Krankschreibung, Warken

Krankschreibung: Warken plant Attestpflicht ab Tag eins und Telefon-AU-Verbot

Veröffentlicht: 07.07.2026 um 11:04 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung stößt auf breite Kritik von Ärzten, Ökonomen und Teilen der Koalition.

Gesundheitsministerin Warken plant Ende der Telefon-Krankschreibung
Krankschreibung - Ein unscharfes Bild eines alten Telefonhörers im Vordergrund, während im Hintergrund ein Wartezimmer einer Arztpraxis verschwommen zu sehen ist. 07.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Auch die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag bleibt Teil des Reformplans. Dagegen formiert sich breiter Widerstand.

Ärzte warnen vor Praxis-Kollaps

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet mit 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Hausärzteverbands-Chefin Buhlinger-Göpfarth spricht von reiner Symbolpolitik. Die Praxen seien bereits jetzt am Limit.

Ein weiteres Problem: Wer mit ansteckenden Infekten ins Wartezimmer kommt, gefährdet andere Patienten. MEDI-Chef Norbert Smetak sieht einen klaren Widerspruch zur Digitalisierungsstrategie. „Statt Prozesse zu vereinfachen, schaffen wir mehr Bürokratie", kritisiert er.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

Der angebliche Missbrauch der Telefon-AU ist statistisch kaum relevant. Ihr Anteil am gesamten Krankschreibungsaufkommen liegt zwischen 0,5 und 1,2 Prozent. Eine Barmer-Studie fand zudem keine Hinweise auf erhöhten Missbrauch.

Der wahre Treiber des Krankenstands sind Langzeiterkrankungen. Rund 40 bis 44 Prozent der Fehltage gehen auf Erkrankungen zurück, die länger als sechs Wochen dauern – vor allem psychische Leiden und Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Und der Anstieg der Krankheitstage von 18 (2016) auf 22 (2024)? BKK-Experten führen ihn zu 40 bis 60 Prozent auf die bessere Erfassung durch die elektronische AU-Bescheinigung zurück.

Ökonomen warnen vor Gegeneffekt

DIW-Forscher Graeber hält schärfere Regeln für kontraproduktiv. Wer erst zum Arzt muss, lässt sich tendenziell länger krankschreiben als bei einer kurzen Genesung zu Hause. Der DGB warnt vor „Präsentismus" – Mitarbeiter kommen krank zur Arbeit, aus Angst vor Konsequenzen.

Die Bevölkerung steht ohnehin hinter den bestehenden Regeln. Laut YouGov lehnen 59 Prozent die Attestpflicht ab Tag eins ab, 58 Prozent wollen die Telefon-AU behalten.

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Koalition uneins

Kanzler Merz verteidigt die Reform mit Verweis auf den hohen Krankenstand. Doch im Arbeitnehmerflügel der eigenen Partei rumort es. CDA-Vize Bäumler fordert, das Thema angesichts des Unmuts fallen zu lassen.

Die SPD drängt auf pragmatische Lösungen. Vizekanzler Klingbeil will Betrieben individuelle Spielräume erhalten. Die Videosprechstunde soll bleiben: Bekannte Patienten können so bis zu sieben Tage krankgeschrieben werden, Neupatienten bis zu drei Tage. Auch Rückdatierungen um bis zu drei Tage bleiben möglich.

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