KRITIS-Schutz, Baden-Württemberg

KRITIS-Schutz: Baden-Württemberg plant Verpixelung bis Jahresende

Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 14:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Baden-Württemberg bereitet neue Schutzvorgaben für kritische Infrastruktur vor, während Sabotage, Cyberangriffe und EU-Regeln den Handlungsdruck erhöhen.

Baden-Württemberg plant strengere KRITIS-Regeln gegen Sabotage
Ein industrielles Umspannwerk bei Dämmerung, umgeben von hohen Zäunen und Barrieren, unter einem bewölkten Himmel. Illustration mit AI erstellt.

Der Innenminister von Baden-Württemberg, Manuel Hagel (CDU), strebt eine stärkere Verpflichtung für Betreiber kritischer Infrastrukturen (KRITIS) an, um den Schutz vor Sabotage und hybriden Bedrohungen zu erhöhen.

Wie aus Berichten von Mitte September 2026 hervorgeht, arbeitet das Land derzeit an den entsprechenden Rechtsgrundlagen. Ein zentrales Element der geplanten Maßnahmen ist die Verpixelung von KRITIS-Anlagen bei Geodatendiensten wie Google Earth, die bis zum Jahresende umgesetzt werden soll.

Zunahme von Sabotageakten und physischen Angriffen

Hintergrund der Initiative sind wiederholte Angriffe auf Energie- und Versorgungseinrichtungen. In Baden-Württemberg kam es bereits im Juni zu einem Brandanschlag auf ein Umspannwerk in Reutlingen, durch den rund 40.000 Menschen zeitweise ohne Stromversorgung waren.

Bundesweit verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) im Jahr 2026 bereits über 160 mutmaßliche Sabotageakte. Allein Anfang September wurden Angriffe auf Umspannwerke in Turnow-Preilack in Brandenburg sowie in Bergheim bei Köln gemeldet.

Auch Bundesinnenminister Dobrindt warnte nach einer Sondersitzung des Innenausschusses vor einer dauerhaften Gefährdungslage. Man müsse täglich mit Anschlagsszenarien rechnen, insbesondere durch hybride Angriffe und den Einsatz sogenannter Wegwerf-Agenten.

Zuletzt sorgten Vorfälle in München, wo ein Brandanschlag auf eine Baustelle von Rüstungsunternehmen verübt wurde, sowie die Entdeckung einer mit Sprengstoff präparierten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle im August für Aufsehen. Letzteres Ereignis rechnet die Bundesregierung russischen Akteuren zu.

Strategien zur Drohnenabwehr und Eigenschutz

Angesichts der Bedrohungslage forderte der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) mit Nachdruck den Schutz von Energieanlagen. Bundesinnenminister Dobrindt plant zudem, den Luftraum über strategisch wichtigen Städten wie Stuttgart verstärkt vor Drohnen zu schützen.

Innerhalb der Branche wird die Zuständigkeit für solche Abwehrmaßnahmen jedoch debattiert. Der Energieversorger EnBW vertritt die Position, dass die Drohnenabwehr eine hoheitliche Aufgabe bleiben müsse, wobei die entstehenden Kosten über Entgelte oder Gebühren erstattet werden sollten.

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In Brandenburg verfolgt Innenminister Jan Redmann (CDU) einen anderen Ansatz. Nach den Sabotageaktionen Anfang September kündigte er ein Beleihungsgesetz an, das es Betreibern erstmals ermöglichen soll, Eigenschutzmaßnahmen wie Kameraüberwachung und Drohnenabwehr auf Antrag selbst durchzuführen.

Ergänzt werden soll dies durch ein neues Sicherheitszentrum, das Verfassungsschutz, Polizei sowie Brand- und Katastrophenschutz vernetzt. Fachleute weisen darauf hin, dass die Polizei den Schutz von über 8.000 kritischen Infrastrukturen in Deutschland nicht allein gewährleisten könne.

Massive Datenlecks und systemische Schwachstellen

Neben physischer Sabotage bleibt die Cybersicherheit ein kritischer Faktor. In Berlin wurde im August ein schwerwiegender Angriff auf das Landesnetz durch die Gruppe Rhysida bekannt. Dabei wurden mindestens 1,2 Millionen Datensätze exfiltriert und im September im Darknet veröffentlicht, nachdem der Senat eine Lösegeldforderung über 30 Bitcoins (rund 2 Millionen Euro) abgelehnt hatte. Insgesamt sollen etwa 5,79 Terabyte an Daten abgeflossen sein, darunter auch als Verschlusssachen eingestufte Dokumente.

Sicherheitsexperten kritisieren in diesem Zusammenhang strukturelle Versäumnisse in der Verwaltung. So seien Passwörter in einfachen Textdateien gespeichert und geheime Notfallpläne auf ungesicherten Laufwerken abgelegt worden.

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Die Opposition im Berliner Senat spricht von einer IT-Katastrophe mit langjährigen Folgen. Um die Resilienz zu erhöhen, forderte E.ON-Chef Leonhard Birnbaum neben dem Einsatz von Überwachungsdrohnen vor allem Investitionen in systemische Redundanzen und schnellere Wiederherstellungsszenarien.

Regulatorische Verschärfungen durch Bund und EU

Der rechtliche Rahmen für KRITIS-Betreiber hat sich bereits Anfang des Jahres deutlich verschärft. Seit März 2026 gilt das KRITIS-Dachgesetz, das dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Aufsicht über elf Sektoren überträgt. Zudem verpflichtet die EU-weite CER-Richtlinie die Mitgliedstaaten seit Juli 2026 dazu, kritische Einrichtungen zu identifizieren und Resilienzmaßnahmen nachzuweisen.

Zusätzliche Anforderungen ergeben sich aus dem Cyber Resilience Act (CRA). Dieser sieht strenge Meldepflichten für Hersteller vor, die ausgenutzte Schwachstellen binnen 24 Stunden meldet müssen.

Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom sind sich jedoch bisher nur 29 Prozent der Unternehmen der vollen Bedeutung dieser neuen Regularien bewusst. Angesichts geschätzter jährlicher Schäden von 270 Milliarden Euro durch Cyberkriminalität in Deutschland bleibt der Handlungsdruck für Wirtschaft und Politik hoch.

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