KI-Integration, Agenten

KI-Integration: 76% testen Agenten, nur 19% nutzen sie produktiv

27.05.2026 - 08:20:05 | boerse-global.de

Viele deutsche Unternehmen testen KI-Agenten, aber nur wenige integrieren sie in Kernprozesse. Partnerschaften und Großprojekte zeigen das Potenzial.

KI-Integration: 76% testen Agenten, nur 19% nutzen sie produktiv - Foto: über boerse-global.de
KI-Integration: 76% testen Agenten, nur 19% nutzen sie produktiv - Foto: über boerse-global.de

Agentische Systeme revolutionieren Kernprozesse – doch die Integration hinkt hinterher.

Die deutsche Industrie steht an einem Wendepunkt. Während Großkonzerne seit Monaten die Möglichkeiten generativer Künstlicher Intelligenz testen, zeichnet sich nun ein klarer Trend ab: weg von isolierten Experimenten, hin zu tief integrierten, agentenbasierten Systemen. Branchenführer betonten am Dienstag, dass nicht die Unternehmensgröße, sondern die Fähigkeit zur schnellen Anpassung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden ist. Im Fokus stehen die Automatisierung regulierter Prozesse, die Modernisierung veralteter ERP-Strukturen und die Schaffung einheitlicher KI-Zugänge für ganze Organisationen.

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McKinsey und AppliedAI: Gemeinsam gegen den Bürokratie-Berg

Ein zentrales Hindernis für operative Exzellenz war stets der hohe manuelle Aufwand in regulierten Branchen und im Einkauf. McKinsey & Company und AppliedAI gaben am Dienstag eine Kooperation bekannt, die genau diese komplexen Geschäftsprozesse neu gestalten soll. Die Partnerschaft kombiniert McKinseys Transformations-Know-how mit einer spezialisierten Plattform für agentische KI.

Ein Pilotprojekt bei einem Chemieunternehmen zeigt das enorme Potenzial: Der manuelle Aufwand für die Lieferantenanbindung sank um über 99 Prozent. Die Bearbeitungszeit, die zuvor zwei Wochen betrug, schrumpfte auf weniger als fünf Minuten. Ähnliche Erfolge meldet der Elektronikhersteller ESW. Durch die Anbindung von 14 Großlieferanten, die über 80 Prozent des Wareneingangsvolumens abdecken, reduzierte das Unternehmen den wöchentlichen Arbeitsaufwand für Auftragsbestätigungen von bis zu 30 auf unter fünf Stunden. Die Automatisierungsrate liegt bei beeindruckenden 85 Prozent.

Vorwerk setzt auf 10.000 KI-Assistenten

Doch es geht nicht nur um einzelne Prozesse. Große Industrieunternehmen verändern grundlegend, wie ihre Mitarbeiter mit Unternehmensdaten interagieren. Am Dienstag wurden Details zur Plattform „Vorwerk Assist" bekannt. Sie ist inzwischen die zentrale digitale Schnittstelle des Konzerns. Das System nutzt 10.000 maßgeschneiderte Assistenten und hat bereits 900 Millionen Anfragen verarbeitet. Durch die Kuratierung von 60.000 internen Dokumenten soll die Recherchezeit minimiert und Doppelarbeit in den 15 nationalen Tochtergesellschaften vermieden werden.

Ein Netzwerk von 72 Botschaftern treibt die Einführung dieser Werkzeuge voran. Ziel solcher Großprojekte ist es, die Qualität der Informationsbeschaffung zu verbessern und die interne Kommunikation zu optimieren. Dieser Trend deckt sich mit den Beobachtungen von Nestlé-Deutschland-Chef Alexander von Maillot. Er betonte kürzlich auf einer Branchenveranstaltung in Frankfurt, dass die Gewinner im aktuellen Markt diejenigen seien, die ihre internen Strukturen schnell anpassen können. Nestlé setzt daher verstärkt auf interne Schulungen und den strategischen Einsatz von KI.

