JAV-Ausbildung, Arbeitszeit

JAV-Ausbildung 2026: KI, Arbeitszeit und Krise als neue Schwerpunkte

22.05.2026 - 20:06:29 | boerse-global.de

Jugend- und Auszubildendenvertretungen müssen sich 2026 mit KI-Regularien, neuen Arbeitszeiturteilen und Werksschließungen auseinandersetzen.

JAV-Ausbildung 2026: KI, Arbeitszeit und Krise als neue Schwerpunkte - Foto: über boerse-global.de
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Künstliche Intelligenz, neue EU-Regularien und die anhaltende Industriekrise prägen die Ausbildungsinhalte in diesem Jahr. Wer junge Arbeitnehmer vertreten will, muss heute mehr können als Arbeitsrecht.

EU-KI-Verordnung zwingt zur Weiterbildung

Ein zentrales Thema der JAV-Seminare 2026 ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz. Betriebsvereinbarungen stützen sich zunehmend auf eine Kombination aus Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), der EU-KI-Verordnung und aktueller Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG).

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Der Trilog-Beschluss vom 7. Mai 2026 verschob zwar bestimmte Pflichten für Hochrisiko-KI-Systeme auf den 2. Dezember 2027 – andere Anforderungen sind jedoch bereits heute in Kraft. Artikel 4 der EU-KI-Verordnung schreibt spezifische Schulungen für alle Personen vor, die KI-Systeme betreiben oder überwachen. Für JAV-Mitglieder bedeutet das: Sie müssen die technischen und ethischen Implikationen von KI-Tools verstehen – etwa bei der Personalauswahl oder der Überwachung von Ausbildungsfortschritten.

Die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte sind dabei klar geregelt. Nach § 87 Absatz 1 Nr. 6 BetrVG haben JAV und Betriebsrat durchsetzbare Mitbestimmungsansprüche bei der Einführung solcher Systeme.

Eine Musterbetriebsvereinbarung vom 21. Mai 2026 stellt klar: Der Mensch bleibt die letzte Entscheidungsinstanz in jedem KI-gesteuerten Prozess. Arbeitgeber sind verpflichtet, umfassend zu informieren – über Zweck, Funktionsweise, Datennutzung und Methoden zur Vermeidung von Diskriminierung – bevor ein System eingeführt wird. Besonders heikel: Der Einsatz von Hochrisiko-KI im Personalbereich erfordert eine separate, detaillierte Betriebsvereinbarung nach gründlicher Prüfung. Die Verhandlungen darüber dauern in der Regel vier bis acht Wochen.

Arbeitszeit: Reisezeit ist Arbeitszeit

Ein weiterer Schwerpunkt der aktuellen Schulungen betrifft die sich wandelnde Definition von Arbeitszeit und ihre Auswirkungen auf die Vergütung. Aktuelle Urteile haben den Status von Reise- und Vorbereitungszeiten geklärt – ein Thema, das besonders Auszubildende in technischen oder Außendienstberufen betrifft.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschied am 9. Oktober 2025 (C-110/24), dass Reisezeit von einem vom Arbeitgeber bestimmten Treffpunkt zum eigentlichen Arbeitsort als Arbeitszeit im Sinne der Arbeitszeitrichtlinie gilt. Die Begründung: Arbeitnehmer können über diese Zeit nicht frei verfügen. Zwar betrifft das Urteil primär den Arbeitsschutz, doch für JAV-Mitglieder hat es erhebliche Bedeutung bei der Überwachung der Arbeitsbelastung von Auszubildenden.

Das Bundesarbeitsgericht hatte bereits am 18. März 2020 (5 AZR 36/19) klargestellt, dass Reisezeiten von Außendienstmitarbeitern zu Kunden als vergütungspflichtige Arbeitszeit gelten – unabhängig vom Startort. Betriebsvereinbarungen, die Reisezeiten unter 20 Minuten ausschlossen, waren demnach unwirksam, wenn sie gegen Tarifverträge verstießen.

Das BAG-Urteil vom 13. September 2022 (1 ABR 22/21) bestätigte die gesetzliche Pflicht zur systematischen Erfassung aller Arbeitszeiten. Allerdings: Betriebsräte haben kein Initiativrecht, um elektronische Zeiterfassungssysteme zu fordern – die Pflicht zur Zeiterfassung besteht bereits aus dem Arbeitsschutzgesetz.

