Wandertourismus, Erzgebirge

Wandern im Erzgebirge: Wie neue Angebote zum Wirtschaftsmotor für ländliche Regionen werden

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 12:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Im Erzgebirge setzen Hoteliers und Touristiker zunehmend auf Wandern als ganzjährigen Wirtschaftsmotor. Neue Angebote von Komfortunterkünften bis zu Extremtouren sollen mehr Gäste anlocken und die Region als modernes Wanderziel profilieren.

  • Das Image des Wanderns hat sich einer Studie zufolge seit den 1990er Jahren «von einer eher betulichen zu einer Lifestyle-orientierten Freizeitaktivität» gewandelt.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Das Image des Wanderns hat sich einer Studie zufolge seit den 1990er Jahren «von einer eher betulichen zu einer Lifestyle-orientierten Freizeitaktivität» gewandelt. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Rund um den Fichtelberg gibt es zahlreiche Wege für Wanderungen. Nun startet ein neues sportliches Angebot für Trailrunner.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Rund um den Fichtelberg gibt es zahlreiche Wege für Wanderungen. Nun startet ein neues sportliches Angebot für Trailrunner. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Im Frühjahr 2025 eröffnet, nimmt das Naturhotel «Basislager Fichtelberg» vor allem Aktivtouristen wie Wanderer und Mountainbiker in den Blick.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Im Frühjahr 2025 eröffnet, nimmt das Naturhotel «Basislager Fichtelberg» vor allem Aktivtouristen wie Wanderer und Mountainbiker in den Blick. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Natascha Heinrich führt das Hotel «Basislager Fichtelberg» in Oberwiesenthal. Die Region präsentiert sich diese Tage als Mekka für Wanderer. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Natascha Heinrich führt das Hotel «Basislager Fichtelberg» in Oberwiesenthal. Die Region präsentiert sich diese Tage als Mekka für Wanderer. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Eine Frau schnürt ihre Wanderschuhe. Deutschland gilt mit seinen vielfältigen Landschaften und Regionen als Wanderland.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Eine Frau schnürt ihre Wanderschuhe. Deutschland gilt mit seinen vielfältigen Landschaften und Regionen als Wanderland. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • In ihrem Hotel am Fichtelberg setzt Natascha Heinrich auf viel Service für Wanderer und andere Aktivtouristen.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    In ihrem Hotel am Fichtelberg setzt Natascha Heinrich auf viel Service für Wanderer und andere Aktivtouristen. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Wanderschuhe stehen in einem Wegweiser am Fuß des Fichtelbergs. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Wanderschuhe stehen in einem Wegweiser am Fuß des Fichtelbergs. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
  • Für die neue Wander- und Trailrunningstrecke Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun im Erzgebirge werden Wegzeichen angebracht.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
    Für die neue Wander- und Trailrunningstrecke Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun im Erzgebirge werden Wegzeichen angebracht. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa
Das Image des Wanderns hat sich einer Studie zufolge seit den 1990er Jahren «von einer eher betulichen zu einer Lifestyle-orientierten Freizeitaktivität» gewandelt.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Rund um den Fichtelberg gibt es zahlreiche Wege für Wanderungen. Nun startet ein neues sportliches Angebot für Trailrunner.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Im Frühjahr 2025 eröffnet, nimmt das Naturhotel «Basislager Fichtelberg» vor allem Aktivtouristen wie Wanderer und Mountainbiker in den Blick.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Natascha Heinrich führt das Hotel «Basislager Fichtelberg» in Oberwiesenthal. Die Region präsentiert sich diese Tage als Mekka für Wanderer. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Eine Frau schnürt ihre Wanderschuhe. Deutschland gilt mit seinen vielfältigen Landschaften und Regionen als Wanderland.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa In ihrem Hotel am Fichtelberg setzt Natascha Heinrich auf viel Service für Wanderer und andere Aktivtouristen.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Wanderschuhe stehen in einem Wegweiser am Fuß des Fichtelbergs. - Bild: Hendrik Schmidt/dpa Für die neue Wander- und Trailrunningstrecke Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun im Erzgebirge werden Wegzeichen angebracht.  - Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Im Erzgebirge wird das Wandern gezielt als Wirtschaftsmotor genutzt, um mehr Gäste in die Bergregion zu bringen und Hotels sowie Pensionen ganzjährig auszulasten.

Hotel als Basislager für aktive Gäste

Natascha Heinrich, die einst zu Fuß die Alpen überquerte, führt heute ein familiengeführtes Hotel in Oberwiesenthal am Fuße des Fichtelbergs. Im Zuge einer Sanierung wurde die alte Baude abgerissen und für mehrere Millionen Euro das „Basislager“ neu errichtet. Seit dem Frühjahr 2025 bietet das Haus mit 13 Zimmern und einem Wanderlager für bis zu zehn Personen vor allem sportlich aktiven Gästen eine Unterkunft, darunter vielen Wanderern.

