IG Metall Autoindustrie: Benner attackiert Vorstände beim VW-Aktionstag scharf
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 11:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
IG-Metall-Chefin Christiane Benner hat beim Aktionstag im VW-Stammwerk Wolfsburg die Spitzen der deutschen Autoindustrie scharf kritisiert und ihnen fehlende Verantwortung für Beschäftigte und Standorte vorgeworfen.
Aktionstag an über 200 Orten
Benner erklärte laut Mitteilung, wie in Wolfsburg versammelten sich bundesweit Beschäftigte der Automobil- und Zuliefererindustrie, um Arbeitgebern und Politik deutlich zu machen, dass ihre Geduld erschöpft sei. Die IG Metall hatte für Montag zu Aktionen an mehr als 200 Orten aufgerufen, bei denen über 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet wurden. Die Gewerkschaft sieht die Branche angesichts des Strukturwandels, des Kostendrucks und geplanter Stellenstreichungen in einer tiefen Krise.
Schwere Vorwürfe gegen Vorstandschefs
Unternehmen wie Volkswagen, BMW, Audi, Bosch, Mercedes und Porsche hätten lange für hochwertige Autos und exportstarke Produkte gestanden, auf die die Belegschaften stolz gewesen seien, betonte Benner. Nun würden die Vorstände die Branche „mit Vollgas gegen die Wand fahren“ und sich anschließend ihrer Verantwortung entziehen, so ihre Kritik. Sie forderte, die Unternehmensspitzen müssten sich klar zu ihrer Verantwortung für das Autoland Deutschland, für die Beschäftigten und für die Arbeitsplätze bekennen.
Forderungen an die Politik
Von der Politik verlangte Benner verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in die Industrie, bezahlbare Energiepreise sowie die Förderung eines „Made in EU“-Ansatzes. Zudem nannte sie Schutz vor unfairem Wettbewerb, gezielte Finanzhilfen für Zulieferer im Umbau und die Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen als zentrale Punkte. Die Beschäftigten müssten sich in der Umbruchphase sowohl auf eine absichernde Sozialpolitik als auch auf eine verlässliche Industriepolitik verlassen können.
Konflikt mit Volkswagen als Signalfall
Besondere Bedeutung misst Benner dem laufenden Konflikt bei Volkswagen zu. Dessen Ausgang habe nach ihren Worten „enorme Strahlkraft“ für die gesamte Auto- und Zuliefererbranche in Deutschland. VW müsse seiner Verantwortung als sozialer Arbeitgeber wieder gerecht werden, sagte sie. Veränderungen seien nur gemeinsam mit der Belegschaft möglich, nicht gegen sie.
„Kein Weg aus der Krise“ durch Sparprogramme
Benner warnte davor, Krisenbewältigung auf harte Sparprogramme zu reduzieren. Es sei kein Weg aus der Krise, „den letzten Cent aus den Beschäftigten herauszupressen, ihn an die Aktionäre zu verteilen und Werke dichtzumachen“, stellte sie klar. Zukunft entstehe nicht durch Kostensenkung allein. Angesichts der millionenschweren Bezüge der Vorstände erwarte sie bessere Ideen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten.
Aktion im Werk ohne Medienpräsenz
Die Aktion der IG Metall im Wolfsburger VW-Werk fand ohne direkte Medienpräsenz statt. Medienvertreter waren auf dem Werksgelände nicht zugelassen. Nach Angaben von Betriebsrat und Gewerkschaft hatte der Konzernvorstand um VW-Chef Oliver Blume dies in der Woche zuvor verfügt.
Aktionstag im Kontext der Auto-Krise
Die Aussagen von Christiane Benner fallen in eine Phase tiefgreifender Umbrüche in der deutschen Autoindustrie. Viele Hersteller und Zulieferer bauen Stellen ab, schließen oder verkleinern Standorte und verlagern Produktion, um sich an Elektromobilität, Digitalisierung und globalen Wettbewerb anzupassen. Für Beschäftigte bedeutet dies eine Kombination aus Transformationsdruck, Rationalisierungsprogrammen und der Sorge um die eigene berufliche Perspektive.
Vor allem bei Volkswagen steht der aktuelle Konflikt exemplarisch für die Spannungen zwischen Renditedruck und sozialer Verantwortung. Wenn die IG Metall von „Strahlkraft“ des VW-Konflikts spricht, zielt sie auf die Signalwirkung für andere Konzerne: Setzen Vorstände vor allem auf Sparprogramme, Kostensenkung und mögliche Werksschließungen, oder wählen sie Investitionen in neue Produkte und Qualifizierung der Belegschaften als Weg aus der Krise? Die Antworten darauf sind mit Blick auf die industrielle Basis ganzer Regionen wie Niedersachsen, Bayern oder Baden-Württemberg entscheidend.
Politik zwischen Standortschutz und Wettbewerbsfähigkeit
Benners Forderungen an die Politik spiegeln den Versuch wider, industriepolitische Sicherungsnetze zu stärken: bezahlbare Energie für energieintensive Produktion, verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen und Unterstützung von Zulieferern, die unter dem Strukturwandel besonders leiden. Die Forderung nach einem „Made in EU“-Ansatz zeigt zugleich die Sorge, gegenüber Herstellern aus den USA und China ins Hintertreffen zu geraten, wenn diese von massiven staatlichen Förderprogrammen profitieren.
Bedeutung für Beschäftigte und Regionen
Für die Beschäftigten der Auto- und Zuliefererindustrie geht es nicht nur um Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch um Mitgestaltung des Wandels. Wenn Benner betont, Veränderung gehe nur mit der Belegschaft, wird deutlich: Die Gewerkschaft will in Transformationsprozessen frühzeitig eingebunden sein und Tarifregelungen wie Altersteilzeit sichern, um sozial abgefedert auf neue Technologien und Geschäftsmodelle reagieren zu können. Angesichts der hohen regionalen Abhängigkeit vom „Autoland Deutschland“ sind die Auseinandersetzungen bei VW und anderen Konzernen damit auch eine Frage der wirtschaftlichen Stabilität ganzer Kommunen und Regionen.
