IHK warnt vor immensem Schaden durch Niedrigwasser am Rhein
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 15:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas anhaltende Niedrigwasser im Rhein setzt der Wirtschaft in Deutschland erheblich zu und könnte nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammern (IHK) in Rheinland-Pfalz in diesem Jahr einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen.
Kritische Lage am Engpass Kaub
Nicole Rabold, verkehrspolitische Sprecherin der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz, sprach von einer „wirklich kritischen Situation“. Nach ihren Angaben ist eine wirtschaftlich sinnvolle Binnenschifffahrt nicht mehr möglich, wenn der Pegelstand am rheinland-pfälzischen Kaub unter 40 Zentimeter fällt. Der Mittelrhein-Abschnitt zwischen St. Goar und Mainz gilt als zentraler Engpass auf der wichtigen Wasserstraße.
Ein Pegelstand beschreibt die Wasserhöhe relativ zu einem festgelegten Punkt und nicht die tatsächliche Tiefe bis zum Flussbett. Für die Schifffahrt entscheidend ist die Fahrrinnentiefe, also der Bereich mit festgelegten Breiten und Tiefen für den Schiffsverkehr, die je nach Rheinabschnitt unterschiedlich sind.
Historische Tiefststände und Einbruch der Frachtschifffahrt
Nach einigen Regenfällen war der Pegel in Kaub zwar zuletzt leicht gestiegen, lag in den vergangenen Tagen aber wieder unter dem bisherigen Tiefstwert von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Im Sommer dieses Jahres war der Pegel dort bereits einstellig. In der Folge brach die Frachtschifffahrt auf dem Rhein ein: Güterschiffe können nach Angaben der IHK teilweise gar nicht mehr oder nur noch leer fahren, was die Transportkosten deutlich erhöht.
Historische Tiefststände werden nicht nur in Kaub gemessen. Auch in Köln bewegte sich der Pegelstand zuletzt wieder unter dem bisherigen Tiefstwert von 69 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Damit ist ein weiterer wichtiger Abschnitt des Rheins von Einschränkungen betroffen.
Verkehrsminister erwartet häufigere Niedrigwasserphasen
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) rechnet damit, dass es in Deutschland infolge des Klimawandels künftig häufiger zu Niedrigwasserphasen kommt. Dies werde erhebliche Folgen für den Gütertransport haben, erklärte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. In diesem Sommer seien die Niedrigwasserstände besonders früh und heftig aufgetreten.
Bilger verwies darauf, dass durch die Aussetzung des Feiertagsfahrverbots für Lastwagen, zusätzliche Kapazitäten auf der Schiene und das Verschieben nicht dringender Baustellen Versorgungsengpässe vermieden worden seien. Zugleich forderte er, die Wasserstraßen auszubauen. Gerade am Rhein, über den die meisten Güter transportiert werden, müsse die Infrastruktur gestärkt werden.
Debatte um Rheinvertiefung und Investitionen
Der Verkehrsminister bezeichnete die Wasserstraße als den umweltfreundlichsten Verkehrsweg. Wenn im Sommer über mehrere Wochen kaum Gütertransport möglich sei, drohe das Vertrauen der Kunden in das Binnenschiff verloren zu gehen. Bei der seit Jahrzehnten diskutierten Rheinvertiefung müsse man „jetzt endlich anpacken“, sagte Bilger.
Auch Rabold betonte, eine einzelne Maßnahme werde das Problem nicht lösen. Eine Vertiefung des Rheins könne zwar helfen, gleichzeitig müsse der Bund jedoch deutlich mehr in die Wasserstraßen investieren. Verbesserte Wasserstandsprognosen könnten dazu beitragen, Transporte präziser zu planen.
Schaden und Folgen für Verbraucher
Wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden in diesem Jahr ausfallen wird, ist nach Angaben der IHK noch offen. Im Niedrigwasserjahr 2018 wurde er auf rund 2,4 Milliarden Euro beziffert. Seither wurden Investitionen getätigt und die Logistik unter anderem durch Niedrigwasserschiffe optimiert.
Rabold sagte, ob der Schaden den von 2018 übertreffen werde, bleibe abzuwarten. Bereits jetzt sei aber davon auszugehen, dass der volkswirtschaftliche Schaden „immens“ sein werde. Die zu erwartende Häufung von Niedrigwasserjahren im Zuge des Klimawandels verstärke den Handlungsdruck.
Auch Verbraucher dürften die Folgen länger spüren. Mit Blick auf die eingeschränkten Transporte auf dem Rhein verwies Rabold insbesondere auf Kraftstoffpreise. Es werde noch bis Oktober dauern, bis an den Zapfsäulen wieder normale Preise zu erwarten seien, erklärte sie.
Schlüsselfunktion des Rheins für die Versorgung
Der Rhein ist eine der zentralen Verkehrsachsen für die deutsche und europäische Wirtschaft. Besonders der Abschnitt zwischen St. Goar und Mainz mit dem Pegel Kaub gilt als Engpass, weil hier die Tiefenverhältnisse für die Binnenschifffahrt über weite Strecken bestimmen, wie viel Ladung Schiffe aufnehmen können. Wenn der Pegel wie beschrieben auf Werte um oder sogar deutlich unter 40 Zentimeter fällt, verlieren viele Frachter ihre wirtschaftliche Einsetzbarkeit, was unmittelbare Folgen für Energieversorger, Chemieunternehmen, Baustoffproduzenten und andere Industriebranchen hat.
Lehren aus 2018 und strukturelle Verwundbarkeit
Das Niedrigwasserjahr 2018 mit einem volkswirtschaftlichen Schaden von rund 2,4 Milliarden Euro zeigt, wie verletzlich Lieferketten gegenüber hydrologischen Extremsituationen sind. Unternehmen haben seitdem zwar reagiert, etwa mit Niedrigwasserschiffen und optimierten Logistikketten, doch die aktuelle Lage macht deutlich, dass technische Anpassungen allein die Abhängigkeit vom Rhein nicht vollständig ausgleichen. Gerade für Massengüter wie Kohle, Erz, Mineralölprodukte oder chemische Vorprodukte ist der Wechsel auf andere Verkehrsträger oft nur begrenzt möglich und mit erheblichen Mehrkosten verbunden.
Klimawandel, Verkehrspolitik und Folgen für Verbraucher
Die Einschätzung, dass Niedrigwasserphasen künftig häufiger und früher auftreten, fügt sich in die breitere Klimadebatte ein, in der neben Hochwasserereignissen zunehmend auch Trockenheit und Niedrigwasser als Risiko betrachtet werden. Forderungen nach einer Vertiefung des Rheins und höheren Investitionen in Wasserstraßen zielen darauf, die Anpassungsfähigkeit der Schifffahrt zu verbessern und Lieferketten robuster zu machen. Für Verbraucher können sich diese Infrastruktur- und Klimafragen spürbar in den Preisen niederschlagen: Wenn Transportkapazitäten über Wochen eingeschränkt sind und Alternativen teurer sind, verteuern sich insbesondere Kraftstoffe und andere Güter, was sich bis in den Alltag an der Zapfsäule oder im Handel bemerkbar machen kann.
