Lohnfortzahlung, Kosten

Lohnfortzahlung: Kosten für Krankheitsausfälle verdoppelt sich seit 2010

Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Arbeitgeber zahlten 2025 85,6 Milliarden Euro Lohnfortzahlung. Die geplante Attestpflicht bleibt in der Koalition und bei Gewerkschaften umstritten.

Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag: Kosten steigen weiter
Ein Stethoskop und ein Notizbuch auf einem modernen Schreibtisch in einem leeren, hellen Büro. Illustration mit AI erstellt.

In der Debatte um steigende Fehlzeiten und die wirtschaftliche Belastung der Unternehmen hat Bundeskanzler Merz (CDU) Ende August bekräftigt, an der geplanten Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag festzuhalten. Diese Maßnahme ist Bestandteil der Koalitionsvereinbarung. Trotz der unionsinternen Einigkeit stößt das Vorhaben auf Widerstand innerhalb der Regierung sowie bei Gewerkschaften.

Kontroverse innerhalb der Regierungskoalition

Arbeitsministerin Bas (SPD) äußerte am 31. August 2026 erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit einer solchen Verpflichtung. Sie kritisierte, dass die Einführung einer allgemeinen Pflicht wenig sinnvoll erschiene, wenn gleichzeitig eine Vielzahl von Ausnahmen vorgesehen sei.

Regierungssprecher Kornelius stellte hingegen klar, dass die Vereinbarung zur Attestpflicht gelte. Er wies jedoch darauf hin, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Rahmen von Tarifverträgen abweichende Regelungen vereinbaren könnten.

Kritik kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der die Pläne ablehnt. In Kommentaren zur aktuellen Debatte wird zudem gewarnt, dass eine starre Attestpflicht als Misstrauensbeweis gegenüber der Belegschaft wahrgenommen werden könnte und die Arztpraxen zusätzlich belasten würde.

Massive Steigerung der Lohnfortzahlungskosten

Hintergrund der politischen Diskussion ist die finanzielle Belastung der Arbeitgeber durch Krankheitsfälle. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verdeutlicht die Dynamik der Kostenentwicklung.

Demnach zahlten Arbeitgeber im Jahr 2025 insgesamt 85,6 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Dieser Betrag setzt sich aus 72,5 Milliarden Euro Bruttoentgelten und 13,1 Milliarden Euro an Sozialbeiträgen zusammen.

Im Vergleich zum Jahr 2010, als die Kosten noch bei 36,9 Milliarden Euro lagen, hat sich die Summe binnen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Allein seit dem Jahr 2020 verzeichnete das IW einen Anstieg um 33 Prozent bzw. 21 Milliarden Euro.

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Als Ursachen für diese Entwicklung nennen die Experten des Instituts neben einem gestiegenen Krankenstand und der alternden Belegschaft auch die Zunahme der Beschäftigtenzahlen von 33,3 auf 34,9 Millionen sowie einen Anstieg der Nominallöhne um 23 Prozent. Auch die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 wird als ein Faktor angeführt.

Krankenstand und Fehlzeiten im statistischen Überblick

Die Daten verschiedener Krankenkassen für das Jahr 2025 zeichnen ein detailliertes Bild der Abwesenheiten. Die Betriebskrankenkassen (BKK) meldeten einen Krankenstand von 5,83 Prozent, was einem leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr (5,90 Prozent) entspricht. Bei der AOK betrugen die Fehlzeiten im Schnitt 23,3 Tage. Die Techniker Krankenkasse (TK) registrierte für den Zeitraum von Januar bis November 2025 durchschnittlich 18,6 Fehltage.

Auffällig ist die Verteilung der Ausfallzeiten: Während psychische Erkrankungen lediglich 5 Prozent der Fälle ausmachen, sind sie für 13 Prozent der gesamten Ausfalltage verantwortlich.

Erhebungen der Pronova BKK zeigen zudem eine Problematik bei der Arbeitsmoral auf: Demnach gaben 60 Prozent der Beschäftigten an, sich bereits mindestens einmal trotz Arbeitsfähigkeit krankgemeldet zu haben; 7 Prozent der Befragten gaben an, dies häufig zu tun.

Demgegenüber steht eine Gruppe von 30 bis 40 Prozent der Arbeitnehmer, die sich nie krankmelden. Statistisch entfallen 80 Prozent der Fehltage auf lediglich 20 Prozent der Beschäftigten.

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Rechtlicher Rahmen und alternative Lösungsansätze

Ein Ökonom des IW wies darauf hin, dass die geplante Attestpflicht ab dem ersten Tag rechtlich gesehen nur eine geringfügige Änderung darstelle. Bereits nach dem geltenden Entgeltfortzahlungsgesetz haben Arbeitgeber das Recht, ein Attest ab dem ersten Tag der Erkrankung zu verlangen.

In der politischen Diskussion werden daher auch alternative Modelle zur Senkung des Krankenstandes erwogen. Die Organisation Gesamtmetall fordert die Einführung von Karenztagen, während Politiker der FDP Anwesenheitsboni vorschlagen.

In der Praxis setzen einzelne Unternehmen bereits auf solche Anreize; so zahlt der Automobilhersteller Tesla Boni von bis zu 1.000 Euro für geringe Fehlzeiten. Wissenschaftliche Untersuchungen mahnen hier jedoch zur Vorsicht: Eine Studie ergab, dass die Einführung eines Geldbonus die Fehlzeiten paradoxerweise um 5,4 Tage erhöhte.

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