeiten Zehntausende Menschen. Der Gesamtbetriebsrat wies die Überlegungen scharf zurück, lehnte Drohungen über Werksschließungen oder Personalabbau ab und warnte vor Gefahren für die deutschen Werke.
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Neben der Arbeitszeit verhandeln die Parties derzeit auch über das mobile Arbeiten. Ein vorliegender Entwurf sieht vor, dass Vollzeitbeschäftigte bis zu vier Tage pro Woche im Büro arbeiten müssen und die Arbeit im Heimbüro auf einen Tag begrenzt wird.
Gewerkschaften ziehen rote Linien vor den Tarifverhandlungen
Der Konflikt fällt in eine Phase tarifpolitischer Spannungen. Am 21. September 2026 hatte die 2,2 Millionen Mitglieder zählende IG Metall eine bundesweite Aktionswoche gestartet, an der sich 175.000 Beschäftigte der Autobranche an 280 Veranstaltungen beteiligten, darunter an Standorten wie Stuttgart, Wolfsburg und Ingolstadt. Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, bezeichnete die 35-Stunden-Woche als rote Linie.
Für die Tarifrunde fordert die IG Metall für rund 3,7 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie fünf Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, Gewinnbeteiligungen sowie Absicherungen für Standorte und Jobs.
Die Verhandlungen beginnen am 7. Oktober 2026. Da die geltenden Entgelttarifverträge am 31. Oktober 2026 enden, sind ab dem 1. November Streiks rechtlich zulässig.
Die Arbeitgeberseite, vertreten durch Metall-NRW-Präsident Arndt Kirchhoff, bezeichnete die Forderungen angesichts einer tiefen Strukturkrise als unrealistisch, während IG-Metall-Chefin Christiane Benner Bereitschaft signalisierte, flexible Regelungen für wirtschaftlich angespannte Betriebe zu prüfen.
Mehr zum Thema bei SWR: „Mercedes-Benz: Auto-Experte glaubt nicht an 35-Stunden-Woche“