Berliner Bäder: SAP-Migration auf Schiene

Operative Exzellenz hängt maßgeblich von der zugrunde liegenden ERP-Architektur ab. Die Berliner Bäder Betriebe (BBB), die 67 Schwimmbäder mit rund sechs Millionen Gästen pro Jahr betreiben, haben kürzlich eine umfassende Migration auf SAP S/4HANA abgeschlossen. Der 2022 gestartete „Greenfield"-Ansatz – ein kompletter Neuaufbau statt einer Systemaktualisierung – wurde termingerecht und im Budgetrahmen realisiert.

Hauptziele waren die Schaffung integrierter End-to-End-Prozesse und die Beschleunigung des Finanzreportings. Parallel dazu digitalisieren Unternehmen ihre Produktinformationen. Der Hausgerätehersteller V-ZUG etwa überarbeitete seine Katalogerstellung komplett. Die Automatisierung der Preislisten stieg von null auf 90 Prozent, die der Hauptkataloge von 30 auf 80 Prozent – inklusive Barrierefreiheit für digitale Dokumente.

Oracle investiert 1,7 Milliarden Euro in deutsche Cloud

Der wachsende Bedarf an robuster Cloud-Infrastruktur und Compliance-Tools treibt die Investitionen an. Oracle kündigte Ende Mai an, rund zwei Milliarden US-Dollar (etwa 1,7 Milliarden Euro) in seine deutsche Cloud-Infrastruktur zu investieren – mit Schwerpunkt auf dem Standort Frankfurt. Das Geld fließt in Self-Service-Analytics, No-Code-Optionen und integrierte Machine-Learning-Funktionen.

Auch regulatorische Anforderungen zwingen zu präziseren Prozessmodellen. NTT DATA Business Solutions erweiterte am Dienstag sein Nachhaltigkeitsangebot, um SAP-Kunden auf die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) vorzubereiten. Die erste große Frist dieser Verordnung steht bereits im August 2026 an. Die Lösung verknüpft regulatorische Anforderungen direkt mit SAP-Produktstrukturen und Verpackungsdaten – Compliance wird so zum automatisierten Bestandteil der Lieferkette.

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Die große Kluft zwischen Test und Integration

Doch die Erfolgsgeschichten täuschen nicht über ein grundlegendes Problem hinweg. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie der IT-Beratung Zoi zeigt eine erhebliche Lücke in der digitalen Transformation der deutschen Industrie. Die Umfrage unter 500 IT-Führungskräften aus Unternehmen mit über 2.000 Mitarbeitern ergab: 76 Prozent der großen deutschen Firmen testen derzeit KI-Agenten. Aber nur 19 Prozent haben sie tatsächlich in ihre Kernprozesse integriert.

Die Hürden sind bekannt: die Komplexität der bestehenden IT-Infrastruktur, die Schwierigkeit, neue KI-Tools mit Altsystemen zu verbinden, fehlendes Spezialwissen und ein Mangel an messbaren Zielen. Interessant ist jedoch die soziale Akzeptanz: 79 Prozent der befragten Manager erwarten keine Arbeitsplatzverluste durch den verstärkten KI-Einsatz. Stattdessen geht es darum, menschliche Arbeit von repetitiven Aufgaben hin zu komplexeren Problemlösungen zu verlagern.

Ausblick: Hybride Architekturen als Standard

Die Branche bewegt sich weg von isolierten KI-Projekten hin zu hybriden Architekturen. Diese Systeme sollen die Lücke zwischen Low-Code-Oberflächen für Mitarbeiter und tief integrierten Backend-Systemen schließen. Branchenexperten erwarten, dass Multi-Agenten-Systeme und dynamisches Routing zwischen verschiedenen Modellanbietern zum Standard für skalierbare Automatisierung werden.

Solche Architekturen verhindern eine Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und erlauben Unternehmen, zwischen verschiedenen KI-Modellen zu wechseln. Kommende Branchenevents wie der Digitalisierungstag Südtirol am 28. Mai und die CAFM-Messe Ende Juni werden sich voraussichtlich auf diese Themen konzentrieren – insbesondere auf IoT und Energiemanagement zur Erfüllung der ESG-Berichtspflichten. Für Unternehmen, die operative Exzellenz anstreben, lautet die Priorität für den Rest des Jahres: der Schritt vom Testlabor in die Produktion. Nur so werden digitale Werkzeuge nicht nur präsent sein, sondern aktiv zum Geschäftserfolg beitragen.

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