Lieferketten-Krise: OECD senkt Deutschlands Wachstum auf 0,7%
04.06.2026 - 10:42:52 | boerse-global.deDer Krieg zwischen den USA, Israel und Iran zwingt Unternehmen zu einer grundlegenden Überprüfung ihrer Lieferketten und Verträge. Wirtschaftliche Prognosen für Deutschland werden deutlich nach unten korrigiert.
Höhere Gewalt wird zur rechtlichen Falle
Die anhaltenden Kampfhandlungen im Nahen Osten haben die Anforderungen an Vertragsgestaltungen grundlegend verändert. Bereits im Frühjahr riet Alice Meissner von der Kanzlei Fieldfisher österreichischen und internationalen Unternehmen, ihre Standardverträge genau zu prüfen. Im Zentrum steht Artikel 79 des UN-Kaufrechts (CISG), der die sogenannte „höhere Gewalt" regelt.
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Die Krux: Eine Partei kann nur dann von ihren vertraglichen Pflichten entbunden werden, wenn das Ereignis zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses objektiv nicht vorhersehbar war. Da der Kriegszustand zwischen den beteiligten Nationen inzwischen als bekannt gilt, warnen Experten: Für neu abgeschlossene oder künftige Verträge greifen Force-Majeure-Klauseln womöglich nicht mehr. Meissner betont zudem, dass eine formelle schriftliche Benachrichtigung über solche Ereignisse zwingend erforderlich ist – einfache E-Mails reichen rechtlich nicht aus.
OECD senkt Prognose für Deutschland drastisch
Die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts werden in Europa immer deutlicher spürbar. Am 3. Juni senkte die OECD ihre Wachstumsprognose für Deutschland: Statt optimistischerer Zahlen erwarten die Experten nun nur noch ein BIP-Wachstum von 0,7 Prozent für 2026 und 1,1 Prozent für 2027. Grund sind die durch den Krieg explodierenden Energiepreise. Sollte der Konflikt bis 2027 andauern, droht der OECD zufolge ein globales Wachstum von lediglich 1,8 Prozent.
Auch die Lage der deutschen Unternehmen verschärft sich. Laut einer aktuellen Studie von Creditreform Rating lag die Insolvenzrate 2025 bei 1,88 Prozent – für 2026 wird ein Anstieg auf 2,08 Prozent erwartet. Damit würde die Marke von zwei Prozent erstmals seit der globalen Finanzkrise überschritten. Besonders betroffen: der Mittelstand sowie die Logistik- und Bauwirtschaft.
Lieferketten unter Beschuss
Die militärischen Aktionen treffen direkt die kritische Infrastruktur. Ein iranischer Drohnenangriff auf den Flughafen von Kuwait-Stadt forderte am 3. Juni ein Todesopfer und mehr als 60 Verletzte – der Flugbetrieb wurde vorübergehend eingestellt. Zeitgleich meldete das US-Militär die Abwehr einer großangelegten Drohnen- und Raketenwelle auf Ziele in der Golfregion.
Diese Angriffe verschärfen die logistischen Probleme massiv, insbesondere durch die Blockade der Straße von Hormus. Die Energiemärkte reagieren bereits: Qatar Energy rief nach einem Raketentreffer auf Ras Laffan höhere Gewalt aus. EU-Kommissarin Roxana Mînzatu warnte am 3. Juni, dass bis zu 1,3 Millionen Arbeitsplätze in der Europäischen Union durch den Konflikt gefährdet seien – vor allem in energieintensiven Branchen.
EU setzt auf digitale Unabhängigkeit
Die Europäische Kommission zieht Konsequenzen aus der volatilen geopolitischen Lage. Am 3. Juni stellte sie ein Maßnahmenpaket für mehr digitale Souveränität vor, das gezielt die Cloud- und Halbleitermärkte adressiert. Derzeit dominieren US-Anbieter über 70 Prozent des EU-Cloud-Marktes. Der neue Plan führt vier Sicherheitsstufen für die Cloud-Nutzung im öffentlichen Sektor ein, um Einflussnahmen durch Drittstaaten zu verhindern.
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Bis 2030 will die EU zudem ihren Anteil an der globalen Halbleiterproduktion auf 20 Prozent verdoppeln und die Rechenzentrums-Kapazitäten innerhalb von sieben Jahren verdreifachen. Parallel dazu werden neue Sanktionspakete gegen Russlands „Schattenflotte" und LNG-Transportschiffe diskutiert. Die EU erwägt zudem, die Anpassungen der Ölpreisobergrenzen auszusetzen, um die wirtschaftlichen Folgen der Nahost-Krise abzufedern.
Handelskonflikte mit den USA verschärfen sich
Die USA erhöhen parallel den Druck auf Europa. Handelsbeauftragter Jamieson Greer drohte der EU und 60 weiteren Partnern mit Zöllen von 10 bis 12,5 Prozent – mit der Begründung unzureichender Maßnahmen gegen Zwangsarbeit. Das US-Repräsentantenhaus verabschiedete am 3. Juni mit 215 zu 208 Stimmen eine nicht bindende Resolution, die ein Ende des Krieges und den Abzug der Streitkräfte ohne Zustimmung des Kongresses fordert. Außenminister Marco Rubio hat Bedingungen für eine Einigung genannt – darunter die Wiederöffnung der Straße von Hormus und neue Atomverhandlungen. Die iranische Regierung meldete bislang jedoch keine konkreten Fortschritte auf dem Weg zu einer diplomatischen Lösung.
