Industrie-Krise: 127.300 Stellen in einem Jahr gestrichen
29.05.2026 - 02:13:27 | boerse-global.deZwischen dem ersten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 strich die Branche rund 127.300 Stellen – ein Rückgang von 2,3 Prozent im Jahresvergleich. Seit 2019 summiert sich der Verlust auf 341.500 Arbeitsplätze, ein Minus von sechs Prozent.
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Alarmierende Prognosen für Metall- und Elektroindustrie
Udo Dinglreiter, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, schlug Ende Mai 2026 Alarm: Der Metall- und Elektrobranche droht der Verlust weiterer 300.000 Jobs. Die Beschäftigungszahlen könnten auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung fallen. Bundeskanzler Merz hat für den 10. Juni ein Krisengespräch mit den Sozialpartnern einberufen.
Der Ifo-Beschäftigungsbarometer zeigte im Mai zwar einen leichten Anstieg auf 93,9 Punkte (April: 91,4). Dennoch planen mehr Unternehmen Stellenabbau als Neueinstellungen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte überraschend auf 84,9 Punkte – die Bundesbank erwartet jedoch eine anhaltende Stagnation bis mindestens zum zweiten Quartal.
Arbeitskämpfe eskalieren: Streiks und Werkschließungen
Der Druck auf die Standorte entlädt sich in immer schärferen Arbeitskämpfen. Im Mahle-Werk in Neustadt an der Donau traten rund 400 Beschäftigte am 27. Mai in einen unbefristeten Streik. 98,4 Prozent der IG-Metall-Mitglieder stimmten für die Arbeitsniederlegung. Das Werk soll im ersten Halbjahr 2027 schließen – Grund sind auslaufende Verträge und der Kostendruck aus Asien. Die Gewerkschaft wirft dem Konzern vor, die Produktion in die Slowakei zu verlagern.
In der Getränkeindustrie eskalierte der Konflikt bei der Herforder Brauerei. Mehr als 100 Mitarbeiter demonstrierten am 28. Mai vor dem Werkstor. Die Warsteiner-Tochter hatte Anfang Mai angekündigt, den Standort Herford-Hiddenhausen im August 2026 dichtzumachen. Zwar bietet der Konzern Wechsel nach Warstein an – doch die zweistündige Anfahrt sei für die meisten Beschäftigten nicht zumutbar, so die Arbeitnehmervertreter.
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Auch andere Branchen sind betroffen. Eine Nachfolgefirma des Modeherstellers Ahlers kündigte 130 Mitarbeitern. Die Feinkostkette Oil & Vinegar meldete Insolvenz an – 80 Jobs in 19 deutschen Filialen sind in Gefahr.
Siemens und BioNTech: Umbau auf Rekordniveau
Selbst Großkonzerne mit hohen Gewinnen schlanken ihre Belegschaft radikal ab. Siemens baut im Zuge des „ONE Tech Company"-Programms hunderte Führungspositionen ab. Bis Ende 2027 schließt der Konzern seine Software-Tochter evosoft in Nürnberg – 380 Stellen fallen weg. Das Unternehmen verbuchte 2025 einen Rekordgewinn von 10,4 Milliarden Euro, begründet den Schritt aber mit fehlenden Aufträgen und einer strategischen Neuausrichtung.
Bei BioNTech zeichnet sich ein noch tieferer Einschnitt ab. Der Mainzer Impfstoffhersteller meldete für das erste Quartal 2026 einen Nettoverlust von 531,9 Millionen Euro. Die Umsätze brachen auf 118,1 Millionen Euro ein (Vorjahreszeitraum: 182,8 Millionen). Bis Oktober sollen 1.860 Stellen gestrichen und vier Produktionsstandorte geschlossen werden. Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci planen, das Unternehmen bis Ende 2026 zu verlassen, um ein neues mRNA-Projekt zu starten.
Sozialkassen vor dem Kollaps? Experten warnen
Der Sachverständigenrat Wirtschaft schlägt Alarm: Ohne grundlegende Reformen könnten die Sozialabgaben bis 2040 von aktuell 42,3 Prozent auf fast 50 Prozent steigen. Die Wirtschaftsweisen schlagen unter anderem eine Anhebung des Renteneintrittsalters, die Abschaffung von Minijobs und Steuervorteilen für Ehepaare sowie Strukturreformen im Krankenhaus- und Pflegesektor vor.
Gesundheitsminister Warken hat bereits ein Entlastungspaket im Volumen von 16,3 Milliarden Euro angekündigt, das 2027 in Kraft treten soll. Ob das reicht, um die Abwärtsspirale zu stoppen? Wohl kaum.
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