Lohnfortzahlung: Kosten erreichen 85,6 Milliarden Euro Rekord
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 12:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angesichts steigender Kosten und veränderter gesundheitlicher Anforderungen steht die betriebliche Gesundheitsvorsorge vor einem tiefgreifenden Wandel. Laut einer aktuellen WTW-Studie für das Jahr 2026 planen 83 Prozent der befragten Arbeitgeber in Frankreich Anpassungen ihrer Programme zum Wohlbefinden der Mitarbeiter.
Eine vollständige Neugestaltung der Konzepte streben hingegen lediglich 12 Prozent an. Die Untersuchung basiert auf Daten von rund 564.000 Beschäftigten und verdeutlicht den zunehmenden Handlungsdruck auf Unternehmen.
Kostendruck und Fokus auf mentale Gesundheit
Ein wesentlicher Treiber für diese Entwicklungen ist die finanzielle Belastung. Wie aus der WTW-Studie hintergeht, geben 61 Prozent der Arbeitgeber an, dass steigende Gesundheitskosten ihre Investitionsentscheidungen maßgeblich beeinflussen. Um darauf zu reagieren, planen 45 Prozent eine Umschichtung ihrer Budgets. Ein Drittel der Unternehmen (31 Prozent) beabsichtigt zudem, bestehende Partnerschaften im Gesundheitssektor zu rationalisieren.
Bei den inhaltlichen Prioritäten rücken psychische Aspekte verstärkt in den Vordergrund. Die befragten Arbeitgeber nannten psychosoziale Risiken (54 Prozent) und die psychische Gesundheit (53 Prozent) als wichtigste Handlungsfelder.
Dahinter folgen Bemühungen zur Senkung von Fehlzeiten (49 Prozent) sowie die Steigerung des Engagements der Belegschaft (47 Prozent). Auch technologische Innovationen gewinnen an Bedeutung: 22 Prozent der Unternehmen setzen bereits auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), um ihre Programme zu optimieren.
Rekordkosten durch Lohnfortzahlung in Deutschland
Die Notwendigkeit effektiver Gesundheitsmaßnahmen wird auch durch Daten aus Deutschland unterstrichen. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erreichten die Ausgaben für die Lohnfortzahlung erkrankter Arbeitnehmer im Jahr 2025 einen Rekordwert von 85,6 Milliarden Euro. Dies entspricht mehr als einer Verdopplung innerhalb der letzten 15 Jahre; im Jahr 2010 hatten die Kosten noch bei 36,9 Milliarden Euro gelegen.
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Fachleute führen den seit zwei Jahrzehnten steigenden Krankenstand unter anderem auf die Einführung der elektronischen Attesterfassung im Jahr 2022 sowie auf die Zunahme von Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychischen Leiden zurück. Den Daten zufolge machen Atemwegserkrankungen zwar 35,9 Prozent der Fälle aus, führen jedoch im Schnitt nur zu 6,1 Ausfalltagen.
Muskel-Skelett-Erkrankungen sind hingegen für mehr als 20 Prozent der gesamten Fehltage verantwortlich, obwohl sie nur 12,5 Prozent der Fälle ausmachen. Trotz dieser Zahlen bieten nach Angaben des BKK Dachverbandes derzeit nur 55 Prozent der Betriebe in Deutschland Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an.
Regionale Trends und Präventionsmodelle
Aktuelle Gesundheitsberichte der AOK PLUS für das erste Halbjahr 2026 zeigen regionale Unterschiede auf. In Thüringen lag der Krankenstand bei 7,4 Prozent, während in Sachsen 6,7 Prozent verzeichnet wurden. In beiden Bundesländern verursachen Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen Dauer einen erheblichen Teil der Fehlzeiten – in Thüringen etwa 40 Prozent bei nur 4 Prozent der Fälle.
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Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, rücken verschiedene Präventions- und Zusatzangebote in den Fokus. Über 50 Prozent der Beschäftigten betrachten eine betriebliche Krankenversicherung (bKV) als attraktiven Zusatznutzen.
Die Zahl der Versicherten in diesem Bereich stieg zuletzt um 15 Prozent auf 2,8 Millionen Menschen. Zudem bietet die Deutsche Rentenversicherung mit dem Programm „RV Fit“ eine kostenfreie Prävention an, die unter anderem eine mehrtägige Startphase mit Freistellung beinhaltet.
Auch international zeigen sich strukturelle Veränderungen. In den USA stieg der Anteil der Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter automatisch in Health Savings Accounts (HSAs) einschreiben, von 32 Prozent im Jahr 2019 auf 46 Prozent im Jahr 2025. Während Unternehmen verstärkt auf finanzielle Anreize und technologische Unterstützung setzen, bleibt die physische Ergonomie am Arbeitsplatz ein Thema. Experten weisen darauf hin, dass bereits kurze Unterbrechungen langer Sitzzeiten das allgemeine Gesundheitsrisiko senken können.
