Konjunkturprognose 2026: Institute verdoppeln Wachstum auf 1,3 Prozent
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 10:12 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für 2026 auf 1,3 Prozent angehoben. Im Frühjahr hatten sie für die Wirtschaftsleistung noch ein Wachstum von 0,6 Prozent erwartet.
Prognose für 2027 ebenfalls angehoben
Für 2027 rechnen die Institute mit einem Plus von 1,1 Prozent nach bislang 0,9 Prozent. 2028 dürfte sich das Wachstum dagegen auf 0,4 Prozent abschwächen.
„Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten“, sagte Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.
Exporte und Industrie überraschen positiv
Die deutsche Wirtschaft entwickelte sich im ersten Halbjahr deutlich besser als im Frühjahr prognostiziert. Vor allem Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten zu. Unterstützung kamen von der robusten Weltkonjunktur, dem weltweiten KI-Boom und kräftigem Staatsverbrauch.
Unternehmensinvestitionen und privater Konsum blieben hingegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock bremste die Wirtschaft, übertrug sich bislang aber kaum auf die übrigen Verbraucherpreise.
Niedrigwasser bremst die Erholung
Im dritten Quartal verlangsamte sich die Erholung. Das seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser behindert insbesondere die Produktion in der chemischen Industrie. Für das Quartal erwarten die Institute ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von lediglich 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Mit einer Normalisierung der Pegelstände dürften die Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nachlassen. Auslandsnachfrage sowie steigende öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sollen die Erholung stützen.
Inflation sinkt erst 2028 auf zwei Prozent
Die Inflation veranschlagen die Institute für 2026 auf 2,8 Prozent. Für 2027 erwarten sie einen Anstieg auf 3,2 Prozent, bevor die Teuerungsrate 2028 auf 2,0 Prozent zurückgehen soll.
Am Arbeitsmarkt kommt die Erholung voraussichtlich verzögert an. Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, während die Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent im Jahr 2026 auf 6,2 Prozent 2027 und 5,8 Prozent 2028 zurückgehen soll.
Wachsende Belastung für die Finanzpolitik
Die Institute sehen zunehmenden Konsolidierungsbedarf. Das staatliche Finanzierungsdefizit soll von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigen.
Auch bei Einhaltung der reformierten nationalen Schuldenbremse dürfte die Schuldenquote mittelfristig weiter zunehmen. Gleichzeitig steigen die Zinsausgaben erheblich, während der Zuwachs der Nettoprimärausgaben den im europäischen Regelwerk vorgesehenen Pfad deutlich überschreiten dürfte.
Die angehobene Prognose markiert eine deutliche Korrektur gegenüber dem Frühjahr: Statt einer nahezu stagnierenden Wirtschaft erwarten die Institute nun ein Wachstum von 1,3 Prozent. Entscheidend ist dabei weniger eine breit getragene Belebung als die Kombination aus kräftigerer Exportentwicklung, einer robusten Weltkonjunktur und staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur.
Für Unternehmen und private Haushalte bleibt das Bild dennoch uneinheitlich. Die Unternehmensinvestitionen und der private Konsum entwickeln sich schwach, während hohe Energiepreise die Kaufkraft belasten. Dass der Energiepreisschock bislang nur begrenzt auf die übrigen Verbraucherpreise durchschlägt, stützt zwar die Inflationsentwicklung, schließt aber weitere Belastungen für energieintensive Branchen und Verbraucher nicht aus.
Staatliche Impulse und strukturelle Grenzen
Die Prognose zeigt zugleich, wie stark die Erholung von öffentlichen Ausgaben und der Auslandsnachfrage abhängt. Das erklärt die Bezeichnung eines Aufschwungs auf schmalem Fundament: Niedrigwasser kann kurzfristig Produktionsabläufe beeinträchtigen, während der demografische Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials das langfristige Wachstum begrenzt.
Politisch verschärft sich damit der Zielkonflikt zwischen Investitionen und Haushaltskonsolidierung. Steigende Defizite und Zinsausgaben engen den finanziellen Spielraum ein. Für die weitere Entwicklung kommt es deshalb darauf an, ob öffentliche Investitionen private Aktivität anstoßen und ob Strukturprobleme bei Arbeitsmarkt, Bürokratie und Wettbewerbsfähigkeit abgebaut werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Wirtschaftsforschungsinstitute verdoppeln Wachstumsprognose“ (23.09.2026)
Der Beitrag bestätigt die Anhebung der Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent für 2026 und 1,1 Prozent für 2027. Anders als die dts-Meldung legt er den Schwerpunkt zusätzlich auf den Reformkurs der Bundesregierung und die Debatte über Sozialreformen.
n-tv: „Staatsausgaben zahlen sich aus: Wirtschaftsforscher verdoppeln Wachstumsprognose“ (22.09.2026)
n-tv hebt die Impulse durch staatliche Mehrausgaben für Infrastruktur und Verteidigung hervor und stellt die geringeren als zunächst erwarteten Folgen des Iran-Kriegs heraus. Gemeinsam ist beiden Beiträgen die höhere Wachstumsprognose; offen bleibt, wie dauerhaft der Aufschwung angesichts von Energiepreisen und Strukturproblemen ist.
