Kritis-Schutz, Strommasten

Kritis-Schutz: 38.000 Strommasten unzureichend gesichert – Kosten steigen um 600%

Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 23:35 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Nach Angriffen auf Umspannwerke plant Brandenburg ein Sicherheitszentrum und mehr Betreiberrechte. Verbände warnen vor deutlich höheren Schutzkosten.

Sabotage an Umspannwerken: Brandenburg plant neues Schutzkonzept
Weitläufiges Umspannwerk mit Hochspannungsmasten und Transformatoren in der Dämmerung. Illustration mit AI erstellt.

Nach den Sabotageakten auf Umspannwerke in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg am 3. September 2026 verschärft die Politik die Debatte um den Schutz kritischer Infrastruktur. Das Land Brandenburg kündigte als unmittelbare Reaktion die Einrichtung eines neuen Sicherheitszentrums sowie ein sogenanntes Beleihungsgesetz an. Diese Maßnahmen sollen es Betreibern kritischer Anlagen ermöglichen, ihre Standorte effektiver und eigenständig zu schützen.

Gezielte Angriffe auf Energieversorgung in zwei Bundesländern

Am 3. September 2026 wurden Umspannwerke in Bergheim (Nordrhein-Westfalen) und Turnow-Preilack (Brandenburg) Ziel von Sabotageakten. Ermittlungsbehörden zufolge nutzten die Täter für die Angriffe Kabel sowie selbstgebaute Flugkörper. In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen sehen Ermittler Anzeichen für eine verfassungsfeindliche Sabotage.

Zwar blieben die Angriffe laut Berichten vom 2. September 2026 zunächst ohne Auswirkungen auf die allgemeine Stromversorgung, doch führten sie bei RWE zum Ausfall von fünf Braunkohleblöcken mit einer Leistung von insgesamt 4,2 GW. In der Folge stieg der Intraday-Preis an der Strombörse zeitweise auf über 600 Euro/MWh.

Die Polizei prüft derzeit die Authentizität eines eingegangenen Bekennerschreibens, während die Suche nach den Tätern und deren genauem Motiv andauert. Die Vorfälle wecken Erinnerungen an einen Stromausfall in Berlin zu Beginn des Jahres, von dem Zehntausende Bürger betroffen waren.

Brandenburgs Vorstoß für mehr Eigenverantwortung der Betreiber

Als Konsequenz aus den jüngsten Ereignissen plant die brandenburgische Landesregierung ein Maßnahmenpaket zur Härtung der Infrastruktur. Kernstück ist ein Beleihungsgesetz, das privaten Betreibern hoheitliche Befugnisse oder erweiterte Rechte einräumen soll, um ihre Anlagen selbst besser schützen zu können.

Flankiert wird dies durch den Aufbau eines Sicherheitszentrums. Zudem sind Gesetzesänderungen geplant, die den Informationszugang verbessern und den Einsatz von Videoüberwachung an sensiblen Knotenpunkten erleichtern sollen.

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In Nordrhein-Westfalen forderte Innenminister Herbert Reul (CDU) ebenfalls eine Ausweitung der Überwachungsbefugnisse. Er plädierte für einen verstärkten Einsatz von Videotechnik und Systemen zur Drohnenabwehr. Reul kritisierte in diesem Zusammenhang den deutschen Datenschutz als extrem sensibel und bezeichnete ihn als Hindernis für einen effektiven Schutz der leicht angreifbaren Infrastruktur.

Branchenverbände warnen vor massiven Kostensteigerungen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines verbesserten Schutzes sind laut Branchenvertretern erheblich. Verbände warnen vor einer Steigerung der Kosten für Sicherheitsmaßnahmen um das Vier- bis Sechsfache. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) forderte die Einrichtung von Flugverbotszonen über kritischen Anlagen, technische Drohnenabwehr sowie die Einführung eines neuen Straftatbestands für derartige Sabotageakte.

Der Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen (BSKI) verdeutlichte das Ausmaß der Sicherheitslücken: Aktuell verfügten 1.200 Umspannwerke über keine Drohnennetze, zudem seien rund 38.000 Strommasten unzureichend gesichert. Experten wie Prof. Clemens Gause empfehlen neben technischer Aufrüstung durch Sensoren und Videoüberwachung auch eine stärkere Dezentralisierung der Systeme.

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Kritik an der Umsetzung des Kritis-Dachgesetzes

Die politische Diskussion dreht sich zudem um das seit März 2026 geltende Kritis-Dachgesetz. Während das Bundesinnenministerium die Gefährdungslage als hoch einstuft, kritisieren die Grünen Versäumnisse seitens Bundesinnenminister Dobrindt. Demnach fehle es trotz des Inkrafttretens des Gesetzes im Frühjahr noch immer an den notwendigen Rechtsverordnungen und einem schlüssigen Gesamtkonzept.

Gegenwärtig fallen unter das Kritis-Dachgesetz etwa 3.000 Institutionen. Schätzungen von Fachleuten zufolge könnte diese Zahl langfristig auf bis zu 30.000 betroffene Einrichtungen ansteigen.

Die Polizeigewerkschaft betonte unterdessen, dass die Betreiber der Infrastruktur bei der Umsetzung von Sicherheitskonzepten stärker in die Pflicht genommen werden müssten. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) forderte zudem den Aufbau eines Backup-Systems mit schwarzstartfähigen Kraftwerken, um die Netzstabilität bei künftigen Vorfällen zu gewährleisten.

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