Industriekrise: Wenn Werke schließen

Die Ausbildung für JAV-Mitglieder wird auch deshalb immer wichtiger, weil mehrere große deutsche Industriestandorte vor der Schließung stehen oder massiv Stellen abbauen. Das betrifft direkt die Ausbildungsperspektiven von Jugendlichen.

In Neustadt an der Donau eskaliert der Arbeitskonflikt beim Automobilzulieferer Mahle. Am 21. Mai 2026 stimmten 98,4 Prozent der IG-Metall-Mitglieder für einen unbefristeten Streik, der am 26. Mai beginnen soll. Auslöser: Die Geschäftsführung kündigte die schrittweise Schließung des Standorts ab Ende 2026 an – rund 360 Beschäftigte sind betroffen.

Ähnliche Herausforderungen gibt es in der Heizungstechnik-Branche. Der Betriebsrat bei Brötje Heizung in Rastede legte einen 100-seitigen Gegenvorschlag vor, um die Produktion am Standort zu retten. Das Unternehmen hatte angekündigt, die Fertigung bis Ende 2026 einzustellen und nach Italien zu verlagern – 108 Stellen in Rastede und 203 bundesweit wären betroffen.

Auch in der Pharmaindustrie bleibt die Zukunft des Biontech-Standorts Marburg ungewiss. Hessens Wirtschaftsminister Mansoori (SPD) bekräftigte die Landesgarantie für den Erhalt des Standorts, nachdem das Unternehmen die Schließung mehrerer Standorte angekündigt hatte. Rund 540 Arbeitsplätze in Marburg sind gefährdet. Für JAV-Vertreter bedeutet das: Sie brauchen fortgeschrittene Kenntnisse in der Verhandlung von Sozialplänen und der Sicherstellung von Ausbildungs- oder Übernahmemöglichkeiten für Azubis.

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Gesundheit und Datenschutz in der digitalen Arbeitswelt

Die Gesundheit junger Arbeitnehmer in digitalisierten Umgebungen gewinnt an Bedeutung. Der AOK-Fehlzeitenreport 2019 zeigte: 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten regelmäßig im Homeoffice – und leiden dort häufiger unter Stress und psychischen Belastungen als Kollegen im Büro. Homeoffice-Mitarbeiter nehmen zwar weniger Krankheitstage (acht pro Jahr gegenüber zwölf), sind aber anfälliger für Schlafstörungen und die Verschmelzung von Berufs- und Privatleben.

JAV-Seminare enthalten daher zunehmend Module zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) – einem freiwilligen Verfahren für Mitarbeiter, die innerhalb von zwölf Monaten länger als sechs Wochen krank waren. Die Vertreter müssen geschult werden, um junge Arbeitnehmer in diesen Gesprächen zu unterstützen – mit Fokus auf Arbeitsbedingungen, nicht auf medizinische Diagnosen.

Komplexer geworden ist auch der Datenschutz für Gremien. Das Landesarbeitsgericht Köln entschied am 19. Juli 2019 (9 TaBV 125/18): Betriebsräte haben kein allgemeines Recht, die Löschung von Mitarbeiter-E-Mails zu verlangen – selbst wenn diese unter Verstoß gegen Mitbestimmungsrechte verarbeitet wurden –, sofern die Daten für interne Ermittlungen notwendig sind. Das unterstreicht, wie wichtig präzise Kenntnisse der rechtlichen Grenzen von Datenschutz und Informationsrechten nach § 80 BetrVG sind.

Ausblick: Spezialisierung als Erfolgsfaktor

Die Rolle der Jugend- und Auszubildendenvertretung wird 2026 von zwei Kräften geprägt: der rechtlichen Modernisierung und der wirtschaftlichen Volatilität. Die digitale Industriestrategie – mit den kommenden Hochrisiko-KI-Regularien Ende 2027 und dem anhaltenden Umbau in der Fertigungs- und Pharmaindustrie – erfordert eine spezialisierte und kontinuierliche Weiterbildung.

Die Gerichte stärken konsequent die Arbeitnehmerrechte: bei der Definition von Arbeitszeit, der Pflicht zur Zeiterfassung und der Mitbestimmung bei KI-Systemen. JAV-Mitglieder werden damit zu zentralen Kontrollinstanzen. Ob sie diese Rolle ausfüllen können, hängt von ihrer Fähigkeit ab, die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen durch strukturierte Seminararbeit zu meistern.

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