Lichtenberg baut 309 Wohnungen: Holzbau und Discounter-Projekt
26.05.2026 - 11:31:07 | boerse-global.deWährend die deutsche Bauwirtschaft mit einem historischen Fertigstellungstief kämpft, setzt der Berliner Bezirk Lichtenberg neue Maßstäbe. Landeseigene Gesellschaften wie degewo und HOWOGE treiben ambitionierte Vorhaben voran – mit Holzhybridbau, Wohnungen über dem Discounter und bezahlbaren Mieten.
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Wohnraum über dem Supermarkt
In der Sewanstraße 259 hat die degewo ein ungewöhnliches Projekt abgeschlossen: 136 neue Wohnungen direkt über einer ALDI-Filiale. Das Modell der vertikalen Verdichtung versiegelt keine zusätzlichen Bodenflächen und stärkt gleichzeitig die Nahversorgung.
Der Discounter wurde modernisiert und vergrößerte seine Verkaufsfläche von 780 auf 1.200 Quadratmeter. Seit dem 13. Mai ist das Geschäft wieder geöffnet. Das Wohnungsangebot umfasst 52 Ein-Zimmer-, 52 Zwei-Zimmer- und 32 Drei-Zimmer-Wohnungen. 48 Einheiten sind dauerhaft gefördert – zur Nettokaltmiete ab 6,80 Euro pro Quadratmeter. 70 Wohnungen sind barrierefrei, die meisten haben einen Balkon.
„Solche Vorhaben sind entscheidend, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern und die Infrastruktur zu festigen", sagte Bezirksstadträtin Camilla Schuler.
Nachhaltig Bauen am Rosenfelder Ring
Parallel entstehen in Friedrichsfelde zwei achtgeschossige Wohngebäude in Holzhybridbauweise. Die HOWOGE setzt damit auf eine besonders klimafreundliche Bauform, die CO2-intensiven Beton reduziert.
173 Wohnungen für über 400 Menschen entstehen hier, 81 davon staatlich gefördert. 116 Einheiten sind barrierefrei. Der Energiestandard EEH 40 sieht eine vollständig fossilfreie Versorgung vor – unterstützt durch Photovoltaik und Wärmepumpen. Begrünte Dächer, Regenwasserbewirtschaftung und 300 Fahrradstellplätze runden das Konzept ab.
Der Einzug der ersten Mieter ist für Weihnachten 2026 geplant. Die HOWOGE will in diesem Jahr insgesamt 2.151 Wohnungen fertigstellen, weitere 3.403 befinden sich im Bau.
Günstiger Wohnraum für Azubis
Auch spezifische Bedarfsgruppen werden adressiert. Das Berliner Azubiwerk hat einen Neubau in Lichtenberg angekündigt, der möblierte WG-Zimmer bietet. Ein Zimmer in einer 2er-WG kostet warm 340 Euro. Die Lage ist gut an das S-Bahn-Netz angebunden.
Bewerbungen sind ab dem 26. Mai möglich, die ersten Einzüge für August geplant. Der Hintergrund: Die Mietpreise auf dem freien Markt steigen rasant. Während Tauschwohnungen ab 356 Euro Kaltmiete für 44 Quadratmeter gelistet werden, erreichen Kleinstwohnungen mit rund 32 Quadratmetern Preise von bis zu 1.150 Euro.
Baukrise bundesweit – Lichtenberg als Gegenpol
Die lokalen Erfolge stehen im krassen Gegensatz zur nationalen Entwicklung. Das Statistische Bundesamt meldet für 2025 nur 206.600 fertiggestellte Wohnungen – ein Rückgang von 18 Prozent und der niedrigste Stand seit 2012. Der private Wohnungsbau brach um fast 24 Prozent ein.
Das Ifo-Institut führt die Krise auf hohe Zinsen, Bürokratie, gestiegene Materialkosten und geopolitische Instabilitäten zurück. Das Ifo-Geschäftsklima für den Wohnungsbau erreichte im April ein historisches Tief von minus 28,4 Punkten.
Die durchschnittliche Bauzeit stieg von 20 Monaten (2020) auf 27 Monate. Der Bauüberhang liegt bei über 760.000 Wohnungen – trotz eines Anstiegs der Genehmigungen um 10,6 Prozent auf 238.100.
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Politische Debatte um Tempelhofer Feld
Die Diskussion um neue Bauflächen gewinnt an Schärfe. CDU-Fraktionschef Dirk Stettner fordert eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes als Bedingung für künftige Koalitionsverhandlungen nach der Wahl am 20. September. Eine IHK-Umfrage signalisiert 59 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung – sofern die Bebauung maßvoll erfolgt.
Architektengruppen brachten Entwürfe für rund 21.000 Wohnungen auf einem Drittel der Fläche ins Spiel. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner hat eine Prüfung der finanziellen Machbarkeit angekündigt. Umweltverbände, Die Grünen und Die Linke lehnen das Vorhaben ab.
Ausblick: 185.000 Wohnungen bundesweit erwartet
Ifo-Experte Ludwig Dorffmeister rechnet für 2026 mit lediglich 185.000 Fertigstellungen. Das Ziel der Bundesregierung von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr wird damit massiv verfehlt.
In Berlin zeigt sich: Landeseigene Gesellschaften können durch langfristige Planung und Fokus auf geförderten Wohnraum stabilisierend wirken. Ob Projekte wie jene in Lichtenberg Schule machen, bleibt abzuwarten. In Bremen etwa kämpfen Baugemeinschaften mit massiven Finanzierungsschwierigkeiten.
Für Berlin bleibt der Neubau in Lichtenberg ein wesentlicher Baustein, um den Nachfragedruck abzufedern. Die Strategie, Gewerbeflächen zu überbauen und nachhaltige Materialien zu nutzen, könnte als Blaupause für künftige innerstädtische Entwicklungen dienen.
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