Industrie-Paradox, Auslastung

Industrie-Paradox: 63% gute Auslastung, aber 15% bauen ab

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 02:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine IG-Metall-Erhebung zeigt gute Auslastung und Geschäftsaussichten, während Stammbelegschaften schrumpfen und 177.000 Industriejobs verloren gingen.

IG Metall kritisiert Jobabbau trotz guter Industriekonjunktur
Eine weitläufige, menschenleere Industriehalle mit großen Maschinen in einer ruhigen, atmosphärischen Beleuchtung. Illustration mit AI erstellt.

Die IG Metall bewertet den aktuellen Personalabbau in der deutschen Industrie als in weiten Teilen unbegründet. Während Branchenexperten die spezifischen Auswirkungen dieser Entlassungswellen auf Führungskräfte analysieren, verweist die Gewerkschaft auf eine Diskrepanz zwischen der wirtschaftlichen Lage vieler Unternehmen und deren Personalentscheidungen.

Laut einer Betriebsrätebefragung, die im Zeitraum vom 27. Juli bis zum 21. August 2026 durchgeführt wurde, melden 63 % der Betriebe eine gute oder sehr gute Kapazitätsauslastung. Dies entspricht einer Steigerung um 6 Prozentpunkte gegenüber dem Herbst 2025.

Diskrepanz zwischen Geschäftsaussichten und Beschäftigungsentwicklung

Die Befragung der IG Metall, an der 2457 Betriebe mit insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten teilnahmen, zeichnet ein widersprüchliches Bild der industriellen Lage. Rund 58 % der Betriebsräte gaben Ende Juli an, dass die Aussichten für die kommenden drei bis sechs Monate gut seien.

Dennoch zeichnet sich ein Trend zur Reduzierung der Stammbelegschaften ab: 15 % der Betriebe bauen trotz der positiven Geschäftsaussichten Personal ab. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 5 %.

Gleichzeitig verzeichnete die Leiharbeit erstmals seit 2023 wieder einen Netto-Aufbau. In 28 % der Betriebe wurde diese Beschäftigungsform ausgeweitet, während nur 22 % einen Abbau meldeten. Auch bei den Arbeitszeitkonten überwiegt mit 16 % der Aufbau gegenüber einem Abbau von 12 %.

Kritisch sieht die Gewerkschaft die strategische Ausrichtung der Unternehmen: Nur 47 % der Betriebe verfügten laut der Befragung über eine überzeugende oder glaubwürdige Transformationsstrategie.

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Massive Proteste in der Automobil- und Zulieferindustrie angekündigt

Als Reaktion auf die Entlassungswellen hat die IG Metall Baden-Württemberg für einen Montag zu einem bundesweiten Aktionstag aufgerufen. Unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ werden deutschlandweit an über 200 Orten mehr als 100.000 Teilnehmer erwartet.

Die Proteste richten sich gegen den geplanten Jobabbau an Standorten namhafter Unternehmen wie Daimler Truck in Gaggenau, Bosch in Abstatt und Reutlingen, Mercedes-Benz in Sindelfingen sowie bei Porsche und Mahle. Bezirksleiterin Barbara Resch betonte in diesem Zusammenhang, dass die Beschäftigten die aktuelle Krise nicht verursacht hätten.

Die Situation bei den Zulieferern verschärft sich ebenfalls. Der in Donaueschingen ansässige Zulieferer IMS Gear hat ein Sparpaket in Höhe von mindestens 35 Millionen Euro für alle weltweiten Standorte beschlossen.

An den deutschen Standorten in Donaueschingen, Villingen-Schwenningen, Trossingen und Eisenbach sollen bis zu 300 Arbeitsplätze wegfallen, was Einsparungen bei den Personalkosten in Höhe von rund 20 Millionen Euro zur Folge hat. Das Werk Aasen wird bis Mitte 2027 vollständig aufgegeben.

Strukturwandel und politischer Handlungsbedarf bei Großunternehmen

Auch bei großen Marktteilnehmern wie Bosch und Volkswagen stehen weitreichende Veränderungen an. Der Bosch-Betriebsrat berichtete, dass im Jahr 2025 bereits 50.000 Stellen weggefallen sind und für das Jahr 2026 eine ähnliche Größenordnung erwartet wird.

Betriebsratschef Frank Sell forderte von der Bundesregierung und der EU einen verstärkten Schutz vor chinesischer Konkurrenz und schlug vor, Förderungen für Elektroautos an den Nachweis zu knüpfen, dass wesentliche Teile der Produktion aus Europa stammen.

Bei Volkswagen stimmte der Aufsichtsrat Mitte September dem „Zukunftsplan 2030“ zu, der Investitionen von 135 Milliarden Euro vorsieht. Zwar wurde die Schließung der Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm vorerst abgewendet, jedoch gibt es für den Zeitraum 2031 bis 2034 noch keine gesicherte wettbewerbsfähige Folgebelegung.

Nach Angaben des Vorstands könnten in den kommenden Jahren weitere 50.000 Stellen entfallen, wobei die Hälfte dieses Anpassungsbedarfs auf das Inland entfällt. Kirchliche Wirtschaftsbeauftragte warnten bereits vor den Folgen für die soziale Stabilität ganzer Regionen durch den Abbau bei Volkswagen.

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Abwärtstrend in der Industriestatistik

Die offiziellen Daten der Bundesagentur für Arbeit stützen die Sorgen der Arbeitnehmervertreter. Demnach verlor die deutsche Industrie innerhalb eines Jahres insgesamt 177.000 Arbeitsplätze.

Besonders betroffen ist die Automobilindustrie mit einem Minus von 52.000 Stellen, gefolgt vom Maschinenbau mit 28.000 und der übrigen Metallindustrie mit 24.000 verlorenen Arbeitsplätzen. Im verarbeitenden Gewerbe waren im Dezember 2025 noch rund 6,5 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Trotz des Abbaus in der Produktion bleibt der Bedarf an Fachkräften in anderen Bereichen hoch. In technischen Berufen gibt es bundesweit rund 1,7 Millionen offene Ausschreibungen. Dennoch bewerten nur 35 % der Ingenieure ihre aktuellen Arbeitsmarktchancen als gut.

Vor diesem Hintergrund bereitet sich die IG Metall auf die kommenden Tarifverhandlungen für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie vor. Die konkreten Forderungen sollen am 23. September erhoben werden, bevor die Verhandlungen am 7. Oktober beginnen.

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