Viele Gäste kommen über den Kammweg Erzgebirge-Vogtland oder nutzen das Hotel als Ausgangspunkt für Touren in der deutsch-tschechischen Grenzregion. Damit sich Wanderer wohlfühlen, setzt Heinrich nach eigenen Angaben auf mehr als ein Bett: Schuhtrockner, Insidertipps für Touren, ein Wellnessbereich mit Saunen und Infrarotkabinen sowie die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und zu trocknen gehören zum Konzept. Wer weit wandere, wolle gut essen, betont die Hotelchefin.

Milliardenumsatz durch Wanderer

Studien zufolge ist das Interesse am Wandern in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Der Geschäftsführer des Deutschen Wanderverbandes, Bernd Hartmann, verweist darauf, dass heute etwa zwei von drei Deutschen ab 16 Jahren wandern. Das kurbelt nicht nur den Absatz von Schuhen, Outdoor-Kleidung und Karten an, sondern sorgt auch für Umsätze in Gaststätten, Hotels und Pensionen.

Pro Jahr ergibt sich nach Angaben des Verbandes eine Wertschöpfung von rund 7,8 Milliarden Euro in den Regionen. Von diesen Einnahmen profitiert vor allem der ländliche Raum, in dem viele Wanderwege verlaufen und Übernachtungsbetriebe sowie Gastronomie angesiedelt sind.

Vom Freizeitspaß zum Lifestyle-Trend

Heinz-Dieter Quack, Leiter des Forschungszentrums Wandern an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter, beschreibt einen deutlichen Imagewandel. Seit den 1990er Jahren habe sich Wandern von einer eher betulichen Freizeitgestaltung zu einer Lifestyle-orientierten Aktivität entwickelt.

Die Arbeitsgruppe um Quack erstellt jährlich den sogenannten Wandermonitor mit unterschiedlichen Schwerpunkten, unter anderem zur wirtschaftlichen Bedeutung des Wanderns. Die Erhebung für 2025 zeigt, dass die Befragten in den zwei Jahren zuvor im Schnitt etwa 445 Euro für Ausrüstung ausgegeben haben. Besonders gefragt sind Schuhe, Socken und Hosen, aber auch Rucksäcke, Flaschen, Apps und Karten. Vor allem die 30- bis 49-Jährigen investieren kräftig in ihre Ausstattung.

Ausgaben unterwegs und günstiger Zugang

Unterwegs gaben die befragten Wanderer pro Tag im Schnitt mehr als 60 Euro aus, etwa für Gastronomie, Einkäufe oder die Nutzung von Bus und Bahn. Wer mehrere Tage am Stück unterwegs war, legte inklusive Übernachtung im Mittel noch rund 100 Euro pro Tag drauf.

Trotz dieser Ausgaben bezeichnet Quack das Wandern als vergleichsweise günstige Freizeitbeschäftigung. Man brauche vor allem gute Schuhe, könne ein Butterbrot einpacken und loslaufen. Die Nutzung der Wege selbst sei kostenlos. Instand gehalten werden sie von Ehrenamtlichen und Kommunen, was mit erheblichem Aufwand verbunden ist.

Wegefinanzierung und Serviceangebote

Quack interessierte sich zudem dafür, ob Wanderer bereit wären, für die Nutzung der Wege zu zahlen. Rund 43 Prozent der Befragten konnten sich dies vorstellen. Ob ein solches Modell in der Praxis tragfähig wäre, bleibt für ihn jedoch fraglich.

Versuche mit freiwilligen Beiträgen hätten bislang nur geringe Erlöse gebracht. Vielversprechender seien aus seiner Sicht zusätzliche Serviceangebote entlang der Wege, etwa organisierte Transfers, Verpflegung oder kostenpflichtige Parkplätze, über die Einnahmen generiert werden können.

Wanderland Deutschland mit dichtem Wegenetz

Der Deutsche Wanderverband spricht von einem deutschen Wanderwegenetz von mehr als 300.000 Kilometern. Diese Gesamtlänge ist etwa siebeneinhalbmal so groß wie der Erdumfang am Äquator. Mit seinen unterschiedlichen Landschaften bietet Deutschland damit viel Abwechslung – nicht nur für Einheimische.

Auch im Ausland wird die Bundesrepublik als „Wanderland“ beworben. Die Deutsche Zentrale für Tourismus hebt hervor, dass Wandern bei ausländischen Besuchern bei sportlichen Aktivitäten auf Deutschlandreisen an erster Stelle steht, knapp vor dem Radfahren. Besonders Gäste aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich interessieren sich für das Thema, reine Wanderurlaube sind auch bei Reisenden aus Großbritannien und Polen sehr gefragt.

Längere Aufenthalte ausländischer Gäste

Nach Angaben der DZT verbringen ausländische Gäste, die während ihres Deutschlandurlaubs wandern, im Schnitt 8,2 Nächte im Land. Das sei im Durchschnitt eine Nacht mehr als andere internationale Gäste.

Die zusätzliche Nacht gilt als wichtiger Beitrag zur Wertschöpfung im Reiseland Deutschland. Beliebte Wanderregionen sind dabei die Alpen und der Schwarzwald, gefolgt von der Region Mittelrhein und der Sächsischen Schweiz. Veranstaltungen und neue Angebote sollen helfen, weitere Gebiete stärker zu positionieren.

