Menopause im Job: Antidiskriminierungsstelle fordert nationale Strategie
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 06:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deZwei Drittel der Frauen in den Wechseljahren leiden unter starken Beschwerden, die sich direkt auf ihre Arbeitsfähigkeit auswirken können. Darauf wies die BARMER-Gesundheitsmanagerin Cornelia Weingärtner hin, wie der SWR am 2. November 2026 berichtete.
Deutschlandweit befinden sich rund 9 Millionen erwerbstätige Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren in einer Lebensphase, in der sie potenziell von den hormonellen Umstellungen betroffen sind. Trotz der hohen Betroffenheit bleibt das Thema in vielen Betrieben ein Tabu, was erhebliche wirtschaftliche und personelle Konsequenzen nach sich zieht.
Wirtschaftliche Einbußen und Zurückhaltung im Personalwesen
Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind messbar. Laut einer Erhebung der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin aus dem Jahr 2024 führen Wechseljahresbeschwerden zu wirtschaftlichen Einbußen von rund 9,4 Millionen Euro.
Eine Personaler-Umfrage aus demselben Jahr verdeutlichte jedoch, dass in den Unternehmen weiterhin Zurückhaltung herrscht: Lediglich 7 Prozent der befragten Personalverantwortlichen thematisieren das Thema Wechseljahre aktiv. Für das Bundesland Baden-Württemberg weist das Statistische Landesamt zwar rund 2,3 Millionen erwerbstätige Frauen aus, führt jedoch keine gesonderten Zahlen zur Menopause.
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Die Wechseljahreberaterin Kerstin Hendricks bezeichnete die Situation als Umsetzungsproblem und nicht als Wissensproblem. Dass Veränderungen bereits lange vor dem Ausbleiben der Periode beginnen, untermauert auch die Forschung: Eine neuere Studie belegt, dass sich erste hormonelle Veränderungen bereits 15 Jahre vor der eigentlichen Menopause zeigen können.
Erste Betriebe reagieren bereits auf diese Realität. In Baden-Württemberg bieten Unternehmen wie SAP in Walldorf, die LBBW in Stuttgart sowie die Mack-Gruppe vom Europapark Rust spezifische Beratungen und Kurse für ihre Beschäftigten an.
Experten empfehlen überdies Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten und Pausen, eine offene betriebliche Gesprächskultur, Menopausencafés sowie gezielte Workshops für Führungskräfte.
Forderung nach einer bundesweiten Strategie
Auf politischer Ebene drängt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf Reformen. Laut einem Bericht vom 1. November 2026 beziffert die Stelle die Zahl der betroffenen Frauen in Deutschland auf etwa 11 Millionen, wobei jede dritte Betroffene von starken beruflichen Belastungen berichtet. Erstmals legte die Behörde konkrete Handlungsempfehlungen vor, darunter die Erarbeitung einer Nationalen Wechseljahres-Strategie.
Die Stelle empfiehlt unter anderem eine bessere Verankerung der Thematik im Medizinstudium und in der gynäkologischen Facharztausbildung, da Wechseljahre dort bislang unzureichend berücksichtigt werden und eine eigene Abrechnungsziffer für Wechseljahresberatungen fehlt.
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Zudem fordert sie wechseljahresfreundliche Arbeitsplätze mit flexiblen Arbeitszeiten, anpassbaren Raumtemperaturen, Toilettenzugang und betriebsärztlicher Betreuung. Dies gelte ausdrücklich auch für Berufe ohne Homeoffice-Option in der Landwirtschaft, der Pflege und der Gastronomie.
Neben einer bundesweiten Informationskampagne und mehr interdisziplinärer Forschung sprach sich die Antidiskriminierungsstelle für eine rechtliche Prüfung aus, inwieweit Benachteiligungen aufgrund von Wechseljahren bereits durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz abgedeckt sind.
Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis
Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern die Notwendigkeit frühzeitiger Unterstützung. Dr. Mara Barschkett von der Universität Bonn stellte am Hamburg Center for Health Economics eine Studie auf Basis norwegischer Register- und Befragungsdaten vor.
Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge zwischen dem Menopausenbeginn, niedrigeren Einkommen, mehr Fehlzeiten und vermehrt menopausebezogenen Diagnosen. Rechtzeitige Behandlungen könnten diesen Einkommenseinbußen entgegenwirken.
Eine repräsentative forsa-Studie der Krankenkasse hkk ergab unterdessen, dass sich zwar nur 5 Prozent der Frauen wegen Wechseljahresbeschwerden krankschreiben ließen, jedoch 37 Prozent eine erhöhte Stressbelastung verspürten und 31 Prozent über Konzentrationsprobleme klagten.
Dr. Wiebke Hüber, Präventionsexpertin der hkk, verwies darauf, dass ein Drittel der Frauen stark, ein Drittel mäßig und ein Drittel kaum leide, weshalb betriebliche Bedarfsanalysen pauschalen Programmen vorzuziehen seien.
Orientierung bietet Arbeitgebern seit September 2026 zudem der weltweite Standard ISO 45010, der Leitlinien zur Arbeitsplatzgestaltung bei Menstruation und Menopause bereitstellt.
