Industrie-Krise: 177.000 Arbeitsplätze in zwölf Monaten verloren
Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 12:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefgreifenden Strukturkrise. Allein das verarbeitende Gewerbe verliert monatlich rund 15.000 Arbeitsplätze. In den vergangenen zwölf Monaten sind bereits 177.000 Stellen weggefallen, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mitteilte. Mehrere Großkonzerne wie Lufthansa, Audi und Porsche konkretisierten zuletzt ihre Sparpläne, Traditionsbetriebe wie Varta meldeten Insolvenz an.
Warum die Industrie um ihre Zukunft kämpft
BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bezeichnete die Lage als kritisch. Die Wettbewerbsfähigkeit leide unter hohen Energiepreisen, der US-Zollpolitik und Marktverzerrungen durch chinesische Konkurrenten. Um die Deindustrialisierung zu stoppen, brauche es verstärkte Innovationen.
Die Zahlen sind alarmierend: Der Zulieferer ZF plant den Abbau von 14.000 Stellen, bei Bosch sind 20.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Bei Volkswagen stehen sogar bis zu 100.000 Stellen zur Disposition. Auch die Stahlindustrie schrumpft massiv. Allein in der Region Duisburg-Niederrhein entfallen 10.000 Arbeitsplätze. Von 14 bestehenden Hochöfen sollen nur fünf transformiert werden.
Automobilbranche auf Sparkurs
Porsche stellte ein „Zukunftspaket“ vor: 8.900 Stellen sollen wegfallen – 5.000 davon zusätzlich zu bereits bekannten Planungen. Bis 2035 werden Tariferhöhungen teilweise einbehalten, das Weihnachtsgeld sinkt. Homeoffice wird auf acht Tage pro Monat begrenzt. Betriebsbedingte Kündigungen schloss der Konzern allerdings aus.
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Bei Audi sieht es nicht besser aus. Finanzchef Rittersberger erklärte, die bisherigen Sparbemühungen reichten nicht. Besonders das China-Geschäft brach im ersten Halbjahr massiv ein. Der Gewinn im zweiten Quartal sank um 21 Prozent auf 563 Millionen Euro. Die Nachtschicht im Werk Neckarsulm wurde bereits gestrichen. Bis zu 7.500 Stellen sollen bis 2029 wegfallen. VW-Chef Blume betonte jedoch, man suche intelligente Lösungen, um eine vollständige Werksschließung in Neckarsulm zu vermeiden.
Varta in der Insolvenz – auch soziale Träger betroffen
Der Batterienhersteller Varta beantragte die Insolvenz in Eigenverwaltung. Grund ist eine strukturelle Finanzierungslücke ab 2027. Akut zahlungsunfähig ist das Unternehmen nicht. Ein wesentlicher Faktor: Der Großkunde Apple beendete die Partnerschaft. Die Anteilseigner Porsche und Tojner stellten keine zusätzliche Finanzierung bereit. Die Produktion läuft weiter, Löhne sind gesichert. Das Geschäft mit Haushaletsbatterien bleibt von der Insolvenz unberührt.
Auch soziale Träger geraten unter Druck. Der AWO-Kreisverband Bielefeld stellte ebenfalls einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung. Betroffen sind rund 800 Mitarbeiter. Der operative Betrieb soll uneingeschränkt fortgeführt werden.
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Lufthansa, Lenzing und der Mittelstand
Die Lufthansa startete ihr Programm „New Ways“: Bis zu 550 Vollzeitstellen bei der Kernmarke und in den Zentralbereichen sollen wegfallen. Das Programm basiert auf Freiwilligkeit, bietet Abfindungen oder bezahlte Freistellungen. Hintergrund ist eine geplante Zentralisierung administrativer Funktionen. Die Ergebnismarge soll von zuletzt 4,9 Prozent auf bis zu 10 Prozent steigen. Bis 2030 plant der Konzern den Abbau von insgesamt 4.000 Stellen.
Der Faserproduzent Lenzing leitet den größten Konzernumbau seit Jahren ein. Bis Ende 2027 fallen weltweit rund 2.000 Arbeitsplätze weg. Die Produktion in Heiligenkreuz (Burgenland) und im englischen Grimsby wird eingestellt.
Auch der Mittelstand bleibt nicht verschont. Der Spielzeughersteller Franz Schneider GmbH (Rolly Toys) schließt sein Werk in Neustadt bei Coburg zum Jahresende. Über 110 Mitarbeiter erhielten die Kündigung. Ein wichtiger Großkunde war abgesprungen, steigende Kosten belasteten die Produktion.
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