Vielfalt zwischen Pilgern, Stadtwandern und Extremsport

Die Formen des Wanderns haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Neben klassischer Ruhe in der Natur oder Pilgerwegen entdecken manche Menschen beim Stadtwandern – auch Urban Hiking genannt – Architektur, Parks und Quartiere in Städten.

Andere suchen gezielt sportliche Herausforderungen. So lockt ein Wandermarathon im Frankenwald nach Angaben der Organisatoren Hunderte Teilnehmer aus dem In- und Ausland an und ist meist binnen weniger Stunden ausverkauft. Im Harz werden regelmäßig lange Wandermärsche angeboten.

Extremtouren im Erzgebirge

In Sachsen führt der Fichtelbergmarsch Extremwanderer an einem Tag von Chemnitz zum Fichtelberg. Dabei müssen die Teilnehmenden mehr als 60 Kilometer und rund 1.700 Höhenmeter bewältigen. Der höchste Gipfel Ostdeutschlands ist überregional als Wintersportgebiet bekannt.

Wie in anderen Mittelgebirgen ist dort der Schnee im Winter jedoch häufiger knapp geworden. Um Gäste dennoch anzulocken und die Auslastung der Betriebe über das ganze Jahr zu steigern, setzt der Tourismus verstärkt auf Mountainbiking und Wandern. In der als Unesco-Welterbe anerkannten Bergbauregion stehen dafür zahlreiche Wege beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze zur Verfügung.

Neues Angebot Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun

Als neues sportliches Angebot startet im Erzgebirge der Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun. Auf der Strecke können Teilnehmer eine Tour von 62 Kilometern als Hike oder 86 Kilometern als Trailrun absolvieren – je nach Variante an drei, zwei oder nur einem Tag.

Für die neue Wander- und Trailrunningstrecke werden eigens Wegzeichen angebracht, um die Orientierung zu erleichtern. Damit bedient die Region gezielt die wachsende Nachfrage nach kombinierten Wander- und Laufangeboten mit sportlichem Anspruch.

Europäisches Wanderfest und Deutscher Wandertag

Hotelchefin Heinrich begrüßt solche neuen Angebote ausdrücklich. In dieser Woche ist die Region Gastgeber für das europäische Wanderfest Eurorando und den Deutschen Wandertag. Beide Veranstaltungen bringen zahlreiche Wanderfreunde aus dem In- und Ausland zusammen.

Heinrich setzt darauf, dass Gäste, die einmal im Erzgebirge waren, wiederkommen und Familie oder Freunde mitbringen. Viele Kenner gebe es noch nicht, betont sie, und verweist darauf, dass sich Wandern mit weiteren Anlässen wie Firmentagungen oder Kursen etwa zu Yoga verbinden lasse.

Wandern als wirtschaftlicher Faktor im Erzgebirge

Das Erzgebirge zeigt exemplarisch, wie sich ländliche Regionen mit gezielten Angeboten rund um das Wandern neu positionieren. Hotels wie das „Basislager Fichtelberg“ setzen auf ein klares Profil für sportlich aktive Gäste, von funktionaler Ausstattung bis zu Wellness-Angeboten nach langen Touren. Für die Region bedeutet dies eine schrittweise Abkehr von der einseitigen Ausrichtung auf den Wintersport hin zu einem ganzjährigen Aktivtourismus, der wetterunabhängiger ist und breitere Zielgruppen anspricht.

Strukturelle Effekte für ländliche Räume

Die in der dpa-Meldung genannten Zahlen zur Wertschöpfung verdeutlichen, dass Wandern weit über eine Nischenfreizeit hinausgeht. Ausgaben für Ausrüstung, Gastronomie, Übernachtungen und Mobilität summieren sich zu Milliardenbeträgen, die vor allem im ländlichen Raum ankommen. Damit greifen Kommunen und touristische Akteure einen Trend auf, der seit den 1990er Jahren durch den Imagewandel vom „betulichen“ zum lifestyleorientierten Wandern geprägt ist. Investitionen in Wegeinfrastruktur, Beschilderung und Serviceangebote entlang der Routen werden zu Standortpolitik: Sie sichern Einkommen für Hotellerie, Gastronomie und den Einzelhandel und können helfen, Abwanderungstendenzen abzufedern.

Touristische Positionierung und mögliche Folgen

Die Kombination aus klassischen Wanderwegen, Extremformaten wie Wandermarathons und Trailruns sowie internationalen Veranstaltungen stärkt die Marke „Wanderland Deutschland“ und konkret die Wahrnehmung des Erzgebirges als moderne Outdoor-Region. Längere Aufenthaltsdauern ausländischer Gäste erhöhen die lokale Wertschöpfung und verankern die Region stärker in internationalen Zielgruppen. Für Leserinnen und Leser in anderen Mittelgebirgsregionen zeigt das Beispiel, dass sich mit klug konzipierten Angeboten rund ums Wandern neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, sofern Infrastruktur, Servicequalität und ein klares Profil zusammenspielen.

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